Abgeordnetenhauswahl

Sarrazin und die "Märchenstunde Integration"

Eine Woche vor der Abgeordnetenhauswahl meldet Thilo Sarrazin zu wort. Morgenpost Online sprach mit dem SPD-Abweichler über das Wahlprogramm seiner Partei, die Spende für Heinz Buschkowsky und seine neuen Zukunftspläne.

Foto: Amin Akhtar

Morgenpost Online: Herr Sarrazin, gehen Sie am 18. September zur Wahl? Und wen wählen Sie?

Thilo Sarrazin: Ich gehe zur Wahl und ich werde auch meine eigene Partei wählen.

Morgenpost Online: Wir fragen nicht ohne Grund, die SPD wollte Sie immerhin rauswerfen. Haben Sie ihr verziehen?

Thilo Sarrazin: Es gibt nicht die Partei. Es gibt viele handelnde Personen in der SPD, die sich für einen gemeinsamen Zweck zusammentun. Wer ist die Berliner SPD? Ist das Kenan Kolat oder Heinz Buschkowsky? Schon in Berlin ist die Spannbreite der Partei sehr groß. Parteien sind keine Freundschaftsclubs, sondern Organisationen zum Gewinnen und Erhalt von politischer Macht. Da geht es nicht um Freundschaft.

Morgenpost Online: Im Wahlprogramm der Berliner SPD wird nur sehr wenig zur Integration gesagt, und das Wenige ist dann noch weichgespült. Es wird eine „heile Welt“ beschrieben. Und da können Sie SPD wählen?

Thilo Sarrazin: Das, was im SPD-Wahlprogramm zur Integration geschrieben wird, fällt in die Kategorie Märchenstunde. Märchen sind für Kinder, aber manchmal auch was für Erwachsene.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns aus dem Programm zitieren: „Die SPD bekennt sich als Berlin-Partei zu einer von Migration geprägten modernen Stadtgesellschaft, in der sich Migrantinnen und Migranten einbringen und integrieren.“ Das stört Sie nicht?

Thilo Sarrazin: Der Text ist so wunderbar, dass daran gar nichts falsch sein kann. Analytisch bringt er uns jedoch überhaupt nicht weiter. Schon immer diese Doppel-Worte „Migrantinnen und Migranten“, da könnte man auch sagen „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“. Aber das ist ein anderes Thema. Die SPD blendet konsequent den Umstand aus, dass es innerhalb der Einwanderer Gruppen gibt, die sich systematisch unterschiedlich zur Gesellschaft öffnen und deshalb auch unterschiedliche Integrationserfolge haben. Es ist grundfalsch, Ukrainer, Weißrussen, Türken oder Araber über einen Kamm zu scheren.

Morgenpost Online: Ehrlich gesagt, wundern wir uns, dass Sie SPD wählen wollen. Integration ist doch für Sie im letzten Jahr das zentrale Thema geworden. Das kann Sie doch nicht zufriedenstellen, was Ihre Partei dazu sagt und vorhat.

Thilo Sarrazin: Mein Buch handelt von Bildung, Arbeitsmarkt, Sozialpolitik, der demografischen Entwicklung. Integration ist nur ein Element darin. Aber es ist doch so: Alle Parteien – von CDU, SPD, Grüne, Linke bis zur FDP, die ja kaum noch existiert – haben beim Thema Integration keine unterscheidbaren Standpunkte…

Morgenpost Online: Die CDU sagt immerhin, dass man die Ängste der Menschen ernst nehmen muss, die Migranten mehr fordern muss.

Thilo Sarrazin: Aber das ist doch auch Polit-Sprech. Von der Bundeskanzlerin, von der Integrationsbeauftragten im Kanzleramt, die nie auftaucht, hört man denselben Gut-Sprech wie von allen anderen Parteien. Durch mein Buch ist immerhin ein bisschen mehr Ehrlichkeit in die Diskussion gekommen. Schauen Sie sich nur den plötzlichen Aufstieg von Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowksy in der SPD an. Über ihn hatte man in der Führung der Berliner SPD stets die Nase gerümpft, gelacht, ihn nicht ernst genommen. Das hat sich erst durch mein Lettre-Interview und mein Buch geändert.

Morgenpost Online: Deshalb unterstützen Sie Heinz Buschkowsky in seinem Wahlkampf mit 5000 Euro?

Thilo Sarrazin: Während meiner Tätigkeit als Finanzsenator hatte ich gar nicht so viel Berührungspunkte mit Heinz Buschkowsky, sondern den üblichen Streit ums Geld, den ich mit zwölf uneinsichtigen und geldgierigen Bezirksfürsten hatte. Bei der Arbeit an meinem Buch habe ich mich einige Mal mit ihm getroffen und er hat auch das Integrations-Kapitel gelesen und mir Hinweise gegeben.

Morgenpost Online: Warum nur 5000 Euro?

Thilo Sarrazin: Warum keine 500 Euro oder eine Million Euro? Ich fand, 5000 Euro sind eine Summe, die bei einem Wahlkampf auf Bezirksebene angemessen ist.

Morgenpost Online: Als die Spende an Buschkowsky bekannt wurde, gab es sofort wieder Kritik in der SPD, von Thilo Sarrazin dürfe man nichts annehmen, hieß es. Ärgert Sie das nicht?

Thilo Sarrazin: Mit einer gewissen Heiterkeit nehme ich die Hilflosigkeit der Argumente, die ich so in Ihrer Zeitung lese, zur Kenntnis.

