Grünflächen

Berliner sollen ihr Parks selbst pflegen

Nach der Wende entstanden in der Hauptstadt 16 neue Parklandschaften und Stadtgärten - zuletzt am Gleisdreieck. Damit diese Flächen auch grün bleiben, will Senatorin Junge-Reyer die Bürger an der Pflege beteiligen.

Foto: Sven Lambert

Als Friedrich der Große 1742 dem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff den Auftrag gab, im Großen Tiergarten die Zäune niederreißen zu lassen und aus dem kurfürstlichen Jagdrevier einen Lustpark für die Bevölkerung zu schaffen, hatte dieser eine vergleichsweise überschaubare Aufgabe zu bewältigen: Die Berliner sollten dort nach dem Wunsch des Preußenkönigs flanieren und ausruhen können. So entstanden Blumenbeete, Wasserbecken und Zierteiche, an denen die Besucher auf schattigen Alleen flanieren konnten, dazu kleine, mit Hecken oder Bäumen eingefasste Plätze, die mit Sitzgelegenheiten, Brunnen und Vasen möbliert waren und als Ruheorte dienten. Nach zwei Jahren war der Auftrag erledigt, König und Bürger mit dem Geschaffenen hochzufrieden.

Von solch eindeutiger Aufgabenstellung und zügiger Umsetzung können heutige Planer nur träumen, wie nicht zuletzt die jahrzehntelange Diskussion um den Park am Gleisdreieck zeigt. Dessen Anlage wurde bereits 1995 beschlossen – am kommenden Sonnabend wird nun zumindest eine Teilfläche mit einem großen Bürgerfest feierlich eröffnet. Der 16-jährige Vorlauf ist vor allem der umfangreichen Bürgerbeteiligung geschuldet, die der Parkgestaltung vorausging. In zahlreichen Bürgerveranstaltungen, im Online-Dialog, in Erkundungsspaziergängen mit bis zu 2000 Teilnehmern und mit einer repräsentativen Befragung im Einzugsbereich des Parks auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Schöneberg sollte im Vorfeld geklärt werden, was sich die Bürger von ihrem Park wünschen.

„Die Auswertung ergab, dass sich die Menschen zu gleichen Teilen Naturgenuss und Ruhe sowie Bewegung und aktive Freizeitgestaltung wünschen“, so Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Gesucht wurde also ein Parkkonzept, dass diese zum Teil sehr widersprüchlichen Nutzungen einigermaßen friedlich auf eine Gesamtfläche von 26 Hektar vereint.

2005 wurde endlich ein entsprechender Wettbewerb ausgelobt, den das Atelier Loidl gewann, 2008 begannen die Vorarbeiten und nun können die Berliner am Wochenende selbst beurteilen, ob sich das lange Warten und der Einsatz von 9,5 Millionen Euro allein für den 17 Hektar großen Ostpark gelohnt hat. Die Eröffnung des wesentlich kleineren Westparks (9 Hektar, 8,5 Millionen Euro) soll im Herbst 2013 erfolgen. „Jetzt wird sich zeigen, ob der neue Park funktioniert, ob er auch allen Ansprüchen gerecht wird“, formuliert die Stadtentwicklungssenatorin die bange Frage. Ob das enge Nebeneinander von „Naturerfahrungsraum“, Liegewiese, Spielplatz, „interkulturellen Gärten“ und Sportfläche zwischen Technikmuseum, Fernbahntrasse, Yorckbrücken und Möckernstraße gelingt, so sie Senatorin weiter, liege sicherlich auch an der Bereitschaft der Berliner, sich an der Pflege und beim Unterhalt des neuen Parks zu beteiligen. Denn ohne Bürgerengagement, so die Senatorin weiter, werden die vielfältigen Grünflächen Berlins angesichts leerer Kassen auf Dauer nicht in der jetzigen Qualität zu erhalten sein.

