Haftstrafe für U-Bahn-Schläger

Verteidiger von Torben P. ficht Urteil an

Zwei Jahre und zehn Monate Jugendhaft wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung - so lautet das Urteil gegen Torben P. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er wusste, wie gefährlich die Tritte gegen den Kopf seines Opfers im U-Bahnhof Friedrichstraße waren.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Torben P. wird in Berlin zu zwei Jahren und zehn Monaten Jugendstrafe verurteilt.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Nur ein einziges Mal hat der Angeklagte Torben P. in diesem Prozess die Fassung verloren. Als die psychiatrische Sachverständige in ihrem Gutachten davon sprach, wie sehr die Krankheiten seiner Eltern den Alltag der Familie geprägt haben, konnte der 18-Jährige die Tränen nicht mehr zurückhalten. Als jetzt am siebten Prozesstag das Urteil gesprochen wurde, blieb er nahezu regungslos.

Zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilte die Jugendkammer des Landgerichts Berlin am Montag den Schüler – wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Sie folgte damit im Wesentlichen dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte allerdings vier Jahre Haft für Torben P. gefordert.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass dieser wusste, wie gefährlich seine Tritte gegen den Kopf des Installateurs Markus P. waren. Der Verurteilte und sein Freund Nico A. hatten den damals 29-Jährigen im U-Bahnhof Friedrichstraße provoziert. Überwachungskameras zeichneten auf, wie Torben P. den Handwerker nach einer kurzen Rangelei zunächst mit einer Hartplastikflasche zu Boden schlug und dann mehrfach mit dem Fuß auf den Kopf trat. Eine Mitschuld des Opfers, wie es einige Medienberichte suggeriert hatten, wies das Gericht kategorisch zurück. Markus P. habe sich lediglich verbal und körperlich gegen den Angriff zur Wehr gesetzt. „Das ist sein gutes Recht“, sagte der Vorsitzende Richter Uwe Nötzel.

Torben P. habe hingegen mit der Möglichkeit gerechnet, dass seine Attacke tödliche Folgen haben könnte. Es sei ihm aber in diesem Moment gleichgültig gewesen. Nur durch einen „glücklicher Zufall“ habe das Opfer keine lebensgefährlichen Verletzungen davongetragen.

Als strafmildernd wertete das Gericht, dass beide Angeklagten stark alkoholisiert waren. Wie stark habe man nicht feststellen können. P. hatte dazu unterschiedliche und teils unrealistische Angaben gemacht. Im „Vollrausch“ ist er nach Überzeugung des Gerichts aber in keinem Fall gewesen. Beide Angeklagten hätten in ihren Bewegungen keine „schweren Ausfälle“ gehabt.

Auch die Erinnerungslücken mit Blick auf das Tatgeschehen, die Torben P. bei seinem Geständnis zum Prozessauftakt angegeben hatte, nahm ihm das Gericht nicht ab. Das sehe man sehr „skeptisch“, sagte Richter Nötzel. P. habe sich nur wenige Stunden nach der Tat einer Mitschülerin offenbart, die er zufällig auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn getroffen hatte. Ihr habe er auch erzählt, er habe das Opfer gegen den Kopf getreten. Dass das Mädchen bei der Vernehmung durch die Polizei zunächst nur von Tritten gegen den Oberkörper erzählt hatte, wertete das Gericht als Versuch, P. nicht noch schwerer zu belasten.

Zugute hielt das Gericht dem Schüler, dass er sich selbst gestellt hatte, von Anfang an geständig war und bereits mehrere Therapien begonnen hat. Auch habe er „echte Einsicht und Reue gezeigt“. Im Prozess sei das „Bild eines jungen Mannes“ entstanden, in dem noch „Entwicklungskräfte von einigem Umfang harren“, so Richter Nötzel. Deshalb habe man sich sehr rasch für die Anwendung des milderen Jugendstrafrechts entschieden. Torben P. sei ein Ersttäter, seine Tat habe „singulären Charakter“: Schädliche Neigungen im strafrechtlichen Sinne ließen sich bei ihm nicht erkennen: „Es handelt sich bei Herrn P. nicht um einen Schläger.“ Strafmildernd wurde auch bewertet, dass sowohl das Opfer als auch der Tatzeuge aus Bayern, dessen Eingreifen Schlimmeres verhinderte, keine körperlichen Langzeitschäden davongetragen haben.

Ungleich glimpflicher kommt Nico A. davon: Er wurde wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung zu einem Erste-Hilfe-Kurs sowie einer Zahlung von 250 Euro an einen Opferfonds verurteilt. Der 18-Jährige hatte das spätere Opfer zwar als Erster angesprochen, sich aber im Verlauf der weiteren Auseinandersetzung zurückgezogen. Er sei vom unvermittelten Schlag mit der Flasche gegen Markus P. ähnlich überrascht worden wie das Opfer. Erst als ihn sein Freund aufforderte, im Kampf gegen den mutigen Tatzeugen zu helfen, sei er diesem von hinten in den Rücken gefallen.

Die beiden Verteidiger von Torben P. kündigten Revision gegen das Urteil an. Sie hatten für den Schüler eine Bewährungsstrafe gefordert. Auch Torben P. hatte in seinem Schlusswort gesagt, er hoffe, nicht ins Gefängnis zu müssen. Wie sehr ihn das Urteil doch getroffen hat, war an kleinen Gesten erkennbar. Immer wieder knibbelte er an seinen Fingern, schaute auf die Uhr und hob einmal hilflos in Richtung seines Verteidigers die Hände.

Bis das Urteil rechtskräftig ist, bleibt er auf freiem Fuß, muss sich aber einmal wöchentlich bei der Polizei melden. Ob er nach Haftantritt in den offenen Vollzug darf, muss dann ein Gremium entscheiden.