Morgenpost Online: Was wäre Ihrer Meinung nach passiert, wenn Sie im Frühjahr dieses Jahres aus der SPD ausgeschlossen worden wären?

Thilo Sarrazin: Ach, die Parteilinke hatte den Untergang der SPD beschworen, weil ich nicht aus der Partei ausgeschlossen wurde. Dann aber machte die Berliner SPD kurz darauf in den Umfragen einen großen Sprung um drei Prozentpunkte nach oben. Als klar war, Thilo Sarrazin ist und bleibt in der Partei, begann der Aufstieg der SPD in den Umfragen.

Morgenpost Online: Sie haben also dafür gesorgt, dass die Berliner Sozialdemokraten an der Macht bleiben?

Thilo Sarrazin: Stellen Sie sich einmal vor, ich wäre den unterschiedlichen Sirenenrufen gefolgt und beispielsweise der FDP beigetreten oder ich hätte eine Wählerinitiative gegründet. Überlegen Sie sich, was das bedeutet hätte.

Morgenpost Online: Was denn?

Thilo Sarrazin: Das können Sie sich selbst ausrechnen.

Morgenpost Online: Im SPD-Wahlprogramm nimmt die Bildung einen großen Schwerpunkt ein. Teilen Sie die Ansätze für längeres gemeinsames Lernen oder für jahrgangsübergreifendes Lernen?

Thilo Sarrazin: Die Bildungspolitik ist ein Schlüssel, um die Probleme besser zu lösen. Aber auch nur einer. Das hat nichts mit Geld zu tun. Wenn die Höhe der Bildungsausgaben entscheidend wäre, müssten Hamburg und Berlin die besten Bildungsergebnisse haben, Bayern und Baden-Württemberg die schlechtesten. Es ist genau umgekehrt. Ich bin aber für einen konsequenten Ausbau der frühkindlichen Erziehung, wenn man die Probleme lösen will. Sehen Sie, 40 Prozent der Kita-Kinder kommen aus Hartz-IV-Familien, in sozialen Brennpunkten sogar 70 Prozent. Hier muss der Staat kompensatorisch tätig werden.

Morgenpost Online: Und was muss sich in der Berliner Schule ändern?

Thilo Sarrazin: Wir dürfen nicht mehr weiter die Standards absenken, um allen Schülern einen Abschluss zu ermöglichen. Wir brauchen vielmehr Ehrlichkeit und endlich vergleichbare Standards in allen Schulen – was in Frohnau gilt, muss auch in Neukölln gelten. Und wir müssen aufhören mit dem jahrgangsübergreifenden Unterricht Jül. Das ist nur eine einzige große Geldverschwendung. Mit Jül wird die pädagogische Qualität verschlechtert und die Kosten erhöhen sich.

Morgenpost Online: Werden Sie in Berlin eigentlich angefeindet, wenn Sie in der Stadt unterwegs sind?

Thilo Sarrazin: Nein, praktisch nie, ich erhalte sehr viel Zuspruch, gerade auch von Migranten. Ich werde eigentlich ständig angesprochen, wenn ich durch die Stadt gehe. Vorgestern Abend nahm ich ein Taxi vom Hauptbahnhof, der Taxifahrer war Afrikaner, schwarz wie die Nacht. Und er hat mir gesagt: ,Kopf hoch, durchhalten, Sie haben völlig recht.' Solche Reaktionen von Migranten, die die Anstrengung der Integration auf sich genommen haben, erlebe ich immer wieder.

Morgenpost Online: Blicken wir zurück: Seit knapp einem Jahr sind Sie nicht mehr im Vorstand der Bundesbank. Vermissen Sie die Arbeit?

Thilo Sarrazin: Nein.

Morgenpost Online: Würden Sie Ihr Buch „Deutschland schafft sich ab“ wieder so schreiben?

Thilo Sarrazin: Einige statistische Zahlen wären etwas aktueller. Aber das wär's auch.

Morgenpost Online: Arbeiten Sie an einem neuen Buch?

Thilo Sarrazin: Das Prinzip Rocky I, II, III oder IV sollte auf Hollywood-Filme beschränkt bleiben.

Morgenpost Online: Was haben Sie mit der Millionen-Einnahme aus den Buchverkäufen gemacht?

I Thilo Sarrazin: I ch habe erst einmal 47,5 Prozent Steuern gezahlt.

Morgenpost Online: Der Rest ist aber auch noch eine Menge Geld.

Thilo Sarrazin: 52,5 Prozent. Wir haben das Haus energetisch saniert. Es wird mittlerweile schon leicht überhitzt, wenn man drei 60-Watt-Birnen in einem Raum einschaltet. Den Rest habe ich zur Hälfte in Aktien und Unternehmensanleihen – keine öffentlichen Anleihen – angelegt.

Morgenpost Online: Und mit Ihrer Frau eine schöne Urlaubsreise gemacht?

Thilo Sarrazin: Unser Privatleben entfaltet sich weiterhin in der gewohnten Form.

Zur Person Thilo Sarrazin

Von 2002 bis April 2009 war Thilo Sarrazin (66, geboren in Gera) Finanzsenator in Berlin. Anschließend, bis Ende September 2010, war er Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank. Sarrazin verlor seinen Posten wegen der provokant formulierten Thesen zur Sozial- und Bevölkerungspolitik in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“. Die SPD wollte den ehemaligen Politiker aus der Partei ausschließen, verzichtete jedoch zuletzt darauf.

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