Prozess

Frau gewinnt Klage gegen Kollwitzplatz-Markt

Anwohnerin Marina Lehmann fühlte sich vor allem durch die lauten Aufbauarbeiten am frühen Morgen auf dem Markt am Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg gestört. Sie prozessierte und gewann. Jetzt wird ein neuer Betreiber für den Markt gesucht.

Foto: Amin Akhtar

Es ist eine Dreiecksgeschichte der besonderen Art: eine Frau und zwei Männer, die der Markt am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg verbindet – oder besser entzweit. Denn die friedliche Atmosphäre am Sonnabendmorgen zwischen Knaack- und Wörtherstraße trügt. Seit Jahren tobt hinter den Kulissen ein erbitterter Machtkampf, der jetzt auf sein Finale zusteuert. „Wir bereiten gerade ein Ausschreibungsverfahren vor“, sagt Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) vom Bezirksamt Pankow. Was bedeutet, dass Marktbetreiber Philipp Strube seine Sondernutzungserlaubnis verliert und Marina Lehmann, die seit 30 Jahren am Kollwitzplatz wohnt, endlich ihr Ziel erreicht.

Es ist vor allem auch die Geschichte einer Frau, die sich mit Mitteln des Rechtsstaats gegen das Markttreiben vor ihrem Haus in der Knaackstraße zur Wehr setzt. Mehrere tausend Menschen kommen jeden Sonnabend auf den Kollwitzmarkt zum Einkaufen oder einfach nur zum Bummeln: Es gibt Feinkost aus Südeuropa und Bio-Gemüse aus Brandenburg, Brot und Blumen, selbstgekochte Marmelade und frisch gepresstes Leinöl, Nüsse und Naschwerk, Wild und Wein. Reiseführer schwärmen vom Flair und der entspannten Stimmung dieses Marktes.

Seit der Markt im Jahr 2007 zum Teil in die Knaackstraße verlegt wurde, fühlt sich Frau Lehmann gestört, vor allem durch die lärmenden Aufbauarbeiten am frühen Morgen. „Für mich ist der Markt zerstörend. Ich bin dadurch krank geworden“, sagt Frau Lehmann. Und weil der Markt direkt vor ihrem Fenster stattfindet, fürchtete sie, dass die Feuerwehr in einem Ernstfall nicht schnell genug durchkommen würde. Lärmschutz und Brandschutz – darauf stützte sich im Mai 2009 ihre Klage gegen den Markt und das Bezirksamt Pankow. Sie berief sich dabei auch auf Unterstützung durch die Bürgerinitiative „Besser Leben im Kiez“, in der sich Anwohner des Kollwitzplatzes zusammengeschlossen hatten. Frau Lehmann gewann.

Das Oberverwaltungsgericht hat den Markt zwar nicht verboten, es verschärfte aber die Auflagen. Aus Gründen des Lärmschutzes dürfen die Händler statt um 6.30 Uhr nun erst um 8.30 Uhr mit dem Aufbau ihrer Stände beginnen. Damit der Brandschutz gewährleistet ist, müssen alle 20 Meter „Fluchtlücken“ von 5,50 Metern Breite freigelassen werden. Ein Standplan legt im Detail fest, wo sich diese Durchgänge befinden müssen. Auch für die Rettungsgasse ist eine Breite von 5,50 Metern vorgeschrieben. Die Richter orientierten sich bei diesen Vorgaben an einem Merkblatt der Berliner Feuerwehr zum Betreiben von Märkten und Straßenfesten. Und Herr Kirchner als Stadtrat musste fortan dafür sorgen, dass Herr Strube als Marktbetreiber diese Auflagen strikt einhält.

Frau Lehmann unterstützte Herrn Kirchner dabei nach Kräften. Sonnabend für Sonnabend zog sie in aller Frühe mit Kamera und Maßband los, kontrollierte, fotografierte und protokollierte: „Lücke 4 vollständig zugebaut“, „Lücken 8 kaum vorhanden“, „Müll, Kisten, Kartons, Paletten überall aufgestapelt auf dem Bürgersteig“. Jede Abweichung meldete sie umgehend an das Ordnungsamt. Mitarbeiter mussten daraufhin ausrücken und die Verstöße ahnden. Oft ging es dabei nur um Zentimeter. Aus Sicht der Markthändler reine Schikane. „Wir wollen unsere Ruhe haben“, sagt Hasan Kücük, der auf dem Markt eine „Türkische Bauernküche“ betreibt. Frau Lehmann solle sich ein anderes „Hobby“ suchen. Das ist die eine Seite.

Ein neuer Marktbetreiber

Wenn aber ein Stromkasten offen steht, Kabel nicht sicher verlegt und die Fußwege mit Kisten und Kartons vollgestellt sind, dann hat Herr Strube seine Pflichten tatsächlich nicht erfüllt, was wiederum Herrn Kirchner auf die Palme bringt. Oft genug hat er sich über mangelnde Professionalität und lasche Aufsicht des Marktbetreibers geärgert. Herr Strube dagegen fühlt sich durch die ständigen Auseinandersetzungen „zermürbt“. Vor allem ist er verärgert, weil er 18 von einst rund 90 Händlern kündigen musste, um die vorgeschrieben Fluchtlücken frei zu halten. Und Frau Lehmann hat durchblicken lassen, dass sie sich einen anderen Marktbetreiber wünscht. Sie hat auch schon einen erfahrenen Bekannten als Alternative ins Gespräch gebracht. In solchen Momenten fällt es schwer zu glauben, dass es in dem Streit nur um zu laute Marktgeräusche und Angst vor Feuer gehen soll.

Herr Kirchner hat immer wieder versucht, den Streit zu schlichten. Inzwischen hat er die Nase voll und spricht von der letzten „Eskalationsstufe“, bei der es nur noch um „Vernichtung“ gehe. Voraussichtlich im November soll ein neuer Betreiber den Markt übernehmen. Interessenten soll es schon „ganz viele“ geben. Und weil in der Knaackstraße bald Straßenbauarbeiten anstehen, wird der Markt demnächst wohl in die breitere Kollwitzstraße verlegt. Spätestens dann hätte sich Frau Lehmann auf ganzer Linie durchgesetzt: Markt nicht mehr vor der eigenen Haustür, Betreiber ausgetauscht. Markthändler Thomas Schweitzer vom Bio-Gärtnerhof Nauen stellt resigniert fest, wie viel Macht eine Einzelperson doch entfalten kann.

Herr Strube hat sich erneut als Betreiber beworben. Möglicherweise bleiben ihm aber auch nur noch wenige Sonnabende auf seinem Markt, den er vor elf Jahren gegründet und zu einer Institution aufgebaut hat. Herr Kirchner wird je nach Ausgang der Wahl ein anderes Amt übernehmen und die weitere Betreuung des Kollwitzmarktes dann einem Nachfolger überlassen. Wenn nicht, muss er sich weiter kümmern. Inzwischen haben sich auch die Händler organisiert und wollen mitentscheiden, wer künftig den Markt betreibt.

Und Frau Lehmann? Sie hat ihre Interessen gegen die Markthändler und gegen die vielen Menschen durchgesetzt, die den Kollwitzmarkt als Bereicherung des Stadtlebens empfinden. Wer früher gern schon um 9 Uhr auf den Kollwitzmarkt ging, musste sich anpassen und den Einkauf auf den späteren Vormittag verschieben – damit Frau Lehmann ihre Ruhe hat.