Demoskopie

Warum Berlin junge Menschen magisch anzieht

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Birgit Haas

Foto: Sven Lambert

3.468.900 - seit 1995 haben in Berlin nicht mehr so viele Menschen gelebt. Besonders die 18- bis 30-Jährigen zieht es in die Hauptstadt. Sie machen die Metropole lebendig und kreativ - und sichern ihre Zukunft.

„Ich wollte schon immer mal in Berlin leben“, sagt Markus Rottluff. Stuttgart – die Stadt, in der er jahrelang als Hotelanimateur gearbeitet hatte – erschien dem 26-Jährigen eng. Nicht wegen der Stadtgröße, sondern wegen den Menschen dort. „Die sind spießig, ihre Lebensläufe unterscheiden sich kaum voneinander. Keiner wagt etwas.“ Und irgendwann sah Markus Rottluff auch in seinem Beruf keine Perspektive mehr. „Ich war bereits zum Abteilungsleiter aufgestiegen.“ Um noch weiter zu kommen, musste er sich weiterbilden. Also entschloss er sich trotz seiner Berufserfahrung für ein Studium. Und verband diese Entscheidung mit einem Umzug nach Berlin. „Obwohl ich so gut wie gar nichts über die Stadt wusste.“

Berlin wirkt wie ein Magnet auf junge Menschen. Ihr Ruf als dynamische, kreative und preisgünstige Metropole eilt der Stadt voraus. In Berlin leben deshalb derzeit so viele Menschen wie seit 1995 nicht meh r . In den ersten drei Monaten des Jahres wuchs die Zahl der Bevölkerung um 8800 auf 3.468.900 Personen, wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg ermittelte. Zwar verließen 26.900 Menschen die Stadt, zeitgleich zogen jedoch 35.700 Menschen hinzu.

18- bis 30-Jährige strömen nach Berlin

Zum Studium, wie Markus Rottluff, der im Prenzlauer Berg wohnt. Die meisten der Zugezogenen sind zwischen 18 und 30 Jahren alt. Anders als Markus Rottluff, der aus Stuttgart nach Berlin gezogen ist, kommen die meisten aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Markus Rottluff lernt „Public Management“, ein Studiengang der gemeinsam von der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) angeboten wird. Die Berliner Hochschulen bauen derzeit ihre Studienplätze aus, bis 2012 sollen 6000 neue geschaffen werden. Die Nachfrage ist enorm. Zum Wintersemester meldeten Universitäten und Fachhochschulen wie im vergangenen Jahr einen Bewerberrekord. Teilweise sei die Nachfrage binnen einen Jahres um zehn Prozent gestiegen, hieß es etwa aus der Technischen Universität. An den Fachhochschulen buhlen in beliebten Studienfächern sieben Interessenten um einen Platz.

Mehr Studenten beziehen Bafög

Markus Rottluff ist froh, einen Studienplatz zu haben, für den er keine Studiengebühren zahlen muss, wie es in Ländern wie Bayern üblich ist. Denn er lebt – wie sein Mitbewohner Benjamin Köhler – von Bafög, wie der staatliche Zuschuss zur Ausbildung genannt wird. Benjamin Köhler ist Schüler, in diesem Jahr macht er sein Fachabitur an der privaten Albert-Einstein-Oberschule. Früher hatte Benjamin Köhler Probleme mit Mathematik. Ohne Nachhilfe würde er seinen Abschluss im nächsten Jahr nicht schaffen. Ohne Bafög noch viel weniger. Die staatliche Ausbildungshilfe hilft dem 20-Jährigen, sein Schulgeld an der internationalen Schule zu bezahlen. 465 Euro bekommt Benjamin Köhler monatlich. Da seine Eltern kein hohes Einkommen haben, muss er die Hilfsleistung nicht zurückzahlen.

Vollförderung heißt das. Andere Bafög-beziehende Schüler, Studenten oder Auszubildende werden nur zum Teil gefördert, abhängig von der finanziellen Situation. Die Zahl derer, die in Berlin vom Ausbildungszuschuss leben, ist im vergangenen Jahr gestiegen. 2010 erhielten insgesamt 56.864 Menschen den Zuschuss zu ihrer Ausbildung. Das waren 2270 mehr als im Jahr zuvor.

