Tödliche Hatz

Giuseppe war zur falschen Zeit am falschen Ort

Der 23-jährige Giuseppe M. starb in Berlin-Westend auf der Flucht vor Gewalttätern mit Migrationshintergrund. Sein Tod erzählt viel über Integration.

Panische Angst muss er empfunden haben, bevor er starb, er rannte so schnell er konnte, er wollte um jeden Preis davonkommen, denn er wollte nicht das nächste Opfer sein, verprügelt von Jugendlichen, die auch dann noch schlagen, wenn man bereits am Boden liegt. Er war ihnen überlegen, er war sportlich und intelligent, hatte sogar ein Anti-Gewalt-Training gemacht, doch er konnte sich nicht retten, vor der unkalkulierbaren Gewaltbereitschaft der Täter. Seine Art der Überlegenheit hätte ihm genutzt, wenn er auf zivilisierte Menschen getroffen wäre. Die Männer aber sind alles andere als das.

Giuseppe M. war ein junger Mann, wie viele in dieser Stadt, er war attraktiv, hatte Zukunftspläne und bereits einiges geleistet in seinem kurzem Leben, einen Schulabschluss, eine Ausbildung zum Koch und stand kurz davor, sich einen Traum zu erfüllen – eine Ausbildung bei den Gebirgsjägern in Bayern, denn er liebte die Berge. Die zwei jungen Männer, Ali T. und Baris B., die nach einer Auseinandersetzung in der U-Bahn nicht von ihm abließen und ihn in einer Hetzjagd in den Tod getrieben haben sollen, hatten nichts von alledem, ihre einzigen Gemeinsamkeiten mit Giuseppe: Sie sind fast im gleichen Alter und haben einen Migrationshintergrund.

Giuseppes Eltern stammen aus Italien, die zwei bisher Verhafteten des Trios haben türkische Wurzeln. Hinter der Zuwanderungsgeschichte ihrer Eltern stehen Geschichten vom Erfolg und vom Scheitern, Geschichten von gelungener und misslungener Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland.

Wie stark Giuseppe und seine Familie in Deutschland integriert waren, zeigte eine spontane Mahnwache am Montagnachmittag am Kaiserdamm. Knapp 1000 Menschen – darunter die Familie, viele Freunde und Bekannte – waren gekommen, um Anteil zu nehmen.

Klare Sprache der Statistik

In Berlin sprechen die Zahlen der Intensivtäter-Statistik eine klare Sprache, die Gruppe der Jungen mit türkischen und arabischen Wurzeln unter ihnen ist in Relation zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung der Stadt besonders hoch.

Trotzdem oder gerade deshalb gilt es in bestimmten Kreisen als rassistisch, auch die Herkunft der Täter bei einer Beobachtung der Fälle zu berücksichtigen. Giuseppe M. hätte genau so gut Ahmet, Mehmet oder Fabian heißen können, jeder kann ein Opfer werden, besonders, wenn er nachts in Berlin mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Bei den Tätern hingegen gibt es in der Regel viele Gemeinsamkeiten, die auch gern als entlastendes Argument, mittlerweile sogar von ihnen selbst, vorgetragen werden: zerrütte Kindheit, Gewalt in der Familie, Arbeitslosigkeit und – daraus resultierend – Frust und Langeweile. Es ist schon bemerkenswert, wenn ein U-Bahn-Schläger mal aus besserem Hause kommt. Und während es immer selbstverständlich ist, bei rechter und linker Gewalt von rechten und linken Jugendlichen zu sprechen, sie zu kategorisieren und einer bestimmten Geisteshaltung zuzuordnen, hat es bei Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte immer einen negativen Beigeschmack. Natürlich bedient das rechtes Gedankengut, es verhindert aber auch eine differenzierte Problemanalyse.

Wer sich intensiv mit der Lebenswelt dieser sogenannten jugendlichen Intensivtäter mit Migrationshintergrund beschäftigt, erkennt auch hier eine bestimmte Geisteshaltung, eine Einstellung zum Leben und zu den Menschen, die geprägt ist von Ressentiments und Vorurteilen, von Feindbildern und einem gestörten Sozialverhalten, das seinen Ursprung auch und vor allem in der Erziehung zu Hause hat und auf der Straße im eigenen Milieu unter seinesgleichen weiter kultiviert wird. In dieser Welt gibt es Freund und Feind, klare Rollenmuster für Mann und Frau und den weitverbreiteten Glauben, das am eigenen Unglück vor allem die anderen Schuld sind: nämlich die, die eben nicht im selben Boot sitzen, Männer und Frauen, die sich nicht einzig aus der Zugehörigkeit zu einer kulturellen oder religiösen Gruppe definieren, die nichts von Machtdemonstrationen halten, denen die Eltern nicht mit Prügel und Zwang einen Lebensweg aufdrängen, und die sich nicht in einen Minderwertigkeitskomplex hineinsteigern, der sie sich als Opfer der Gesellschaft sehen lässt – und somit von jeder Verantwortung entbindet. Der freie Mensch, der selbstbestimmt sein Leben lebt, erzeugt bei ihnen nur Neid und Hass.

