Brandstiftung in Berlin

Wen die Anschläge auf Autos wirklich treffen

Rund ein Dutzend Brandanschläge auf Autos in Berlin in einer Nacht. Das ist die Bilanz vom Mittwoch. Die Opfer sind Rentner, Erzieher, selbstständige Handwerker. Menschen, die für ihr Auto lange sparen mussten.

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In der Nacht zu Mittwoch sind in Berlin-Charlottenburg elf Autos in Brand gesetzt worden. Von den Tätern gibt es keine Spur.

Video: Reuters
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„Dafür habe ich mein Leben lang gespart. Diese Menschen können doch nicht einfach darüber entscheiden, welches Auto man ihrer Meinung nach fahren darf.“ Fari Keller steht neben den Überresten seines Mercedes. Erst in der vergangenen Woche ist der 65-Jährige mit dem schmucken Wagen aus einem Kurzurlaub gekommen, die nächste Tour mit seiner Frau hatte er bereits geplant. „Daraus wird nun nichts werden. Ich wollte als Pensionär mobil sein und bequem reisen können, das haben diese Brandstifter mir genommen. Und ich bin mir nicht einmal sicher, dass das politisch motiviert war.“

Daran glaubt im Charlottenburger Kiez zwischen Spandauer Damm und Reichsstraße längst niemand mehr. Politisch motivierte Täter, so ein Ermittler fassungslos, hätten früher „ihren Kiez“ in Kreuzberg und Friedrichshain gegen Yuppies mit teuren Fahrzeugen verteidigt. Aber sie hätten nicht das Bürgertum angegriffen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Menschen zu Schaden kämen. „Das Löschen eines brennenden Autos stellt für einen Feuerwehrmann keineswegs Routine dar, sondern ist in jedem Fall ein gefährlicher Einsatz. Vom Schaden für die Natur durch versickerndes und verschmutztes Löschwasser ganz zu schweigen.“

Familienwagen ausgebrannt

Ein Blick in den Wagen von Tomasz Nadziak hätte genügt, um ihn von der Liste der vermeintlichen Bonzen zu streichen. Nachbarn hatten den 39 Jahre alten Handwerker in der Nacht geweckt. Als er aus der Haustür an der Lindenallee trat, glaubte er für eine Sekunde, in einem Kriegsgebiet zu sein. „Ich dachte, die ganze Straße würde in Flammen stehen. Ich hörte ein fürchterliches Zischen und Krachen, als eine Feuerfontäne aus meinem Wagen stieg.“

Das Sicherheitsventil vom Gastank seines VW Sharan, der neben zwei brennenden BMW und einem Mercedes geparkt war, hatte sich durch die Hitze geöffnet. „Es ist doch ein Familienwagen, das muss man doch sehen“, sagt Tomasz Nadziak. Er hat Tränen in den Augen. Probleme kommen auf ihn zu, große Probleme, vielleicht sogar unüberwindbare. Die drei Kindersitze sind zerstört, die neuen Reifen, die er noch kurz vor dem Kroatien-Urlaub vor wenigen Wochen hatte aufziehen lassen, ebenso.

Und sein Werkzeug, das er als selbstständiger Handwerker für die tägliche Arbeit braucht. „Ich kann mir kein neues Auto leisten“, sagt er. „Und mit dem Verdienstausfall wird jetzt alles noch schlimmer werden, ich kann meine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Ist es das, was diese Leute wollen? Eine Familie mit drei kleinen Kindern in den Ruin treiben?“ In der kommenden Woche wollte er mit seiner Frau und den Kindern im Alter von drei, fünf und neun Jahren zu einer Familienfeier nach Polen fahren. „Jetzt muss ich meinen Bruder bitten, uns abzuholen.“ Nein, es hat in dieser Nacht in Charlottenburg nicht den politischen Gegner der Linksextremisten getroffen, und längst distanziert sich auch die Szene im Internet von diesen Taten. Es hat den normalen Bürger getroffen, der nun zusehen muss, wie er klarkommt. So wie die Erzieherin Theresia Herker, die sich um kranke Kinder kümmert. Ihr Mitsubishi stand unweit von Tomasz Nadziaks zerstörtem Wagen und wurde ebenfalls ein Opfer der Flammen. „Ich brauche den Wagen, um damit zur Schichtarbeit zu fahren. Das hat mit Politikverdrossenheit nichts mehr zu tun. Das müssen Chaoten gewesen sein, die jeglichen Respekt gegenüber anderen Menschen verloren haben“, sagt die Pädagogin wütend. Glücklicherweise sei niemand verletzt worden, doch das könne man bei solch unkontrollierten Feuern nicht immer voraussetzen.