„Bafög ist attraktiver geworden“, sagt Christian Gröger vom Studentenwerk Berlin. „Der Gesetzgeber hat vor gut zwei Jahren Einkommensfreibeträge erhöht und die Förderung ausländischer Studenten erweitert“, sagte Gröger. Dadurch erfülle nunmehr ein größerer Kreis die Kriterien für die Ausbildungsförderung. Insgesamt betrug die Summe der Bafög-Förderleistungen in Berlin im Jahr 2010 rund 200 Millionen Euro.

Insbesondere die niedrigen Lebenshaltungskosten und die Tatsache, dass es in Berlin keine Studiengebühren gebe, sorgten laut Gröger für einen wachsenden Zustrom von Studenten.

Steigende Mieten sind Problem

Zusätzlich zum Bafög geht Benjamin Köhler jobben. „Sonst könnte ich mir die 290 Euro Miete monatlich überhaupt nicht leisten“, sagt der gebürtige Finsterwalder. Und glücklicherweise erhält der Mann mit den lockigen Haaren noch Kindergeld. „Ich spare, wo es geht,

Wie so viele Jugendlichen und Twens zog er als Single nach Berlin, gründete hier seinen ersten eigenen Haushalt. Zwischen 2005 und 2010 ist die Zahl der Haushalte in Berlin um fast 100.000 gestiegen , gibt der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen an (BBU). Da im gleichen Zeitraum nur 3100 neue Wohnungen errichtet worden sind, ergibt sich diese Zahl aus Haushaltsverkleinerungen. Billigen Wohnraum, den sich auch Studenten leisten können. Der Leerstand werde mit zunehmenden Einwohnerzahlen weiter sinken, sagt das BBU-Vorstandsmitglied Maren Kern. Bis 2020 seien nur 2,1 Prozent des Berliner Wohnraums leerstehend, prognostiziert der Verband. Neubau sei nach derzeitigen Maßstäben keine Lösung, denn, so Kern, einen Quadratmeterpreis von 9,50 Euro können sich weder Studenten noch sozial Schwache leisten.

Um Wohnungsbau erschwinglich zu machen, müsse der Berliner Senat deutlich vergünstigte Baugrundstücke, mietorientierte Baukostenzuschüsse und zinsvergünstigte Kredite im Rahmen eines Neubauförderprogramms der Investitionsbank des Landes Berlin bereitstellen, sagt Maren Kern.

Kreativität dringend gebraucht

Benjamin Köhler hat Glück gehabt mit seiner Wohnung im Prenzlauer Berg. Die Miete, die er und sein Mitbewohner Markus Rottluff zahlen, ist noch erschwinglich. Doch kennen beide viele Studenten, die die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt umgehen, indem sie in Stadtteile wie Moabit und Wedding ziehen. „Da lassen sich immer noch günstige Wohnungen finden“; sagen sie. Deshalb ist Mitte zum beliebtesten Einsteiger-Kiez der Neuberliner geworden. Dort lassen sich auch preiswert Projekte wie das von Benjamin Köhler verwirklichen. Er verlegt das Kunstmagazin „Slyle“.

Und es kann nur im Interesse Berlins sein, weiterhin für junge Menschen attraktiv und erschwinglich zu bleiben. Denn die Kultur- und Kreativwirtschaft ist in Berlin ein profitabler Wirtschaftszweig. Die Industrie- und Handelskammer hat errechnet, dass die Branche jährlich mit rund 27.000 zumeist kleineren und mittleren Unternehmen einen Umsatz von mehr als 21,8 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das entspricht einem Anteil von 16 Prozent am Gesamtumsatz der Berliner Wirtschaft. Um den Kreativmarkt mit Nachwuchs zu versorgen, braucht Berlin die jungen Zuzügler. Sonst droht Berlin womöglich wie die Stadt zu werden, die Markus Rottluff verlassen hat, weil ihm die Lebensentwürfe dort zu eintönig erschienen sind.