Strategie Stadtlandschaft

Voller Stolz kann die Senatorin darauf verweisen, dass Berlin nach dem Mauerfall 16 neue Parklandschaften und Gärten eröffnen konnte. „Inzwischen ist Berlin die grünste Hauptstadt Europas“, so Junge-Reyer. 44 Prozent der Flächen des Berliner Stadtgebietes sind Wald, Landwirtschaft, Gewässer, Kleingärten, Parkanlagen oder Sportflächen. In Paris oder New York hat das Stadtgrün lediglich einen Anteil von 23 beziehungsweise 27 Prozent. „Dieser Reichtum Berlins steht allerdings in Kontrast zur öffentlichen Wahrnehmung“, so die Senatorin weiter. „Das Grün in Berlin ist so im Lebensgefühl der Bevölkerung verankert, dass es als selbstverständlich gesehen wird.“

Um diese urbane Natur dauerhaft zu bewahren, hat die Senatorin ein Strategiepapier erarbeiten lassen. „Damit wollen wir das Bewusstsein der Berliner für dieses einmalige Gut stärken“. Im Doppelhaushalt 2012/2013 stehen deshalb jährlich zwei Millionen Euro bereit, um aktives Mitgestalten der Bürger zu fördern. Als „Do-it-Yourself-Gärtner“ können Initiativen wie Kinderbauernhöfe, Gartenarbeitsschulen, Freilandlabore oder interkulturelle Gärten beispielsweise Teile der Parks und Gärten bewirtschaften. „Die klima- und sozialgerechte Weiterentwicklung der Grün- und Freiräume ist zentrales Thema einer zukunftsfähigen und lebenswerten Stadtentwicklung“, so Junge-Reyer. Als Beispiel nannte die Senatorin auch Patenschaften für Straßenbäume. „Bis zur Internationalen Gartenschau IGA 2017 wollen wir 10.000 neue Straßenbäume pflanzen“, sagt sie. Jeder Baum koste aber rund 1000 Euro. „Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sind wir darauf angewiesen, dass Berliner Patenschaften für die Bäume in ihrer Straße übernehmen“, sagte sie. Zwar seien 1000 Euro für den einzelnen Anwohner sicher viel. „Aber wenn sich eine ganze Straße zusammenschließt und für leere Baumscheiben 500 Euro sammelt, beschleunigt das die Wiederbepflanzung sicher“, sagt sie.

Die Jahre nach dem Mauerfall haben einen enormen Zuwachs an Grünflächen für Berlin gebracht – und das nicht nur entlang des Mauerstreifens, sondern auch auf den zahlreichen Industrie- und Infrastrukturbrachen, die die komplette Neuausrichtung des Wirtschaftslebens im wiedervereinten Berlin mit sich gebracht haben. „Doch es ist schon jetzt klar, dass dieser Prozess langsam abgeschlossen ist“, so die Senatorin. Nach der neuen Parklandschaft auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, die seit Mai 2010 geöffnet ist, wird es in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich nur noch eine weitere große Grünfläche in der Stadt geben: Die „Tegeler Stadtheide“. Wenn der Flughafen Tegel 2012 schließt, soll neben der geplanten baulichen Neuausrichtung des Flughafengebäudes ein Forschungs- und Industriestandort entstehen. Ein großer Teil des Flughafenareals soll aber zum offenen Landschaftsraum werden. „Hierzu wird derzeit ein Landschaftskonzept erarbeitet“, so die Senatorin.

Neue Freiräume

Seit 1990 wurden insgesamt 16 neue Parks im Berliner Stadtgebiet eröffnet beziehungsweise mit ihrem Bau begonnen. Darunter ist auch Berlins größte Grünfläche, das Tempelhofer Feld mit 300 Hektar. Zum Vergleich: Der Große Tiergarten, bis dato Berlins größte Parkanlage, umfasst 210 Hektar. Von den übrigen 15 neuen Grünanlagen sind acht in der Innenstadt entstanden: Mauerpark, Stadtpark Eldenaer Straße, Parkanlage Alt-Stralau, Natur-Park Südgelände, Stadtpark Gleisdreieck, Stadtpark Nordbahnhof, Stadtteilpark Moabit und der Natur-Park Schönholz. Sieben weitere sind am Stadtrand entstanden: Volkspark Staaken, Park Lichterfelde, Landschaftspark Buckower Felder, Landschaftspark Rudow-Altglienicke, Volkspark Johannisthal, Erholungsgebiet Kaulsdorfer Seen, Erholungsgebiet Wuhletal.