Finanzkrise

Am Berliner Müggelsee wird nach Gold gesucht

Die Deutschen setzen auf Gold. Nach den Turbulenzen an den Aktienmärkten verzeichnen die Edelmetallhändler momentan einen Run. Geologe Herbert Schlegel schürft am Berliner Müggelsee nach Edelmetallen – in der Hoffnung auf den großen Fund.

Foto: Christian Hahn

An einem wolkenverhangenen Donnerstagmorgen machen sich zwei ältere Männer auf den Weg, um doch noch das Glück zu fassen. Leichte Wellen schwappen ans Ufer des Müggelsees, als Herbert Schlegel seine Ausrüstung auf dem eingeweichten Erdboden ausbreitet. Schlegel trägt Vollbart und eine Brille. Seine Turnschuhe sind alt, er kann damit durchs Wasser waten. „Das macht denen nichts mehr aus“, sagt Schlegel.

Er hat eine kleine Schippe dabei und die blaue Plastikschale mit Schlitzen an der Seite. Die ist eigentlich ein Spielzeug, aber Schlegel stört das nicht. Denn er braucht keine Profiausrüstung, um zu finden, wovon viele Menschen träumen: Gold.

Beruf zum Hobby gemacht

Schlegel ist studierter Geologe. Sein Beruf ist sein Hobby, auch heute noch. Der 74-Jährige hält regelmäßig Vorträge über die Geologie, er selbst nennt sich „einen Steineretter“. Schlegel sammelt Steine und untersucht sie unter dem Mikroskop. „Das ist ein spannender Teil der Erdgeschichte“, sagt er. Vor acht Jahren kam ihm die Idee, einen Goldsucherklub zu gründen. Ein Freund hatte ihm von einem Fund im Mahlsdorfer Elsengrund berichtet, es war Gold. Mitten in Berlin. Und in Schlegels Kopf reifte die Idee. Für eine Hellersdorfer Lokalzeitung schrieb er einen Artikel. Darin kündigte an, dass er einen Goldsucherklub gründen will. Die Resonanz war überwältigend. Am Anfang zählte sein Klub 40 Mitglieder. „Aber es waren auch einige dabei, die sich zu viel Hoffnungen gemacht hatten“, sagt Schlegel. Die Mitgliederzahl sank im Laufe der Jahre deutlich, Schlegel ist immer noch dabei. Genau wie Dieter Jung.

Der 59-Jährige trägt grüne Gummistiefel und eine Anglerhose. Die langen Haare hat Jung zum Pferdeschwanz zusammengebunden, der Bart wuchert wüst. Am Müggelseeufer hat er an diesem Morgen eine Mineralienablagerung entdeckt. Mit jeder Welle, die ans Ufer gespült wird, löst sie sich weiter auf. Jung steht bis zu den Knien im Wasser, um seinen Hals baumelt eine Lupe, die er sich aufs Auge setzt, sobald er etwas Spannendes findet. Jung redet gern und viel über die Geologie, auch wenn er das Fach nicht studiert hat. Der Friedrichshainer arbeitet als Umweltberater, seine Freizeit widmet er am liebsten der Goldsuche. Erst in diesem Sommer war er wieder in Thüringen, um in Flüssen zu schürfen. „Das ist für mich Erholung“, sagt er. Als er von Schlegels Goldsucherklub gehört hat, ist er sofort beigetreten.

Die Goldsucher haben schon am Tegeler See, am Kaulsdorfer See und am Müggelsee geschürt. Sogenannte „Flitter“, Goldkrümelchen, gerade mal 0,5 Millimeter breit, hat Jung im Müggelsee entdeckt. Das letzte erst vor einem Jahr, doch er hatte kein Röhrchen dabei, um das Edelmetall sicher zu verstauen. Mit solchen Minifunden lässt sich ohnehin kein Geld verdienen. Sammler zahlen dafür vielleicht einen Euro, schätzt Jung.

Doch wo liegt denn nun das Gold in Deutschland? An welchen Stellen müssen die Hobbysucher schürfen, um vielleicht doch den großen Fund zu landen? Marcus Schade muss nicht lange überlegen. Auch er ist Geologe und stammt aus Berlin. Inzwischen leitet er zusammen mit seiner Frau das Goldmuseum im thüringischen Theuern. „Der Rhein und Teile Thüringens sind für die Suche prädestiniert“, sagt er. Gold sei ein sehr seltenes Naturprodukt. Im Vergleich zu den USA oder Kanada, so Schade, sei es in Deutschland sehr unwahrscheinlich, auf viel Gold zu stoßen und damit dann reich zu werden.

Das Schürfen ist zeitaufwendig

Vor 15.000 Jahren hat die Eiszeit das begehrte Edelmetall nach Deutschland gebracht. Als die Gletscher abschmolzen, ließen sie das Gold im Erdreich zurück. „Es ist aber sehr selten und auch mühsam zu finden“, sagt Schade. Aber eben nicht unmöglich. Im Bereich der Oder und in Berlin werden immer wieder kleine Funde vermeldet, sagt Schade. Er schätzt, dass in Deutschland knapp 1000 Menschen regelmäßig nach Gold suchen. Es könnten bald mehr werden. An den Weltmärkten erreicht der Goldpreis immer neue Rekordwerte. Zuletzt lag der Preis für die Feinunze bei knapp 1700 Dollar. Wer nach Gold sucht, müsse darin verliebt sein, so Schade. Es ist eben ein Hobby.

Genau so sehen es auch Herbert Schlegel und seine Mitstreiter aus dem Goldsucherklub. Dass sie und ihr Verein zum Teil verspottet werden, stört sie nicht. „Viele halten uns für Spinner“, sagt Dieter Jung. „Aber das sind wir nicht.“ Schließlich suchen die Mitglieder nicht nur Gold. Schlegel hat schon Edelsteine, Erze und Kristalle in Berlin gefunden. Doch das Schürfen ist zeitaufwendig. Allein das Durchwaschen der Gesteinsbröckchen dauert eine Stunde – pro Schippe. „Für unser Hobby braucht man eben Geduld“, sagt Schlegel.

Wer 100 bis 150 Euro für die Ausrüstung ausgibt, kann gleich anfangen: Ein Eimer, ein Sieb, eine Pfanne, die Lupe, eine Schippe und wasserdichte Kleidung. Und los geht's mit der Goldsuche. Schlegel sagt, dass der Fund eines Goldflitters doch ein schöner Erfolg sei. Nach einem Monat Suche. Und wer weiß: Vielleicht haben die Goldsucher doch Glück und stoßen auf den großen Fund. „Die Hoffnung hat man immer“, sagt Dieter Jung.

Der Goldsucherklub ist telefonisch unter Tel.: (030) 99274382 zu erreichen