Geräumtes Haus

Liebig-14-Mieter fürchten sich vor Anschlägen

Die neuen Bewohner des geräumten Hauses Liebigstraße 14 haben Angst vor Anschlägen auf ihre Wohnungen: Türen wurden besprüht, Fensterscheiben zerstört, Farbbeutel geschmissen und ein Dachstuhl angezündet.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Angreifer kamen im Schutze der Nacht. Erst vor ein paar Tagen schlugen sie wieder in der Liebigstraße in Friedrichshain zu. Sie warfen Steine gegen drei Fensterscheiben, das Glas zersplitterte. Die Aktion dauerte nur wenige Augenblicke, dann waren die Unbekannten in der Dunkelheit verschwunden. Dass in der Wohnung Menschen leben, interessierte sie nicht. Sie hatten ihr Ziel erreicht, zumindest für den Moment.

Im ehemals besetzten Haus Liebigstraße 14 in Friedrichshain kehrt keine Ruhe ein. Aus Angst vor Anschlägen haben die Nachbarn Plakate an die Wand geklebt. „Bitte zündet uns nicht an“, lautet der verzweifelte Appell.

Im Februar war der Altbau in Friedrichshain von einem Großaufgebot der Polizei geräumt worden. Der Eigentümer, Suitbert Beulker, ließ das Gebäude komplett sanieren, seit Juli wohnen die ersten Mieter in dem Gebäude. Der Hauseingang wurde in die Rigaer Straße verlegt, er führt jetzt durch einen Hinterhof. Dort werden die neuen Bewohner mit blauer Farbe und einer unmissverständlichen Drohung empfangen. „Zieht aus“, haben Unbekannte auf die Tür gesprüht. Und daneben: „L14 bleibt“.

„Alles wird schicker“

Vor dem Haus steht ein Friedrichshainer. Er will seinen Namen nicht nennen. Eigentlich kommt er aus Brandenburg, lebt aber schon seit 1990 im Kiez. Eine gewisse Sympathie für die Aktionen der linksextremen Szene habe er, gibt er zu. „Alles wird schicker und teurer. Die Mieten steigen und Menschen mit wenig Geld werden verdrängt“, sagt der Mann. Die Gentrifizierung, also die Aufwertung eines Stadtteils, sei in Friedrichshain angekommen.

Die Aktionen der sogenannten Autonomen richten sich vor allem gegen Haus-Eigentümer Beulker. Auf einschlägigen Internetseiten wurde sogar schon dessen Tod verkündet. Angeblich sei er bei einem Autounfall in Frohnau ums Leben gekommen. Eine Lüge. Inzwischen ist die Todesanzeige wieder gelöscht. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) zeigt sich über diese Aktion erschüttert. „Das ist ungeheuerlich und absolut abzulehnen“, sagt Schulz. Natürlich sei die gesamte Situation auch für die Nachbarschaft schwierig. Die ständige Angst vor Anschlägen, die gespannte Stimmung im Kiez. In regelmäßigen Abständen fliegen Farbbeutel gegen die frisch gestrichenen Fassaden. Im ehemals besetzten Haus Liebigstraße 14 brannte sogar schon einmal der Dachstuhl.

Im Nachbarhaus öffnet ein junger Mann, vielleicht Mitte 20, die Tür. Seine Arme und Beine sind tätowiert. Er trägt eine Hornbrille, die schwarzen Haare fallen ihm ins Gesicht. Was er zu den Anschlägen der linken Szene meint? „Das bringt doch nichts mehr“, sagt er. Es klingt resigniert. Ein paar Schritte weiter, auf der anderen Straßenseite wohnen viele jüngere Menschen in einem sanierten Altbau. Im Treppenhaus ist Teppich verlegt, es gibt einen Fahrstuhl. Die 18 Wohnungen sind inzwischen fast alle verkauft.

Jessica B., 32, und ihr Mann haben 150.000 Euro für die Drei-Zimmer-Wohnung bezahlt. Die Decken sind hoch, der Dielenboden ist abgezogen, im Wohnzimmer liegt das Spielzeug für den einjährigen Sohn. Jessica B. und ihr Mann haben beide Wirtschaft studiert, ihr Einkommen ist gut. Seit März 2009 wohnen sie in diesem Kiez. Kurz nachdem sie eingezogen sind, haben sie gleich zu spüren bekommen, was es heißt, im Samariterviertel, einer Hochburg der Autonomen zu wohnen. Unbekannte hatten vor der Haustür volle Mülltüten übereinander gestapelt. Auch die Haustür wurde schon eingetreten. Jessica B. mag eigentlich die bunte Mischung in diesem Viertel. Alteingesessene zwischen Zugezogenen, Kreative, Künstler, Touristen. „Es ist wirklich schön hier“, sagt sie. In Prenzlauer Berg, wo sie vorher gelebt habe, sei das nicht mehr so gewesen. „Da ist das Flair weg.“ Als Eindringling in ein alternatives Biotop sieht sie sich nicht. „Ich nehme doch niemanden den Lebensraum weg“, sagt die 32-Jährige.

Aufrufe im Internet

Die Mitglieder der linken Szene sehen das anders, im Internet wird schon zum großen Kampf aufgerufen. „London brennt, wann folgt endlich Berlin?“, ist ein kürzlich erschienener Beitrag auf der Internetplattform Indymedia überschrieben. „Bei Menschenleben hört der Spaß auf“, sagt Jessica B. Vor den Autonomen habe sie auch Angst. Um sich und ihr Kind. Den Hass auf Menschen, die auf andere Art leben möchten, kann sie nicht verstehen. Sie sei nie arbeitslos gewesen und habe ein Problem damit, von staatlicher Unterstützung zu leben. „Die angeblichen Neureichen gehen für ihr Geld auch hart arbeiten“, sagt die junge Mutter. Sie kann zwar nachvollziehen, dass die Menschen über die steigenden Mieten klagen, aber den Autonomen gehe es doch nur um Krawall und Terror.

Bezirksbürgermeister Franz Schulz will, dass die Anwohner endlich zur Ruhe kommen können. Die Situation müsse sich beruhigen, damit wieder ein normales Leben in dem Kiez möglich sei. Ohne nächtliche Einsätze der Polizei. Auch Jessica B. wünscht sich das. Für sich, ihre Familie und alle Nachbarn.