Bahnhof

Ostkreuz-Umbau trifft S3-Kunden ab Dezember hart

Berlins größter und wichtigster S-Bahnhof, das Ostkreuz, ist kaum wiederzuerkennen. Wo vor allem Rost das Bild bestimmte, wächst eine imposante neue Bahnhofshalle. Doch ab Dezember werden vor allem Fahrgäste der S3 wenig Freude daran haben.

Noch geht es nur über eine wacklige Holzleiter in die neue Bahnhofshalle am Ostkreuz. 132 Meter lang und bis zu 50 Meter breit spannt sich das Bauwerk aus Beton, Glas und Aluminium-Dachplatten über den künftigen S-Bahnsteig. Nur noch leise Baugeräusche schallen durch die Halle. Das Grobe ist geschafft. Bald beginnt der Innenausbau. Naturstein-Fußboden, Treppen, Aufzüge zur Sonntag- und zur Hauptstraße, Pavillons für Kaffee- und Zeitungsverkäufer. Im April kommenden Jahres sollen die ersten Ringbahn-Züge in dem zwölf Millionen Euro teuren Neubau halten.

Bislang hält die S-Bahn am künftigen Regionalbahnsteig. Für das Umschwenken der Gleise in die Halle und diverse andere Arbeiten droht in den Osterferien kommenden Jahres eine mehr als zweiwöchige Sperrung.

Für die Fahrgäste der Ringbahn sind die schlimmsten Einschränkungen durch den Ostkreuz-Umbau danach vorbei. Schon in Kürze sollen nach Bahn-Angaben die regelmäßigen Wochenendsperrungen auf dem Ostring Geschichte sein. 250 Kilometer Signalkabel wurden dort seit Herbst 2010 verlegt. Jetzt werden noch Weichen am Bahnhof Landsberger Allee und Signale entlang der Strecke gebaut. Nur dreimal heißt es im Oktober von Freitagabend bis Montagfrüh noch „Umsteigen zum Ersatzverkehr mit Bussen.“

Soweit die guten Nachrichten für die S-Bahn-Kunden. Umso härter trifft das 411-Millionen-Euro-Projekt Ostkreuz-Umbau von Mitte Dezember an die Fahrgäste der Linie S3 (Erkner-Spandau). Für vier Jahre enden die aus Osten kommenden Züge bereits am Ostkreuz. Der Grund: Alle Stadtbahnlinien müssen auf die südlichen Gleise verlegt werden, um im Norden mit dem Neubau der künftigen Bahnsteige zu beginnen. Die S3 sei „die Opferstrecke“, sagt Projektleiter Mario Wand. Sie ist über Jahre faktisch vom Rest des Netzes abgeschnitten. Inselbetrieb heißt das im Fachjargon der Bahn. Die S-Bahn hat eigens die Werkstatt in Erkner reaktiviert und aufgerüstet, damit die meisten Wartungsarbeiten an den S3-Zügen dort erledigt werden können. Für schwerere Instandsetzungsarbeiten müssen die Fahrzeuge mit Loks über die Fernbahngleise geschleppt werden.

Besonders betroffen vom Inselbetrieb sind in der ersten Bauphase – bis etwa Juli 2013 – Fahrgäste, die gehbehindert sind, im Rollstuhl oder mit Kinderwagen unterwegs sind. Weil es am Ostkreuz noch keine Aufzüge gibt, führt die barrierefreie Route aus Richtung Rummelsburg in Richtung Innenstadt nur über einen erheblichen Umweg. Wer mit der S3 am Ostkreuz ankommt, muss vom selben Bahnsteig mit einem Zug der Linien S5, S7 oder S75 zunächst wieder eine Station stadtauswärts fahren, um dann am Nöldnerplatz abermals umzusteigen – diesmal in einen Gegenzug in Richtung Innenstadt. Vor allem im morgendlichen Berufsverkehr, wenn die Stadtbahnzüge aus Richtung Osten ohnehin regelmäßig überfüllt sind, könnte das nach Einschätzung von Experten zum Problem werden.

Neuer Verkehrsknoten

„Wir sind uns bewusst, dass wir den Kunden einiges zumuten“, sagt Projektleiter Wand. Dieser Satz gilt mit großem Ausrufezeichen auch im kommenden Jahr. 16 Tage – vom 31. März bis zum frühen Morgen des 16. April – wird der Ostring für den S-Bahn-Verkehr gesperrt. Obwohl die Sperrung in die Osterferien fällt, rechnet Wand mit erheblichen Problemen. Schon jetzt laufen Abstimmungen mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und anderen Verkehrsunternehmen mit dem Ziel, so der Projektleiter, „den öffentlichen Nahverkehr in dieser Zeit nicht zum Erliegen kommen zu lassen“. Die lange Unterbrechung ist nach seinen Angaben nötig, weil in dieser Zeit eine Vielzahl von Arbeiten gebündelt wird. Gleise werden vom jetzigen Bahnsteig in die Halle verlegt, am Wiesenweg wird eine neue Bahn-Überführung vorbereitet und an der Frankfurter Allee wird das neue elektronische Stellwerk – Grund für die seit Monaten nötigen Wochenendsperrungen – in Betrieb genommen.

Bis das marode Ostkreuz endgültig zum modernen Umsteigebahnhof geworden ist, müssen sich die Fahrgäste indes noch lange gedulden. Bis 2016 wird nach aktuellen Planungen gebaut. Täglich bis zu 110000 Ein-, Aus- und Umsteiger sind betroffen. Nach der Fertigstellung rechnet die Bahn sogar mit täglich 123000 Nutzern. Dann ist das Ostkreuz barrierefrei. Dann sollen alle stadteinwärts fahrenden Züge ebenso am gleichen Bahnsteig abfahren wie die stadtauswärts fahrenden. Dann soll auch der Bahnhof Warschauer Straße umgebaut und mit einer Eingangshalle aufgewertet sein (siehe Infokasten). Dann sollen vor allem auch Regionalzüge am Ostkreuz halten. Den Auftakt machen voraussichtlich bereits Ende 2013 einige Verbindungen über die Ringbahn. 2016 – so lautet das Ziel – sollen dann die Züge der wichtigsten Ost-West-Linien RE1 (Magdeburg-Eisenhüttenstadt), RE2 (Rathenow-Cottbus) und RE7 (Dessau-Wünsdorf Waldstadt) am Ostkreuz halten.

Der Zeitplan wackelt

Eine Hürde gibt es auf dem Weg zum vollwertigen Regionalbahnhof aber noch, wie Wand zugeben muss. Um Platz für die Bauarbeiten zu schaffen, musste das dritte Fernbahngleis in Richtung Rummelsburg vorübergehend stillgelegt werden. Um es wieder aufzubauen, muss ein Viadukt an der Karlshorster Straße verbreitert werden. Der alte Gleisabstand entspricht nicht mehr den aktuellen Vorschriften. Ohne drittes Gleis sei ein zusätzlicher Halt auf der viel befahrenen Trasse, über die auch Züge in die Werkstatt in Rummelsburg rollen, nicht möglich, sagt der Projektleiter. Eine Baugenehmigung gibt es noch nicht. Und Wand rechnet nach Genehmigung und Ausschreibung mit vier Jahren Netto-Bauzeit.

Nach Angaben der Genehmigungsbehörde, dem Eisenbahn-Bundesamt, ruht das Verfahren derzeit. Auch auf Wunsch der Bahn, die ihre Verkehrsprognosen aktualisieren will.