Bildungsdemonstration

Protestler wollen "Rettungsschirm für Schulen"

Kurz nach Schuljahresbeginn sind Tausende Lehrer, Eltern und Schüler auf die Straße gegangen. Sie fordern eine bessere Bildungspolitik für die Stadt, auch wenn sie in Hinsicht auf Verbesserungen nach der Abgeordnetenhauswahl resignieren.

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„Rettungsschirm für Berliner Schulen“, steht auf dem kleinen, roten Aufkleber auf dem Rücken von Anett Schönhuber. „Denen geht es schließlich ebenso schlecht wie Krisenstaaten oder insolventen Banken“, sagt die Mutter zweier schulpflichtiger Kinder aus Steglitz. „Würde die Politik endlich mal in Bildung investieren, dann hätten wir auch in Zukunft was davon.“ Anett Schönhuber spricht aus, was viele der Schüler, Lehrer und Eltern denken, die am Sonnabend zwischen Alexanderplatz und Gendarmenmarkt für eine bessere Bildung in Berlin demonstrieren.

Nach Angaben des Veranstalters „Bündnis für Bildung“ nehmen an der Protestaktion rund 6000 Menschen teil, die Polizei zählte 3000. Die Demonstranten fordern eine bessere Ausstattung von Kitas und Schulen mit finanziellen Mitteln, Personal und Materialien.

Früher gab es ein klares Bild von Lehrern. Die hatten studiert, zwei Staatsexamen bestanden und in einem einjährigen Referendariat das Lehren gelernt. „Heute werden teilweise Abiturienten eingestellt, die Chemie unterrichten sollen“, sagt die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Sigrid Baumgardt. Oder es würden Juristen verpflichtet, die zwar studiert haben, aber über keinerlei pädagogisches Know-how verfügten. Die Vertretungslehrer arbeiteten teilweise Vollzeit und bekämen Verträge bis zu einem Jahr. Sigrid Baumgardt sieht die Zunft der Lehrer in Gefahr. „Das disqualifiziert den gesamten Berufsstand.“ Nicht nur der Unterricht leide darunter. Den jungen Menschen, die Lehrer werden wollen, werde die Chance genommen, in Ruhe zu lernen. Neben einer besseren Ausstattung der Schulen mit Pädagogen fordert die GEW Berlin deshalb auf der Demonstration auch eine fundierte Ausbildung der Lehrer.

Als Stefanie Mensing ihr Referendariat antrat, war sie anfangs überfordert. Statt erfahrenen Lehrkräften über die Schulter schauen zu dürfen, wurde sie gleich am ersten Tag vor eine eigene Schulklasse gestellt. „Ich hatte die Verantwortung einer Klassenlehrerin und musste den Dialog zwischen Eltern und Schule moderieren.“ Niemand hatte die junge Lehrerin auf diese Situation vorbereitet. Heute sagt sie, laufe alles besser als damals und sie fühle sich endlich sicher. „Aber ich kenne Referendare, die nach dem ersten Jahr im Beruf so entkräftet sind, das ihnen Burn-out droht.“

„Schulreform zum Nulltarif“

Rund 1400 Berliner Lehrer sind derzeit „langzeiterkrankt“, also länger als drei Monate am Stück krankgeschrieben. Das steht auch auf dem Plakat von Detlef Wulff, Lehrer an der Georg-von Giesche-Oberschule in Schöneberg. Er hat sich heute als Arzt verkleidet. Natürlich kann er die Kranken nicht heilen, aber er will so deutlich machen, wie wichtig einsatzfähige Lehrer sind. „Das Gesundheitsmanagement der Bildungsverwaltung reicht derzeit nicht aus“, sagt er. Es fehlten präventive Maßnahmen wie Antistresskurse, Rückenkurse oder Yoga, wie sie in privaten Unternehmen vielerorts üblich seien. Detlef Wulff erwartet deshalb, dass die Zahl der Langzeiterkrankten weiter steigen wird. Auch, weil die Belastung der Lehrer zunehme.

Die vier Lehrer von der Max-von-Laue-Oberschule in Steglitz, die an der Demonstration teilnehmen, finden ihre Schule eigentlich toll. Aber an manchen Tagen würden sie das Gebäude um 16 Uhr verlassen, ohne Zeit für eine Pause gehabt zu haben. Das schlaucht. Der restliche Tag gehe für Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung drauf. „Wir gestalten dort derzeit Zöllners Sekundarschule zum Nulltarif“, empört sich eine Lehrerin. Sie sei zur Deutschlehrerin ausgebildet worden, nun soll sie Schüler mit besonderem Förderbedarf betreuen. „Mir hat niemand beigebracht, wie ich jemanden unterrichte, der mich nicht hören oder sehen kann“, sagt die junge Frau. Statt Hilfe schicke die Bildungsverwaltung „Optimierer“, die den Umstrukturierungsprozess zur Sekundarschule überwachten. „Diese Zustände machen uns auf Dauer krank.“

Das wollen auch Eltern und Schüler nicht. Sie unterstützen die Lehrkräfte bei ihrem Protest. „Diese dauernden Reformen müssen aufhören“, sagt Nele, Schülerin am Albert Einstein-Gymnasium in Neukölln. Die Tutoren der Elftklässlerin geben sich zwar große Mühe, aber man merke, dass sie überlastet seien. Die Klassen seien zu groß, um jeden Schüler individuell zu fördern. Immer wieder komme es zu Unterrichtsausfall, obwohl die Lehrerausstattung an den Berliner Schulen laut Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) in diesem Jahr bei 100,5 Prozent liegt.

Das sei einfach noch zu wenig, sagt der Elternvertreter Christian Kind von der Freiherr-vom-Stein-Oberschule in Spandau. „Unterrichtsausfall kann damit nicht ausgeglichen werden.“ Die Lehrer-Ausstattung müsse auf mindestens 105 Prozent angehoben werden.

Eltern, Lehrer und Schüler sind sich einig über die Lösung. „Es muss mehr Geld für Bildung ausgegeben werden“, lautet unisono die Forderung von GEW, Landeselternausschuss und Schülernvertreterschaft. 2,1 Milliarden Euro oder 4,9 Prozent des Berliner Bruttoinlandprodukts (BIP) seien als Ausgabe zu wenig, für Schule sollte der Betrag auf sieben Prozent des BIP angehoben werden, ergänzt GEW-Landesvorsitzende Baumgardt.

Von der Wahl des Abgeordnetenhauses in einer Woche erwarten die meisten Demonstranten keine Verbesserungen. Der Vorsitzende des Landesschülerausschusses Jonas Botta vergleicht die Bildungsprogramme der einzelnen Parteien mit Spielhütchen. „Die sehen schön aus, aber wenn man drunter schaut, ist da Leere.“ Und Sigrid Baumgardt kündigt bereits am Sonnabend an: „Auch nach der Wahl werden wir weiterkämpfen müssen.“