Staatsbesuch

So bereitet sich Berlin auf den Papst vor

Einen Tag vor dem Besuch von Papst Benedikt XVI. steigt bei Berlins Katholiken die Anspannung. Doch 20.000 Gegner wollen am Donnerstag demonstrieren, ein Plakat mit dem Konterfei des Heiligen Vaters fiel bereits einer Farbbeutel-Attacke zum Opfer.

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Mi, 21.09.2011, 16.09 Uhr

Vorbereitungen auf Papst-Besuch

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Die blaue Farbe hat das Gesicht von Papst Benedikt XVI. knapp verfehlt. Die Farbbeutel, die ein Unbekannter auf ein Papstplakat an der Kirchenmauer der Johannes-Basilika und an die Nuntiatur in Neukölln geschleudert hat, sind mittlerweile eingetrocknet. Die Flüssigkeit hat die Kirchenmauer unterhalb des Willkommensposters getroffen und sich statt auf Seine Heiligkeit über die Büsche und Pflastersteine vor der Kirche ergossen. Der Pfarrer der polnisch-katholischen Gemeinde an der Lilienthalstraße ist schockiert. "Der Papst kommt doch auf Einladung der Regierung, da kann man doch ein wenig Toleranz von den Menschen erwarten", sagt Marek Kedzierski.

Seit Monaten bereitet er sich und seine Gemeinde auf den hohen Besuch vor. Sie lesen die Schriften des Papstes, ein Künstler hat eine Bildergalerie angefertigt, Lieferanten haben frische Blumen für den Altar gebracht. Kedzierski wolle sich so vorbereiten, als käme der Papst zu ihm zu Besuch, in seine Kirche. Tatsächlich ist Seine Heiligkeit nebenan zu Gast. In der Nacht zu Freitag, nach der Messe im Olympiastadion, wird er in der Apostolischen Nuntiatur in der Lilienthalstraße übernachten.

Ausweispflicht für Anwohner

Vor der Botschaft des Papstes herrschte schon zwei Tage vor dem hohen Besuch Ausnahmezustand. In der Straße gilt absolutes Halteverbot, Lieferanten dürfen nicht parken, Polizisten bewachen die Straße und die Nuntiatur. Gullydeckel und Abflüsse sind mit neongrünen Farbpunkten und silbernen Klebestreifen gekennzeichnet. Die Polizei hat sie kontrolliert und abgedichtet. Mitarbeiter der Stadtreinigung rupfen Unkraut und sammeln Chipstüten von den Gehwegen auf dem Südstern. Anwohner haben Briefe erhalten, in denen ihnen Unannehmlichkeiten angekündigt werden, sollten sie am Donnerstag ihre Fenster öffnen oder Besuch empfangen. Beides ist strikt verboten. Wer sein Haus betreten will, muss seinen Ausweis bereithalten, auf den Balkonen darf keiner stehen.

"Das ist doch absurd, ich bin evangelisch, der Papst bedeutet mir doch gar nichts", sagt Anwohner Carsten Böhmer. "Ich finde das bedenklich, zu wissen, dass Scharfschützen in unserer Umgebung sind und ihre Gewehre auch auf mein Fenster richten."

Sein Nachbar Josef Schwab beugt sich über seine Balkonbrüstung im ersten Stock. "Natürlich stell ich mich am Donnerstag auf meinen Balkon", sagt er, "so nah war mir der Papst noch nie, jetzt will ich ihn auch sehen." In dem Brief, meint er, stehe nur was von Fenstern und nichts von seiner Balkontür.

Eine Postbotin hat gerade Briefe in seinem Haus eingeworfen und steigt auf ihr Fahrrad. "Dürft ihr am Donnerstag Post zustellen?", fragt der Anwohner sie. Schulterzucken. "Bestimmt nicht", antwortet Schwab an ihrer Stelle, "die Müllabfuhr ist ja heute schon nicht mehr gekommen, weil sie nicht durch die Straße fahren darf." Die Farbbeutelattacke auf die Kirche, die verurteilt aber auch Schwab.

Auch Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin, beunruhigt der Anschlag. "Das ist ein Signal für uns, zu sehen, dass der Papst nicht bei allen willkommen ist", sagt er. Dass die Anwohner der Nuntiatur für den Tag des Besuches eingeschränkt sind, tue ihm aber leid. "Das ist bitter, nicht die Fenster öffnen und keinen Besuch empfangen zu dürfen, aber das ist seit Bestehen der Nuntiatur das erste Mal, dass ein Papst zu Gast ist. Wir hoffen auf ein wenig Verständnis bei den betroffenen Menschen", sagt er.

Keine Macht den Dogmen

Bis zu 20.000 Menschen wollen am Donnerstag kein Verständnis zeigen und den Papst auch nicht willkommen heißen. Unter dem Motto "Keine Macht den Dogmen!" protestieren sie auf dem Potsdamer Platz. Von dort aus ziehen die Papstgegner mit Wagen und Musik zum Bebelplatz, wo eine Abschlusskundgebung geplant ist. 67 Gruppierungen haben sich zusammengeschlossen, um gegen die Geschlechter- und Sexualpolitik der katholischen Kirche aufzustehen.

Holger Wicht von der Aids-Hilfe Berlin wird die Kundgebung moderieren. "Mit dem dogmatischen Kondomverbot verleitet die katholische Kirche viele Millionen Gläubige dazu, ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel zu setzen", sagt er. Für ihn sei das das Gegenteil von Nächstenliebe. Auch die 19 Jahre alte Wibke Gneuß will am Donnerstag friedlich mitdemonstrieren. "Ich will in einer bunten, freien und offenen Gesellschaft leben, in der jeder Mensch mit seinen Bedürfnissen anerkannt wird", sagt sie. Es sei ihr wichtig, zu zeigen, dass die Politik der Kirche nicht mehr zeitgemäß sei.

VIP-Zugang zum Papst

Angelika Watrucka freut sich auf den Papst. Sie bedient im polnischen Café "Maly Ksiaze" gleich gegenüber der Nuntiatur. Sie ist Mitglied der katholisch-polnischen Gemeinde von St. Johannes und hofft auf einen VIP-Zugang zum Papst. "Ich gehe auf jeden Fall ins Olympiastadion zur Messe, aber vielleicht werde ich ja noch für ein Treffen mit dem Papst in die Nuntiatur eingeladen." Im Café gibt es zwei Tage vor dem Besuch "Kremówka", eine polnische Kuchenspezialität aus Wadowice, der Heimat von Johannes Paul II. Am Donnerstag muss aber auch das Café in der Lilienthalstraße geschlossen bleiben. Aus Sicherheitsgründen.

Gegenüber parkt ein Lieferwagen mit angeschalteter Warmblinkanlage vor dem Domizil des Papstes. Ein Polizist spricht den Fahrer sofort an. Er wisse doch, dass er hier nicht halten dürfe. "Ich mache doch nur meinen Job", sagt der Lieferant. Der Polizist lässt ihn gewähren, verwarnt ihn aber. Er bringe Fleisch und Butter, sagt der Lieferant, verhungern müsse der Papst also nicht. Dann steigt er ein und verlässt die Straße.

Ein Paketbote hat mit seinem Lieferwagen mehr Glück. Auch er parkt vor einem Haus in der Lilienthalstraße. "Wir dürfen eigentlich schon seit Samstag nicht mehr in die Straße fahren, aber ich bin einfach an der Polizei vorbeigefahren", sagt er. "Zum Glück, wenn wir die Pakete nämlich nicht liefern können, bekommen wir auch kein Geld."

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