Modellversuch

Warum in Kreuzberg in Gruppen eingeschult wird

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Florentine Anders

Foto: Marion Hunger

Einfach, aber effektiv: An der Lenau-Grundschule in Kreuzberg werden Kindern, die sich kennen, als Gruppe eingeschult. Damit reagiert die Schule auf die Sorgen bildungsbewusster Eltern aus dem Kiez.

Die sechsjährige Luca kann schon ihren Namen schreiben, rückwärts zählen und das Lied vom Lesen lernen singen. Die Schülerin der Lenau-Grundschule in Kreuzberg wurde vor einem Monat gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Lucy eingeschult. Die Klasse ist für sie nicht ganz neu, denn einige Kinder kannte sie schon aus der Kita. Luca und Lucy gehören zu der Gruppe, die gemeinsam an der Lenau-Schule angemeldet wurde. Eltern hatten das neue Modell vor einem Jahr ins Leben gerufen, um eine ausgewogene Mischung der Schülerschaft zu erreichen. Die Kinder können zusammen mit Freunden als Gruppe angemeldet werden, die dann auch so in einer Klasse erhalten bleibt. Damit soll den Eltern die Angst genommen werden, dass ihr Kind allein in einer Klasse mit hohem Migrantenanteil eingeschult wird.

Das Problem entstand vor einigen Jahren. Als die Rosegger-Schule wegen zu geringen Anmeldezahlen schließen musste, wurden die Kinder von der nahegelegenen Lenau-Schule aufgenommen. Der Anteil von Migrantenkindern erhöhte sich schlagartig. Hinzu kamen Berichte über Gewalt auf dem Schulhof, die in den Familien Besorgnis auslösten. Die Anmeldezahlen gingen zurück. Bildungsbewusste Eltern versuchten, die Schule zu meiden und ihre Kinder in der benachbarten Reinhardswald-Schule oder Charlotte-Salomon-Schule unterzubringen. Die Lenau-Schule geriet in die Schieflage. Sie wurde zur „Restschule“, während die anderen Schulen längst nicht mehr alle Bewerber aufnehmen konnten. Während im Bergmannkiez die Mischung zwischen Zuwandererfamilien und deutschsprachigen Familien ausgewogen ist, zeigte sich an den Schulen ein anderes Bild. Diese einen hatten überwiegend Schüler deutschsprachige Herkunft, während die Lenauschule bis zu 80 Prozent Migrantenkinder aufnahm.

Markus Münch gehörte zu jenen, die die Vernetzung der Eltern vor einem Jahr vorangetrieben haben. Wegziehen oder die Suche nach einer Privatschule waren für ihn keine Alternativen. Über Facebook, über die Kitas und über die Heilig-Kreuz-Gemeinde fanden sich die Eltern zusammen. Eltern, die sich eine gute Schule in ihrem Kiez wünschen.

Zwei Lehrer und eine Erzieherin

Die Lenau-Schule selbst ist mit einem Film an die Öffentlichkeit gegangen, der zeigen sollte, was die Einrichtung zu bieten hat. Die Grundschule an der Nostitzstraße ist eine gebundene Ganztagsschule. Die jahrgangsgemischten Gruppen werden jeweils von zwei Lehrern und einer Erzieherin betreut. Jede Klasse hat einen Klassen- und einen benachbarten Freizeitraum. Dabei nehmen die Erzieher am Nachmittag die Themen auf, die die Kinder im Unterricht behandelt haben. Geht es etwa um Obst, wird am Nachmittag ein Pflaumenkuchen gebacken. Die Kinder bleiben immer in der festen Bezugsgruppe zusammen. Mit diesem Konzept und der passenden räumlichen Ausstattung ist die Schule in ihrer Region einmalig. „Viele Eltern zeigten Interesse, doch die Sorge der bildungsbewussten Eltern blieb, dass ihre Kinder in einer Klasse mit hohem Anteil von Schülern aus bildungsfernen Familien nicht genügend gefördert werden“, sagt Schulleiterin Karola Klawuhn. Erst durch die Möglichkeit der Gruppenanmeldungen seien diese Ängste beseitigt worden. Dabei seien in den Gruppen gar nicht vorrangig Kinder deutscher Herkunft. Viele seien aus Familien, in denen ein Elternteil aus dem Ausland komme.

„Die Schule dreht sich wieder“, sagt Markus Münch. Seit einigen Wochen geht sein Sohn jetzt in die Lenau-Schule. „Er ist sehr zufrieden“, sagt Münch. Besonders schön sei, dass sein Sohn schon den größten Teil der Gruppe durch das Netzwerk kannte. Positiv überrascht ist der Vater von dem Engagement der Schule. „Die Kinder haben in den ersten Wochen schon so viel unternommen, sogar die Ausstellung Gesichter der Renaissance haben sie schon gesehen“, sagt der Vater.

Münch war auch am Donnerstag in der Heilig-Kreuz-Kirche dabei, um bei einer Informationsveranstaltung die Eltern der künftigen Erstklässler von dem Gruppen-Modell zu überzeugen. „Es geht nicht nur um die objektiven Vorteile wie Ausstattung und Ganztagsbetreuung“, sagt er. Wichtig sei, dass sich die Kinder auch subjektiv wohlfühlen. Genau das will er den Eltern der Kinder aus den umliegenden Kitas, die sich im Oktober an einer Grundschule anmelden müssen, vermitteln. „Wir haben einen Aufschwung angestoßen, von dem weitere Jahrgänge profitieren können“, heißt es in der Einladung zu dem Informationsabend für Eltern.

Elternabende sind gut besucht

Die Lehrer der Lenau-Grundschule sind zufrieden mit den ersten Erfahrungen der Gruppenanmeldungen. „Die Kinder sind weniger verunsichert und müssen sich nicht erst finden“, sagt Schulleiterin Klawuhn. Dadurch gebe es weniger Anlaufschwierigkeiten. Durch die Jahrgangsmischung sei gesichert, dass die Gruppen nicht unter sich bleiben. Auch die Elternabende seien jetzt besser besucht. „Es ist schön, wenn die Eltern etwas bewegen wollen.“

Inzwischen beobachten auch Eltern aus Mitte mit Neugier das erfolgreiche Modell der Kreuzberger Mischung, bestätigt Holger Kulick, Gesamtelternvertreter der Papageno-Schule. Auch hier sind einige wenige Schulen in Alt-Mitte überfüllt, während Schulen im benachbarten Wedding nicht genügend Anmeldungen haben. Durch veränderte Einzugsgebiete wollte der Bezirk die Eltern aus Alt-Mitte Richtung Wedding lenken. Doch ohne Erfolg. Die Eltern klagten sich die Plätze an ihrer wohnortnahen Schule ein oder flüchteten an Privatschulen.