Flugrouten-Gegner

Regisseur Haußmann gibt sich kämpferisch

Mit Leander Haußmann haben die Friedrichshagener prominente Unterstützung im Kampf gegen die ungeliebten Flugrouten gefunden. Im Interview mit Morgenpost Online spricht der Regisseur von "Sonnenallee" über politische Mauscheleien und Parallelen zu Stuttgart 21.

Foto: Amin Akhtar

Weiße Schwäne ziehen über das Wasser, Wellen klatschen an das Familienboot von Leander Haußmann. Der Regisseur steht auf dem Steg, der von seinem Garten in den Müggelsee ragt. Haußmann, 52 Jahre alt, trägt weißes Hemd, Jeans und eine schwere Goldkette um den Hals. Ein Totenkopfring glitzert an seinem Mittelfinger. Plötzlich dröhnt ein Flugzeug über den Wolken, Haußmann guckt grimmig zum Himmel. Wenn der Plan der Deutschen Flugsicherung sich nicht ändert, fliegen schon bald über 180 Maschinen täglich über sein Haus. Der Filmemacher ist deshalb unter die Demonstranten gegangen.

Morgenpost Online: Herr Haußmann, übernehmen Sie jetzt Regie im Protest gegen den Flughafen BER?

Leander Haußmann: Eigentlich bin ich kein Mensch, der auf Podien geht. Die Friedrichshagener haben mich gefragt, ob ich sie unterstütze. Das tue ich, weil hier ich hier tief verwurzelt bin. Seit meinem vierten Lebensjahr lebe ich hier, ich hänge sehr an meiner Heimat. Am Ufer dieses Sees habe ich die wildesten Partys gefeiert, meine erste Theatergruppe hat hier in den 80er-Jahren geprobt. Meine Großeltern und mein Vater sind hier begraben, meine Mutter lebt noch hier.

Morgenpost Online: Auf einer der vergangenen Montagsdemonstrationen haben Sie vom Podium gerufen, dass Herr Wowereit seinen Arsch hierher bewegen soll. Wie wütend sind Sie?

Leander Haußmann: Jetzt sollen hier Flugzeuge über den See fliegen, das ist doch absurd. Wenn ich mich erst einmal aufrege, dann rege ich mich richtig auf. Da kann ich mich richtig reinsteigern. Wir sollten in die Innenstadt ziehen, vor das Rote Rathaus. Oder besser dahin, wo Wowereit wohnt.

Morgenpost Online: Waren Sie beleidigt, als der Bürgermeister Ihnen Hausverbot erteilte?

Leander Haußmann: Was für ein grotesker Fehler von Wowereit, ich hätte ihm mehr Humor zugetraut. Aber nö, ich war nicht sauer. Im Gegenteil. Ich wollte sowieso nicht hingehen, ich mag diese Nähe zu Politikern nicht. Kürzlich fragten die Berliner Grünen, ob ich mit Frau Künast ein Wahlplakat enthüllen würde, da habe ich auch abgelehnt. Ich lasse mich von niemandem instrumentalisieren. Ich bin übrigens auch kein Flugroutenverschieber, sondern Regisseur.

Morgenpost Online: Sie deuteten auf der letzten Montagsdemo eine Art „Pinkepinke-Geste“ an, was wollen Sie damit sagen?

Leander Haußmann: Die Entscheidungen, die da im Vorfeld abgelaufen sind, sind völlig intransparent. Ich meine, da wird ein Flughafen gegen den Willen der Menschen gebaut. Die ganze Sache riecht nach verrauchten Hinterzimmern. Nach Gemauschel und Vertuschung. Das ruft Erinnerungen an DDR-Vetternwirtschaft wach. Und dann kommt der Regierende Bürgermeister nicht zu der Demo, das beflügelt meine Fantasie und auch die der Leute. Sie denken, dass Wowereit etwas zu verbergen hat.

Morgenpost Online: Sehen Sie Parallelen zu Stuttgart 21?

Leander Haußmann: Genauso wie in Stuttgart wurden auch Berliner nicht in die Planung eines großen Verkehrsprojekts mit einbezogen. Jetzt, da die Entscheidungen getroffen und die Bürger wütend sind, versucht man die ganze Sache auszusitzen. Das funktioniert aber nicht. Die Politiker lernen einfach nicht aus ihren Fehlern.

Morgenpost Online: Immerhin waren schon Spitzenkandidaten fast aller Parteien hier…

Leander Haußmann: Ja gut, aber kein Politiker stellt sich hin und gibt zu, dass er Fehler gemacht hat. Das ist es, was die Leute erwarten. Eine Entschuldigung. Aber die kommt nicht, es geht nur darum, das Gesicht zu wahren. Die Leute fühlen sich veräppelt und zunehmend hilflos.

Morgenpost Online: Es gibt Berliner, die sagen, dass der Flughafen BER Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum schafft…

Leander Haußmann: Kein Flugzeug sollte über besiedelte Naherholungsgebiete fliegen dürfen, nicht über den Müggelsee und auch nicht über den Wannsee. Über Hollywood dürfen auch keine Maschinen fliegen, oder zumindest müssen Piloten den Motor ausmachen. In München haben sie den Flughafen auch außerhalb gebaut, damit die Leute möglichst wenig vom Lärm und Schmutz abbekommen. In Berlin haben wir drei Flughäfen, warum muss man noch einen bauen. Warum müssen wir Frankfurt oder London Konkurrenz machen, das ist doch Irrsinn. Die Menschen fliegen inzwischen sogar nach Köln, da kann man doch auch den Zug nehmen.