Am Morgen nach der Feuernacht, nach unruhigem Schlaf in vielen Wohnungen, macht sich auch die Angst breit. Erwin Schreyer ist 71 Jahre alt, er wohnt seit ewigen Zeiten im Kiez und hat sich noch niemals unsicher gefühlt. Eben dieses Gefühl der Sicherheit habe er jetzt nicht mehr, denn in der letzten Nacht sei er durchaus in Gefahr gewesen. „Ich wohne in einer Parterrewohnung, und vor meinem Balkon steht ein Baum. Der hat in der Nacht lichterloh gebrannt.“ Es hätte nicht viel gefehlt, und die Flammen hätten auf seine Gartenmöbel übergegriffen. „Zum Glück kam die Feuerwehr rechtzeitig und hat uns davor bewahrt.“ Die Natur wird nicht selten in Mitleidenschaft gezogen; nach Informationen von Morgenpost Online stellten Mitarbeiter des Grünflächenamts am Dienstag fest, dass zahlreiche Bäume durch die Hitze eingehen könnten.

Berliner wollen Sache selbst in die Hand nehmen

Dass die Polizei, also die Beamten auf der Straße, alles dafür täten, die Brandstifter zu bekommen, daran glauben die Anwohner. Doch ob es auch einen Fahndungserfolg geben wird, wird mehr und mehr bezweifelt. „Die Polizisten können nicht rund um die Uhr an jeder Straßenecke stehen. Es gibt ja noch andere Kriminalität“, so ein Spaziergänger mit Hund, der aus Angst seinen Namen nicht nennen will. „Aber wie lange sollen wir uns das noch gefallen lassen?“ Ein kräftiger Bauarbeiter kommt hinzu und pflichtet ihm bei, dass nicht an jedem Auto ein Beamter stehen könne. Also müsse man die Sache selbst in die Hand nehmen und die „Vandalen an ihren Machenschaften hindern“. Schließlich wolle man keine Londoner Verhältnisse.

Eine Bemerkung, die an den Fahndungen beteiligte Polizisten mit Schrecken erfüllt. „Der Umstand, dass der Bürger sich bemüßigt fühlt, seinen Besitz zur Nachtzeit mit dem Besenstiel in der Hand zu verteidigen, stellt der Polizei ein Armutszeugnis aus“, so ein Beamter. Er wolle nicht mit dem Finger auf andere zeigen oder in irgendeiner Weise die Schuld von sich schieben, aber die Polizeikräfte seien ausgelastet. Neben dem „alltäglichen Irrsinn einer Großstadt“ würden auch noch Streifen gebraucht zur Kontrolle der Rockerszene, zur Überwachung der U-Bahnhöfe, um Schläger zu fangen. Man suche nach den Tätern, die Kinderwagen in Mehrfamilienhäusern anzünden und Menschenleben in Gefahr brächten. Und nun schrien alle – zu Recht – nach intensiven Fahndungsmaßnahmen wegen der brennenden Autos. „Zu jedem 1. Mai werden Fremdkräfte aus anderen Bundesländern zur Unterstützung angefordert. Warum fordert unsere Führung jetzt nicht wenigstens temporär Fremdkräfte aus den großen Flächenländern an, um uns bei der Jagd nach diesen Tätern zu helfen?“ Er beantwortet seine Frage selbst: Weil es Geld koste. Und jeder wisse, dass Berlin kein Geld habe. Die Stadt sei einem bekannten Zitat nach ja arm, aber sexy. „Aber das Sexysein verhindert nicht, dass die Jobs von Menschen in Gefahr sind oder Kinder nicht mehr zur Kita gefahren werden können. Letztlich wird man der Berliner Polizei die Schuld geben, und das ist nicht fair.“