Höhere Miete

Berliner in GSW-Wohnungen sollen mehr zahlen

Der Börsenneuling GSW Immobilien will in Berlin die Mieten erhöhen. Sie sollen für 15.000 der 48.800 Wohnungen in den kommenden zwei Jahren um rund 6,8 Prozent steigen.

Foto: Amin Akhtar

Mehr Miete? Holger Pletz ist schockiert. „Dann muss ich hier raus“, sagt der 50-Jährige und streicht sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Der Brief, den Holger Pletz am Dienstag bekommen hat, war nur eine kleine Erhöhung der Betriebskosten. Aber dass die GSW jetzt bei vielen ihrer Mieter, also vielleicht auch bei ihm, die Miete erhöhen will, macht Pletz Angst. „Es wäre ja nicht die erste Erhöhung in den vergangenen Jahren“, sagt er. Doch wie die rund 130.000 Mieter der Wohnungsbaugesellschaft GSW muss sich auch Pletz nun auf weiter steigende Mieten einstellen. Der Börsenneuling GSW Immobilien AG hat mit Verweis auf den Berliner Mietspiegel angekündigt, die Mieten für 15.000 ihrer insgesamt 48.800 Wohnungen zu erhöhen. In den nächsten zwei Jahren sollen die Kaltmieten dort um rund 6,8 Prozent angehoben werden. Das hat das Unternehmen am Dienstag in seinem Halbjahresbericht mitgeteilt.

GSW-Sprecher Thomas Rücker ergänzte auf Nachfrage von Morgenpost Online, an rund 10.000 Mieter seien bereits Mieterhöhungsverlangen verschickt worden.

Druck durch Dividenden

Erst im April 2011 war das vormals landeseigene Unternehmen, das 2004 an ein Konsortium aus den Investmentgesellschaften von Goldman Sachs und Cerberus verkauft worden war, an die Börse gegangen . Mieterverbände hatten schon damals davor gewarnt, dass durch den Druck, regelmäßig Dividende an die Aktionäre auszuschütten, die Mieten steigen werden. Knapp vier Monte später ist es nun soweit.

Im ersten Halbjahr hat die GSW nach eigenen Angaben die Nettokaltmiete im Durchschnitt von 4,88 Euro auf 4,94 Euro je Quadratmeter erhöht. „Damit liegen wir im Durchschnitt immer noch deutlich unter den aktuellen amtlichen Mietspiegelwerten“, so GSW-Sprecher Rücker. Die durchschnittliche Berliner Miete beträgt laut Mietspiegel im Jahr 2011 5,21 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: 2009 waren es rund acht Prozent weniger, nämlich 4,83 Euro/Quadratmeter. „Wir haben nur dort das Mieterhöhungspotenzial ausgeschöpft, wo wir mit den Preisen unter der Marktmiete lagen“, versichert Rücker.

Wie viele Berliner ist Holger Pletz jedoch auf günstige Mieten angewiesen. Seit einem Bandscheibenunfall vor vier Jahren bezieht der ehemalige Heilpädagoge Rentner Grundsicherung. „Wenn's noch teurer wird, kann ich mir das nicht mehr leisten“, sagt er. Für 38 Quadratmeter bezahlt er aktuell 417 Euro Warmmiete.

Zwischen 2006 und 2009 hatte die GSW nach eigener Auskunft die Mieten um durchschnittlich 3,2 Prozent pro Jahr angehoben. Dass nunmehr rund 6,8 Prozent verlangt würden, sei auf das „erhebliche Mietenwachstum“ in Berlin zurückzuführen. „Die Mieterhöhungen haben mit dem Börsengang nichts zu tun, das machen kommunale Wohnungsunternehmen ganz genauso“, so Rücker weiter.

Auch kommunale Vermieter erhöhen

Der Hinweis, dass auch andere an der Mietspirale drehen, ist berechtigt. So räumt Michael Zarth, Marketingchef der Degewo ein, man habe ebenfalls „in den Mietspiegel geschaut“. Seit dieser im Mai veröffentlicht wurde, seien bereits 8000 Mieterhöhungen verschickt worden. Die Degewo, als größtes landeseigenes Wohnungsunternehmen, hat 71.000 Wohnungen in ihrem Bestand. Insgesamt sehe man bei rund 20.000 Wohnungen ein Mietsteigerungspotenzial. „Allerdings fällt das bei uns mit 2,3 Prozent deutlich moderater aus“, so Zarth weiter. Und die Degewo, betont Zarth, investiere in den Bestand.

Anders als die GSW, wie der Berliner Mieterverein erneut beklagt. Die Wohngebäude würden nicht nachhaltig bewirtschaftet. Der Service lasse aus Mietersicht oft zu wünschen übrig. „Energetische Ertüchtigung und Heizkostenersparnis für die Mieter bleiben Fremdworte in der GSW“, rügt Mietervereinsgeschäftsführer Reiner Wild. Mit den Mieterhöhungen sollten lediglich die Erwartungen der Anleger befriedigt werden.

Holger Pletz sieht das genauso. „Vieles ist ganz schön veraltet“, klagt er. „Die Heizung geht manchmal kaum, die Klospülung ist uralt.“ Auch andere Mieter würden sich modernere Anlagen wünschen. „Hier wird soviel nach Draußen geheizt und wir müssen das bezahlen. Wo hier höhere Mieten gerechtfertigt sein sollen, weiß ich nicht.“ Die GSW hatte mit einem Erlös von 468 Millionen Euro den bisher größten Börsengang des Jahres in Deutschland hingelegt. Dem Unternehmen selbst flossen jedoch nur 100 Millionen Euro zu, der Rest ging an die Altaktionäre, die Finanzinvestoren Goldman Sachs und Cerberus. Sie halten knapp 40 Prozent der Anteile. Der Immobilienkonzern hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres unter anderem dank des Verkaufs des eigenen Kabelnetzes und 450 Wohnungen deutlich mehr verdient. Netto wies das Unternehmen 36,9 Millionen Euro aus – nach 5,8 Millionen Euro in der Vorjahresperiode.