Morgenpost Online: Werden die Friedrichshagener zu Wutbürgern?

Leander Haußmann: Die Friedrichshagener sollte man nicht unterschätzen, sie sind ein ganz besonderer Volksstamm, wir sind aufmüpfig wie die Gallier in Asterix und Obelix. Hier am Müggelsee leben keine Reichen, es gibt keine Villenbesitzer hier, ich selbst wohne auch zur Miete. Aber wir sind kämpferisch, wenn wir das, worauf wir stolz sind, verteidigen wollen. Dazu gehört unser Eigentum, nicht nur unsere Häuser, auch unsere Gemeinschaft, das Wasserschutzgebiet, unsere Geschichte.

Morgenpost Online: Kann der Streit so eskalieren wie in Stuttgart?

Leander Haußmann: Bis jetzt sind wir friedlich, ich hoffe, dass das auch so bleibt. Eine Eskalation wie in Stuttgart halte ich für wenig wünschenswert. Sollte es in irgendeiner Form zu Gewalt komme, mache ich nicht mehr mit. Aber die Frustration unter den Berlinern steigt, nach den vielen Demonstrationen haben sie das Recht dazu, emotional zu werden.

Morgenpost Online: Würden Sie sich auch engagieren, wenn Sie nicht hier wohnen würden?

Leander Haußmann: Um ehrlich zu sein, sehr wahrscheinlich nicht. Obwohl es hier nicht nur um Flugzeuge geht, die über unsere Häuser fliegen und Lärm und Dreck machen. Dieses Thema spielt auf einer höheren Ebene. Es geht auch um Werte. Ich bin überzeugter Demokrat. Und zur Demokratie gehört Eigentum. Wenn wir das verteidigen, verteidigen wir den Staat. In dem Streit um die Flugrouten hat es hier die Schwächsten getroffen. In Friedrichshagen wohnen nicht so einflussreiche Leute wie am Wannsee oder in Potsdam. Wir haben keine Lobby, also haben die Politiker uns aufgegeben.

Morgenpost Online: Welche Konsequenz ziehen junge Leute daraus?

Leander Haußmann: Es treibt sie nach ganz links und im schlimmsten Fall nach rechts, hier hängen inzwischen viele Plakate der NPD, das macht mir Sorgen. Es demonstrieren auch überwiegend Grauhaarige, ein paar Familien. Die Jungen kommen seltener, viele von ihnen haben die Tragweite dieses Protests noch nicht verstanden, ich bin optimistisch, dass sich das noch ändert.

Morgenpost Online: Gibt es beim Streit um die Flugrouten einen Ost-West-Konflikt?

Leander Haußmann: In Friedrichshagen wohnen sehr viele Westler. Dieser Protest schweißt eher zusammen. Aber natürlich hätten wir uns schon eher engagieren müssen. Als es zum Beispiel hieß, dass die Maschinen über Kleinmachnow fliegen, da hätten wir solidarisch sein müssen. Da können wir uns jetzt auch nicht beschweren, dass uns nicht so viele unterstützen.

Morgenpost Online: Wie schweißt der Protest die Leute zusammen?

Leander Haußmann: Sie sind motiviert, gemeinsam was zu machen, auch wenn es Zeit, Nerven und Geld kostet. Da gibt es viele Emotionen, das setzt unglaubliche Potenziale frei. Es wird noch die Zeit kommen, in denen die Friedrichshagener die Aktionen vermissen werden. Der Spaßfaktor hat zugenommen, er steigert die ideelle Lebensqualität hier.

Morgenpost Online: Wie äußert sich das?

Leander Haußmann: Da ist der Kneipenwirt, der plötzlich nur noch Bob Dylan spielt, alle singen das Wowereit-Lied, manche begrüßen sich schon mit Faust auf der Straße. Das ist der Bäcker, der Flugverbotsbrötchen bäckt. Neu ist diese Aktion mit den blauen Bändern, die jeder am Handgelenk tragen soll. Die Idee ist gut, Widerstand braucht Symbole, die einfach zu verstehen sind. Ist doch cool, wenn die Leute jetzt alle ihre blauen Laken zerschneiden, um ein Zeichen zu setzen.

Morgenpost Online: Sie planen eine Menschenkette um den Müggelsee?

Leander Haußmann: Am 28. August 2011, um 15 Uhr. Ich möchte alle Berliner dazu aufrufen, dass sie mitmachen. Wenn wir es schaffen, dass da 18.000 Menschen kommen, wäre das genial. Allerdings muss man zugeben: Das wird ein logistisches Monstrum, ein Teil der Kette schließt sich auf dem Wasser, auf dem See soll ein Kreuz zu sehen sein, für das Flugverbot. Wir müssen gucken, wie wir das organisieren, gerade werden über 200 Boote gesucht. Ich bin optimistisch, dass das eine große Sache werden wird.

Morgenpost Online: Wären Sie da nicht als Regisseur der richtige Mann, so etwas zu inszenieren?

Leander Haußmann: Ich muss leider auch noch arbeiten, mein neuer Film, Hotel Lux, hat bald Premiere. Wir werden sehen, wie wir das hinbekommen, vielleicht engagieren wir noch jemanden.

Morgenpost Online: Werden Sie wegziehen, wenn hier täglich 180 Maschinen über ihre Wohnung fliegen?

Leander Haußmann: Meine Bindung zu diesem Ort ist sehr tief. Eigentlich will ich hier nicht weg. Aber wenn der Lärm unerträglich wird, dann muss ich mir wohl etwas überlegen.