Zulassungsfrei

Mathematik darf in Berlin jetzt jeder studieren

Um den Ansturm der Studenten Herr werden zu können, schaffen die Hochschulen den Numerus Clausus in eher unbeliebten Fächern ab. Sie hoffen so auf eine bessere Verteilung. Auch in Physik gibt es freie Plätze.

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Zehntausende junge Menschen aus dem Bundesgebiet haben sich für ein Studium in Berlin beworben. Die Zulassungsstellen der vier Universitäten und sieben Fachhochschulen melden Rekordzahlen – etwa zehn Prozent mehr Bewerbungen als im vergangenen Jahr. Weil Berlin bei den Abiturienten als Studienstadt so beliebt ist, das Fach Mathematik hingegen nicht, haben die Humboldt-Universität (HU), die Freie Universität (FU) und die Technische Universität (TU) erstmals beschlossen, das Fach in diesem Jahr nicht mit einem Numerus Clausus zu versehen.

Das bedeutet, dass sich jeder mit einer Hochschulzugangsberechtigung für ein Mathematik-Studium anmelden kann. An der FU hat die Anmeldefrist am Montag begonnen, die TU startet am kommenden Montag. Bei der HU können sich die Interessenten bereits seit Mitte Juni einschreiben. Dazu müssen sich die Bewerber auf der Homepage der jeweiligen Hochschule registrieren und ihre Unterlagen per Post an die Uni schicken.

Scheinstudenten werden befürchtet

Der Bachelor-Studiengang Physik ist an der FU und der TU ebenfalls NC-frei. „Die FU bietet diese Fächer ohne Zulassungsbeschränkung an, um die naturwissenschaftliche Qualifikation zu stärken“, sagt FU-Sprecher Goran Krstin. Im vergangenen Jahr haben sich an der FU 271 Studenten für Mathematik und Physik angemeldet. Insgesamt schrieben sich 3.989 Erstsemester-Studenten ein. Wie stark die zulassungsfreien Studiengänge nachgefragt sein werden, könne am Tag nach der Freischaltung des Online-Portals noch nicht gesagt werden. „Im Oktober wissen wir mehr“, sagt der FU-Sprecher.

„Wir erwarten im Wintersemester deutlich mehr Bewerber als bisher“, sagt Horst Henrici von der TU. Das sieht der Abteilungsleiter der Zulassungsstelle zwiespältig. Auf der einen Seite sei es gut, dass so das unpopuläre Fach mehr Zulauf erhält, da Naturwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt gesucht würden, meint Henrici. Er befürchtet allerdings auch, dass sich viele Scheinstudenten einschreiben, „weil sie das Semesterticket der BVG nutzen wollen.“ Nicht aber, weil sie ernsthaft an einem Mathematik- oder Physikstudium interessiert sind. Eine Vorgehensweise, von der Henrici abrät. „Wer eingeschrieben ist, kann sich bei der nächsten Bewerbung auf einen Studienplatz keine Wartesemester anrechnen lassen.“ Diese Wartezeit werde sonst auf die Abiturnote gutgeschrieben und verbessere die Chancen bei der Bewerbung.

An der TU haben sich bereits Interessenten gemeldet und beraten lassen. Aber es werden mehr werden. „Die Anmeldefrist endet am 30. September. In den zwei Wochen davor bekommen wir die Bewerbungen für zulassungsfreie Fächer wäschekorbweise“, sagt Horst Henrici. An der TU ist neben Mathe und Physik auch das Fach Elektrotechnik für alle Abiturienten offen.

Die Chancen sind größer

Auch an der HU haben sich bereits 250 Bewerber für ein Mathematik-Studium angemeldet. „Davon werden aber einige wieder abspringen“, sagt HU-Vize Michael Kämper van de Boogaart. Denn das Bewerbungsverfahren für die zulassungsbeschränkten Studienfächer ist noch nicht abgeschlossen. „Manche Abiturienten bewerben sich bis zu sechsmal.“ Die würden dann erst kurz vor Semesterbeginn entscheiden, was sie wirklich machen, sich gegebenenfalls wieder exmatrikulieren.

Der Studentenansturm auf Berlin wegen dem Ende der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgängen in Niedersachsen und Bayern in diesem Jahr werde dadurch allerdings nicht aufgefangen. 32.000 Interessenten haben sich an der HU auf rund 4.500 zulassungsbeschränkte Studienplätze, wie etwa Psychologie, beworben, 30.500 waren es an der FU auf rund 4.000 Plätze und 17.500 an der TU auf 4.300 NC-beschränkte Plätze. Laut Bildungsverwaltung können jedoch in einer Reihe kleiner Fächer, den sogenannten Orchideenfächern, zu denen etwa klassische Philologie oder Altgriechisch zählt, alle Bewerber angenommen werden. Bis Ende August sollen die Bewerber wissen, ob sie angenommen oder abgelehnt worden sind. Die Unis bitten die Abiturienten, die sich für einen zulassungsbeschränkten Studiengang beworben haben, mit der Anmeldung für einen NC-freien Studiengang zu warten, bis sie eine Antwort auf ihre Bewerbungen erhalten haben. Für diejenigen, die trotz einer Ablehnung in Berlin studieren wollen, sind die zulassungsfreien Fächer immerhin eine letzte Hoffnung auf einen Studienplatz.