Tausende Lehrer, Eltern und Schüler

Berlins Schüler sorgen sich um ihre Zukunft

Das Bündnis für bessere Bildung ruft erneut zum Protestmarsch gegen die chronische Mangelausstattung der Schulen und Kitas auf. Samstag um elf Uhr wollen Eltern, Schüler und Lehrer vom Alexanderplatz zum Gendarmenmarkt marschieren und eine Kundgebung abhalten.

Foto: Marion Hunger

Zuerst hatten sich die Schüler des Askanischen Gymnasiums in Tempelhof noch über die ein oder andere Ausfallstunde gefreut. Inzwischen reagieren die Zehntklässler panisch. „Schließlich schreiben wir in diesem Jahr die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss. Da könnte sich der monatelange Unterrichtsausfall in Deutsch schon negativ auswirken“, sagt Klassensprecherin Leonie Rensner. Die Jugendlichen wollen nicht weiter zusehen, wie ihnen Bildung vorenthalten wird.

Das Bündnis für Bildung hat erneut zur Demonstration aufgerufen. Samstag um elf Uhr wollen Eltern, Schüler und Lehrer vom Alexanderplatz zum Gendarmenmarkt marschieren und eine Kundgebung abhalten. Ihre wichtigsten Forderungen lauten: Mehr Lehrer und Sanierung der maroden Gebäude. Das Bündnis für Bildung rechnet mit 10.000 Teilnehmern.

Bereits im vergangenen Jahr sei der Deutsch-Unterricht in Leonies Klasse insgesamt ein halbes Schuljahr ausgefallen. Eine Vertretung für die erkrankte Lehrerin habe es nicht gegeben.

Als die junge Kollegin wieder gesund war, entschied sie sich kurz vor Ende der Ferien eine Stelle in Brandenburg anzunehmen und sich verbeamten zu lassen. Die Schüler erhielten eine freundliche Abschiedspostkarte. Zu Beginn des Schuljahres stand zwar Ersatzpersonal bereit, doch die Unterzeichnung des Vertrags zog sich drei Wochen hin. „Das neue Schuljahr begann wieder mit Ausfall und die Verwaltung hat durch die Verzögerung riskiert, dass auch der nächste Lehrer abwandert“, sagt die 15-jährige Leonie. Erst vergangenen Mittwoch konnte der Lehrer seinen Dienst antreten. „Dafür werden wir wie alle anderen Schüler des Gymnasiums in diesem Schuljahr keinen regulären Musik-Unterricht haben.“

Musik fällt systematisch aus

Der einzige Fachlehrer an der Schule könne lediglich die Leistungskurse und Wahlpflichtkurse abdecken. Ersatzpersonal ist nicht in Sicht. Musik ist ebenso wie Mathe oder Physik ein sogenanntes Mangelfach. Der Landesmusikrat, der ebenfalls zur Protestkundgebung aufruft, geht davon aus, dass ein Drittel der Grundschulen über keinen ausgebildeten Musiklehrer verfügt. Angesichts der Schwierigkeiten, die Hauptfächer qualifiziert zu unterrichten, drohten Fächer wie Musik und Kunst völlig unterzugehen, fürchtet er.

Bildungssenator Jürgen Zöllner hatte erst kürzlich verkündet, dass die Schulen zu 100,5 Prozent ausgestattet seien. Doch das reicht aus Sicht der Schüler und Eltern nicht aus. „An vielen Schulen fällt trotzdem Unterricht aus“, sagt Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Die Bildungsverwaltung habe die Referendare in der Ausbildung als Vollzeitlehrer in ihrer Statistik eingerechnet. Zudem seien viele Stellen nicht fachgerecht besetzt. Ferdinand Horbat vom Philologen-Verband zweifelt die Zahlen der Senatsverwaltung an. Die Gymnasien in Tempelhof-Schöneberg würden im Durchschnitt keine 100 Prozent Personalausstattung erreichen, sagt er.

Bezirk vergisst Brandschutz

Mehr Investitionen fordert das Bündnis für bessere Bildung auch für die Gebäude. Das Konjunkturprogramm konnte den Sanierungsstau nicht aufheben. Noch immer fehlen in den Bezirken 800 Millionen Euro, um die über Jahrzehnte vernachlässigten Gebäude instand zu setzen. Erst in dieser Woche fielen an der Grundschule am Koppenplatz in Mitte Deckenplatten herunter. Das war nur der Höhepunkt eines Skandals, der die Eltern empört. Zwei Wochen nach Schuljahresbeginn mussten die Schüler aus der Zweigstelle in der Auguststraße ausziehen, weil die Sicherheit nicht gewährleistet war. Die Bauaufsicht hatte festgestellt, dass es für den rechten Gebäudeteil keinen Fluchtweg ins Freie gibt. Auch die versprochene Renovierung der Räume hatte in den Sommerferien nicht stattgefunden.

Nun müssen sich die Schüler in dem viel zu kleinen Hauptgebäude am Koppenplatz drängen. Zumindest die Deckenplatten dort sollen zügig erneuert werden. Wann die Zweigstelle wieder eröffnet werden kann steht in den Sternen. In diesem Jahr sei nach Angaben der Schulstadträtin Petra Schrader (Linke) dafür kein Geld da. „Unsere können unmöglich diesen Zustand für ein Jahr aushalten“, sagt Stephan Greiner-Petter. Der Lautstärkepegel in dem zu kleinen Hauptgebäude sei extrem. Die Klassenräume müssten auch vom Hort genutzt werden. Die Unterrichtsstunden seien verkürzt worden, damit die Schüler in mehreren Schichten essen können. Zudem könne der Bezirk nicht einmal eine Zusage machen, dass im kommenden Jahr die Baumaßnamen finanziert werden. Es sei völlig unklar, ob sich im November wieder neue Erstklässler anmelden können. „Seit Jahrzehnten sind die Schulen unterfinanziert und auch für die kommende Legislaturperiode versprechen die Parteien keine zusätzlichen Investitionen“, sagt Elternvertreter Peiritsch. „Wir können uns nicht mit dem Status Quo abfinden“. Der weitere Verfall der Schulen sei so nicht zu stoppen. Die Oppositionsparteien nutzen die angekündigten Proteste um auf die Versäumnisse der rot-roten Bildungspolitik hinzuweisen. Die CDU will die Abwanderung der Lehrer durch Verbeamtung und unbefristete Verträge stoppen. Die FDP will den Schulen das Budget für Personal und Sanierung selbst übertragen. Die SPD verspricht die Abschaffung der Bedarfsprüfung in den Kitas.

Der Protestzug startet um 11 Uhr an der Grunerstraße am Alexanderplatz (vor dem Alexa) und endet mit einer Kundgebung auf dem Gendarmenmarkt um 12.30 Uhr.