Autofrei

Im Seifenkisten-Flitzer den Kaiserdamm hinab

Mehr als 150 internationale Teilnehmer sind bei der Deutschen und Europameisterschaft in Charlottenburg angetreten. Ihr Gefährt: eine Seifenkiste. Dabei wurde klar: Immer mehr Mädchen fahren auch noch besser.

Foto: David Heerde

Der Kaiserdamm in Charlottenburg: Täglich fahren dort Zehntausende Fahrzeuge, doch an den vergangenen drei Tagen blieb ein Teilstück der Magistrale autofrei. Dafür wurde es zur Rennstrecke: Von Freitag bis Sonntag gingen dort mehr als 150 Seifenkistenpiloten an den Start. Aus allen Ecken Deutschlands, aus Österreich und den Niederlanden kamen die Teilnehmer zu den 63. Deutschen Meisterschaften und der 13. Europameisterschaft im Seifenkisten-Derby. Die Rennen um diese Titel bilden den jährlichen Abschluss und den Höhepunkt der Rennsaison. Veranstalter dieser Meisterschaften waren drei Vereine aus Berlin, das Joker-Team, die Power-Crew und Leos Hauptstadt-Racer.

„Als die Bremse nicht richtig funktioniert hat, habe ich das dem Mechaniker gesagt und dann wurde sie repariert“, sagt Millane Neuland fachmännisch. „Jetzt läuft alles wieder ganz toll.“ Die Zehnjährige sitzt auf der Kante ihrer Seifenkiste und erzählt von ihrer Rennlaufbahn. „Ich wurde 2009 und in diesem Jahr Berliner und Brandenburgische Meisterin“, sagt sie. Sie saß mit sieben Jahren zum ersten Mal in einer Seifenkiste. Ihre beiden Schwestern und ihr Bruder steuern auch selbstgebaute Flitzer. „Über unsere Eltern sind wir zu dem Sport gekommen.“

Jetzt konzentriert sie sich auf den Lauf, der vor ihr liegt. Die Strecke und ihre Unebenheiten hat sie verinnerlicht. Gemeinsam mit zwei weiteren Fahrern wartet sie auf der speziell für die Starts gebauten Rampe. Per Knopfdruck löst sich eine Sperre. Das Rennen beginnt. Zwischen 40 und 50 Sekunden werden sie für die 430 Meter lange Strecke brauchen. Die Geschwindigkeiten liegen dabei zwischen 30 und 35 Stundenkilometer.

„Die Rennen auf dem Mehringdamm sind wesentlich schneller, aber auch gefährlicher“, sagt Organisator Oliver Jung. „Die Strecke ist steiler, und es gibt eine leichte Kurve. Da erreichen die Fahrer etwas mehr als 50 Kilometer in der Stunde.“

Bis zu zwölf Läufe

Nun herrscht Rennstimmung am Kaiserdamm. Die Strecke liegt zwischen dem Theodor-Heuss-Platz und der Königin-Elisabeth-Straße. Seitlich abgesperrt ist sie mit Strohballen und Metallgittern. Hunderte Zuschauer säumen die Piste und beobachten die Rennen in den verschiedenen Altersklassen. Neben den Läufen, jeder Fahrer absolviert neun bis zwölf, lockt ein Straßenfest mit vielen Ständen und einer Bühne Zuschauer an.

„Wenn ich das sehe, dann werde ich sofort an meine Kindheit erinnert“, sagt Lars Schröder. „Wir haben uns früher diese Kisten selber gebaut und sind damit jeden Hügel im Harz runter gefahren.“ „Es ist schön, dass am Kaiserdamm mal etwas passiert“, sagt Ingeborg Wuthe. „Sonst rauschen immer nur die Autos hier durch.“ Auch die 12-jährige Stefanie ist von den Seifenkisten begeistert. „Vielleicht erkundige ich mich mal im Internet, wo es in Berlin Vereine gibt“, sagt sie. Dort wäre das Mädchen gut aufgehoben. Denn mittlerweile dominieren die Mädchen diese Sportart. „Bis Mitte der 60er-Jahre durften nur Jungs fahren“, sagt Oliver Jung. „Seitdem auch Mädchen in die Seifenkisten dürfen, sind es immer mehr geworden. Mittlerweile fahren mehr Mädchen als Jungen.“ Und meistens auch noch besser. „Die Mädchen fahren einfach konzentrierter.“

Im Ziel angekommen, schieben die Teilnehmer ihre Rennmobile zu einem Sammelpunkt, dann werden sie an Spezialgestellen von einem Pkw den Kaiserdamm wieder hinauf gezogen. Im Fahrerlager herrscht die ganze Zeit über reges Treiben. Es wird geprüft, Teile werden ersetzt, Lenkung und Bremsen kontrolliert. Da dürfen dann auch mal die Erwachsenen ran. „Seifenkistenrennen ist wirklich ein Familiensport“, sagt einer der Teilnehmer. „Früher bin ich selber gefahren, jetzt baue und repariere ich, und meine drei Töchter fahren die Rennen.“ Wer gerade nichts zu tun hat, sitzt im Campingstuhl an der Rennpiste und beobachtet die Läufe. „Es ist wirklich eine schöne Atmosphäre, und es macht auch Spaß hier in Berlin“, sagt Josef Springer.

Wann wieder einmal ein Rennen auf dem Kaiserdamm stattfinden wird, steht in den Sternen. „Wir haben zwei Jahre für die Organisation gebraucht“, sagt Jung. „In den kommenden Jahren werden die Meisterschaften in anderen Bundesländern ausgetragen.“