Tausende Lehrer, Eltern und Schüler

Bei der Bildungsdemo geht es nicht nur ums Geld

Am 10. September gehen in Berlin wieder Tausende Schüler, Lehrer und Erzieher auf die Straßen. Christine Richter über die große Bildungsdemonstration und ihre Berechtigung.

Es ist ein deutliches Zeichen eine Woche vor der Abgeordnetenhauswahl: Samstag wollen wieder Tausende Lehrer, Eltern und Schüler auf die Straße gehen, um für eine bessere Bildung in Berlin zu demonstrieren. Sie fordern mehr Lehrer- und Erzieherinnen-Stellen, mehr Kita-Plätze, bessere Arbeitsbedingungen für die Pädagogen und weitere Investitionen in die Schulgebäude und die Schulsportstätten. Es geht also um viel Geld, doch nicht nur.

Die Forderungen der Demonstranten sind völlig berechtigt. Erst vor wenigen Wochen ist Berlin im bundesweiten Bildungsmonitoring auf dem letzten Platz gelandet. Und dies, obwohl Berlin immer noch viel mehr Geld in die Bildung investiert als beispielsweise Baden-Württemberg oder Bayern. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) betont zwar stets, dass in dieser Studie auch nachgewiesen worden sei, dass Berlin sich am dynamischsten in der Bildung entwickele und sehr viel für die Schüler tue. Das mag ja sein, aber es reicht halt doch nur zum letzten Platz. Und ein Konzept gerade für die Schulen, an denen der Migrantenanteil weiter steigt, an denen immer mehr Kinder aus Hartz-IV-Familien eingeschult werden, deren Eltern oftmals nur wenig Wert auf Bildung legen, hat der rot-rote Senat bis heute nicht vorgelegt. Wundert sich eigentlich noch jemand, dass in Berlin immer mehr Privatschulen gegründet werden? 322 dieser Schulen gibt es inzwischen in Berlin – das heißt, jede dritte Schule in der deutschen Hauptstadt wird privat geführt. Die Eltern haben offensichtlich das Vertrauen in den Staat verloren.

Alle Parteien, allen voran die SPD, die seit vielen Jahren den Bildungssenator in Berlin stellt, hat für die Zeit nach der Wahl den Schulfrieden ausgerufen. Das klingt erst einmal gut, ist aber nichts anderes als die Erkenntnis, dass man mit mehr als 20 Reformen den Berliner Schulen viel zu viel zugemutet hat. Damit eine Reform auch wirken kann, brauchen die Schulen Zeit. Sie müssen Erfahrungen sammeln, nachbessern können.

Schulfrieden darf aber nicht bedeuten, dass in den Schulen gar nichts mehr geschieht. Beispielsweise beim jahrgangsübergreifende Lernen (Jül), bei dem in der Grundschule Kinder aus mehreren Jahrgängen in einer Klasse unterrichtet werden. Ein Konzept, das in der Realität nicht funktioniert, weil es zu wenig Lehrer gibt, weil in den Brennpunktschulen zu viele Migrantenkinder zu schlechtes Deutsch bei der Einschulung sprechen. Das heißt: Jül muss freiwillig werden. Schulen, die gut ausgestattet sind und sich Jül zutrauen, sollen diesen Unterricht anbieten können, die anderen darauf verzichten dürfen, ohne dass ihnen Nachteile entstehen.

Am 18. September haben die Berliner die Wahl, erst recht beim Thema Bildung, wo die Parteien doch sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Und mit dem ausgerufenen Schulfrieden sollte sich kein Wähler zufriedengeben. Die Schulen brauchen sicherlich keine neue Unruhe und keine neue grundlegende Reform, aber sie brauchen auch keinen trügerischen Frieden. Es liegt noch so vieles im Argen. Was Berlin braucht, ist eine Offensive für die Bildung.