Treptower Schule

Kein Unterrichtsausfall trotz giftigen Fußbodens

Chemischer Geruch in der Luft, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Müdigkeit - Trotz Schadstoffbelastung soll der Unterricht an der Gebrüder-Montgolfier-Schule in Berlin-Treptow weitergehen. Die Schüler fühlen sich übergangen und protestieren.

Foto: Jakob Hoff

Das Gift ist nicht zu sehen. Nur zu riechen. Vom Fußboden ausgehend, breitet sich der strenge, chemische Geruch in der Luft aus. Und bereitet Schülern und Lehrern der Gebrüder-Montgolfier-Schule in Niederschöneweide Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Müdigkeit. Symptome, die auftreten, wenn ein außerordentlich hohes Maß an sogenannten Aldehyden und Ketonen eingeatmet wird. „Der Gestank beist in der Nase, sobald man das Schulgebäude betritt“, sagt eine Schülerin aus der 12. Klasse. Er erinnere an ein starkes Reinigungsmittel.

Die 18-jährige Schülerin und ihre Klassenkameraden der zweiten Sekundarstufe waren deshalb nicht überrascht, als sie von ihrer Schulleiterin Ute Paubandt am Donnerstag in einem kurzen Schreiben darüber informiert wurden, dass die Geruchsbelästigung „das Wohlbefinden beeinträchtigen kann“. Erstaunlich ist jedoch, dass es zwei Jahre lang gedauert hat, bis die Belastung der Luft mit den Substanzen bemerkt worden ist.

Vor zwei Jahren ist der belastete Fußboden in der Aula des Hauptgebäudes und einem separaten Unterrichtsgebäude verlegt worden. Das Bauamt stellte bei der damaligen Prüfung des Linoleumbodens nach eigenen Angaben keine Beanstandungen fest. Nachdem sich Lehrer bei ihrer Schulleiterin laut Bezirksamt über „unerträgliche Luftbelästigung, die häufiges Lüften notwendig macht“, beschwert hatten, wandte sich Ute Paubandt an das Bezirksamt. Da zudem eine Lehrerin schwanger war, testete die Betriebsärztin des Bezirks Treptow-Köpenick die Arbeitsbedingungen an der Gebrüder-Montgolfier-Schule. „Dabei konnte sie eine gesundheitliche Gefährdung nicht ausschließen“, sagt Dieter Usemann, Leiter des Schulamtes.

Schulleitung wusste von Belastung

Die folgenden Messungen ergaben, dass 400 bis 500 Milligramm Aldehyd pro Kubikmeter in der Luft vorhanden sind. Der für Räume empfohlene Richtwert liegt bei 100 Milligramm pro Kubikmeter. Zudem wurde eine Belastung mit Ketonen von 2000 Milligramm pro Kubikmeter gemessen. Trotzdem geht der Unterricht an der Gebrüder-Montgolfier-Schule seit den Sommerferien seinen normalen Gang. Schüler und Eltern sind über das Gesundheitsrisiko bis gestern nicht informiert worden. Obwohl das Ergebnis der Luftmessung der Schulleitung zu Beginn des Schuljahres bereits bekannt war.

„Wir warten noch auf das medizinische Gutachten vom Bezirksamt“, sagt Schulleiterin Ute Paubandt. Dann erst könne gesagt werden, ob es sich bei den Ausdünstungen um das krebserregende Formaldehyd handle oder ob noch weitere Gesundheitsrisiken bestünden.

Eltern und Schüler sind dennoch aufgebracht. Sie erfuhren nur über Gerüchte von den giftigen Gasen in den Klassenzimmern. „Am Montag hat eine Lehrerin mit uns darüber erstmals gesprochen, obwohl die Prüfungsergebnisse schon vor Schuljahr bekannt waren“, sagt ein Schüler. Er kam im Schutzanzug und Gasmaske zur Schule. Den Unterricht in den betroffenen Räumen boykottieren er und weitere Schüler der Oberstufe. Am Tag zuvor haben die Protestierenden alle Schüler per Megaphon über den Schulhof dazu aufgerufen, zu ihrem Hausarzt zu gehen und sich eventuelle Beschwerden attestieren zu lassen. Juckreiz in den Augen, Kopfschmerzen nach einem langen Schultag und Schwindel kennt fast jeder der Schüler. „Mein Asthma ist im vergangenen Jahr viel schlimmer geworden“, sagt eine blonde Schülerin. Nun befürchtet sie, dass die Verschlechterung auf die Luftbelastung in der Gebrüder-Montgolfier-Schule zurückgeführt werden könne.

Elternbeschwerden ignoriert

Diana Scharfenberg, Gesamtelternvertreterin der Gebrüder-Montgolfier-Schule, kritisiert, dass im Vorfeld der Messung nur Lehrer nach Beschwerden gefragt, Risiken für die Schüler hingegen ignoriert worden seien. „Nun muss die Gesundheitsgefahr so schnell wie möglich geklärt werden“, sagt Diana Scharfenberg. Zudem sollten die Eltern ab sofort frei entscheiden dürfen, ob sie ihre Kinder zum Unterricht lassen, bis das medizinische Gutachten vorliegt. „Auch wenn noch Fakten fehlen, müssen Allergiker und Asthmatiker durch die Aldehyde und Ketone nicht zusätzlich belastet werden.“ Scharfenberg kritisiert zudem, dass Schulleiterin Ute Paubandt es vier Wochen lang versäumt habe, die Eltern zu informieren. „Ich habe vom Problem erfahren, da mich am Montag aufgebrachte Eltern angerufen haben.“ Diana Scharfenberg weiß von früheren Beschwerden über den Gestank. „Damals war der Teppich jedoch neu und er roch auch so.“ Also habe man abgewartet, ob sich die Luftbelastung nicht lege. „Jetzt ist klar, dass das ein Fehler war.“

Langfristige Sanierungsarbeiten

Nun hat sich die Berliner Bildungsverwaltung eingebracht und das zuständige Bezirksamt Treptow-Köpenick gebeten, schnellstmöglich mitzuteilen, mit welchen Maßnahmen die Belästigung kurzfristig abgeschaltet werden soll. „Wir werden sicherlich langfristig Sanierungsarbeiten einleiten“, sagt Dieter Usemann. Das Bauamt erarbeite derzeit gemeinsam mit dem Umweltamt ein Konzept. Usemann erwarte aber, dass die erhöhte Belastung keine kurzfristigen Maßnahmen erfordern werde, übergangsweise könne man Gesundheitsrisiken mit häufigem Lüften abwenden. „Genaueres kann ich erst sagen, wenn wir die Gefahr konkret einschätzen können.“ Eine entsprechende Beurteilung erwartet Dieter Usemann am Freitag vom Gesundheitsamt zu bekommen.

Die Schüler der Gebrüder-Montgolfier-Schule proben indessen den Aufstand. Sie haben im Online-Netzwerk Facebook eine Gruppe gegründet. „Gebrüder Montgolfier Krebsgefahr“ hat bereits 147 Mitglieder – über die Plattform machen die Schüler deutlich, dass sie sich von ihrer Schulleiterin übergangen fühlen.

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