Soziale Probleme allein reichen nicht aus, um sich die Aggressivität vieler, meist muslimischer, Jugendlicher zu erklären. Fast jeder Berliner hat in seinem Bekanntenkreis einen Jugendlichen, der in der Schule, auf der Straße oder in der U-Bahn diese Aggression auf verschiedene Weise schon einmal zu spüren bekam. Für diese Begegnungen mit Gewalt gibt es keine Statistik, dafür aber eine weit verbreitete Methode damit umzugehen: Man weicht diesen Orten aus, holt seine Kinder von Diskothekenbesuchen persönlich mit dem Auto ab, wechselt den Wohnort oder die Schule, oder man bleibt und passt sich, je nach körperlichen und geistigen Fähigkeiten, an, wird zum Täter oder Opfer, wenn das Ausweichen nicht mehr geht.

Jeden Tag gibt es auf Berlins Straßen Begegnungen dieser Art, junge Männer wie Giuseppe M. wissen längst, dass die Stadt zur falschen Zeit am falschen Ort zum Dschungel wird, in dem Jugendliche sich wie wilde Tiere aufführen, wo ein falscher Blick, ein Schmunzeln genügt, um zum Opfer zu werden. Ein Streetworker aus Neukölln, dem Stadtteil, aus dem die beiden Jugendlichen kommen und der einen der Tatverdächtigen kennt, aber nicht genannt werden möchte, beschreibt seine Schützlinge so: „Wer vor ihnen wegrennt, hat verkackt, dann ist man schon ein Opfer und steigert nur ihren Jagdtrieb.“ Auf die Frage, was denn eine geeignete Methode sei, gewaltbereiten Jugendlichen zu begegnen, empfiehlt er, sich der Gewalt zu stellen und wenn man körperlich unterlegen sei, wie ein guter Schauspieler Stärke zu simulieren. Das habe er schon bei einigen körperlich Schwächeren beobachtet. Anti-Gewalt-Trainings für gewaltbereite Jugendliche sind seiner Meinung nach überflüssig, sie seien für seine Jungs nicht mehr als eine Referenz, die man sich vorm Gerichtstermin besorgt.

Egal wie das Urteil ausfallen wird, eines scheint jetzt schon gewiss: Ali T. und Baris B. werden die nötige Betreuung bekommen, die man in Deutschland für junge Täter vorsieht und die sie auch schon vor der Tat mit Jugendclubs, Jugendgerichtshilfen, Anti-Gewalt-Trainings und Sozialarbeitern bekommen haben. Vielleicht wird es auch noch mehr Überwachungskameras geben, um das Gefühl der Sicherheit bei den Bürgern zu steigern. Was es nicht geben wird, ist eine ernst gemeinte, schonungslose Problemanalyse, die das soziale- und kulturelle Milieu von Menschen wie Ali T. und Baris B. unter die Lupe nimmt und sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, warum wir heute bestimmte Bezirke und Schulen lieber meiden, anstatt etwas Sinnvolles gegen die Bildung dieser Milieus zu unternehmen.

Es ist richtig, zivilisiert und vorbildlich, wenn sich eine freie Gesellschaft gegen Gewalt ausspricht, trotzdem darf sie Intoleranz nicht tolerieren, auch wenn es die einer Minderheit ist.

Die knapp 1000 Menschen, die am Montagnachmittag an den Tatort am Kaiserdamm gekommen waren, haben das eindrucksvoll demonstriert. Ihnen war die Wut und Trauer über den sinnlosen Tod des 23-Jährigen deutlich anzusehen. Chahla Oldengott kannte Giuseppe M. gut. Ihre Tochter war in seiner Parallelklasse. „Es ist einfach unfassbar, was sich hier abgespielt hat“, sagt sie. „Giuseppe war ein sehr höflicher Junge, der hat nie Streit gesucht“. Ein Mann, der zehn Jahre lang im Restaurant von Giuseppes Vater gearbeitet hat, sagt: „Giuseppe war kein Mensch, der Gewalt gesucht hat. Der wollte nur sein Leben leben!“ Dann dreht er sich um und weint.

Autorin Güner Balci wurde in Neukölln geboren. Sie studierte Erziehungs- und Literaturwissenschaften und arbeitete als Sozialarbeiterin für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Sie schrieb die Bücher „Arabboy“ und „ArabQueen“ und arbeitet als freie Journalistin.