Menschenraub und Erpressung

Berliner Kidnapper vor Gericht

Im Februar entführte Carsten W. die vierjährige Karoline aus Kleinmachnow und forderte 60.000 Euro Lösegeld. 13 Stunden war das Kind in seiner Gewalt, er kaufte dem Mädchen Spielzeug. Und wurde gefasst. Nun beginnt der Prozess.

Foto: dpa / dpa/DPA

Natürlich hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Der Entführer soll sich nett mit der kleinen Karoline unterhalten und der Vierjährigen sogar Eis und eine Plüsch-Schildkröte gekauft haben. Ihre Eltern indes wird das kaum interessieren. Sie hatten Angst, waren verzweifelt und werden diesen 10. Februar 2011 wohl nie vergessen. Es gibt keine Entschuldigung. Auch wenn sich Carsten W. vor Gericht reuig zeigt, auch wenn er ein umfassendes Geständnis ablegt – was zu erwarten ist, am heutigen Montag, wenn vor dem Landgericht Potsdam gegen ihn der Strafprozess wegen erpresserischen Menschenraubes und schwerer räuberischer Erpressung beginnt.

Mit vollem Risiko

Carsten W., das wurde den Experten der Kriminalpolizei damals schnell klar, war nicht der kühl kalkulierende, professionell agierende Täter. Das verriet schon der Beginn der Tat: Der 45-Jährige war am Morgen des 10.Februar in der Straße Zur Remise in der Gemeinde Kleinmachnow (Landkreis Potsdam-Mittelmark) mit vollem Risiko, dass Anwohner hinzu kommen könnten, auf die 41-jährige Jeanette K. und deren Tochter zugestürzt. Er war vermummt, soll der Mutter drohend eine Sichel an den Hals gedrückt haben. Jeanette K. musste sich auf den Bauch legen, heißt es. Und Carsten W. soll ihr zugeflüstert haben: „Ich entführe Ihr Kind. Das ist kein Scherz.“ Dann packte er das Mädchen, schleppte es in einen roten Pkw Renault Clio und raste davon. Der zu Tode erschrockenen Mutter hinterließ er einen Zettel: Er fordere 60.000 Euro. Bei Zahlung werde das Kind noch am selben Tag frei gelassen. Keine Polizei! Keine Presse! Keine GPS-Sender!

Auch dieser Brief war für die Beamten ein Hinweis, dass es sich kaum um einen Profi handelt. Was die Gefahr für das entführte Kind aber nicht minderte. Gerade unerfahrene Täter können sich in Extremsituationen unkontrolliert verhalten.

Jeanette K. informierte an jenem Morgen dennoch die Polizei. Im Potsdamer Polizeipräsidium wurde umgehend eine Fahndungsgruppe aufgestellt und Verstärkung von den Kollegen aus Berlin angefordert. Zwei Mobile Einsatzkommandos (MEK) sollten sich auf das Fluchtfahrzeug konzentrieren. Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) stand bereit für den Zugriff. Und noch eines funktionierte: Die Medien wurden gebeten, über die Entführung noch nicht zu berichten, weil es das Opfer gefährden könnte. Und sie hielten sich auch daran.

Quer durch die Mark

13 Stunden dauerte die Entführung. Eine schier endlose, quälende Zeit für die Eltern des Kindes. Carsten W. fuhr mit Karoline quer durch die Mark. Zwischendurch machte er Rast auf einem Campingplatz, ging mit dem arglosen Kind spazieren, sprach mit ihrer Mutter das Prozedere für die Lieferung des Lösegeldes ab. Abends kam es dann an einer Autobahnbrücke bei Fürstenwald zur Geldübergabe. Carsten W. wurde zu dieser Zeit schon von Mitarbeitern des MEK beobachtet. Gegen 21.30 Uhr fuhr er zurück nach Kleinmachnow und ließ das Kind unweit des elterlichen Hauses frei. Wenig später wurde er von den Beamten des SEK überwältigt und festgenommen: ein eher unscheinbarer Mann. Vater dreier Kinder, das Jüngste nur zwei Jahre älter als Karoline. Er selbst soll in Kenia als Sohn eines Entwicklungshelfers aufgewachsen sein und eine juristische Ausbildung absolviert haben. Zuletzt hatte er jedoch als Händler gearbeitet. Sein Geschäft, ein Laden für Tiernahrung, angesiedelt im Zehlendorfer U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte, hatte er jedoch aufgeben müssen. Es lief nicht gut. Er hatte viele Schulden und konnte die Miete nicht mehr bezahlen. Gläubiger und Gerichtsvollzieher sollen immer mehr gedrängt haben. So sei bei ihm der Plan gereift, eine Entführung durchzuführen und Geld zu erpressen, sagte er bei der Polizei. Auf Familie K. soll er gekommen sein, weil sie in einem neuen Haus wohnten und davor ein teures Auto stand. Es soll der Dienstwagen von Kurt K. gewesen sein. Das Haus, heißt es, sei noch mit einer Hypothek belastet. Carsten W. hatte die Situation jedoch anders eingeschätzt und war von einer reichen Familie ausgegangen. Er soll bei den polizeilichen Vernehmungen genau beschrieben haben, wie er die Familie mehrere Tage beobachtet und den Entführungsplan entwickelt habe. Und am Donnerstagmorgen hatte er dann zugeschlagen. Seit seiner Festnahme befindet er sich in Untersuchungshaft.

Entführer drohen fünf Jahre Haft

Für den Prozess sind nur drei Verhandlungstage angesetzt. Das erscheint angemessen, weil die Sachlage klar ist und im Grunde nur wenige Zeugen gehört werden müssten. Dem Entführer droht eine Strafe von mindestens fünf Jahren. Eine Chance für eine mildere Strafe wäre vielleicht die Feststellung einer verminderten Schuldfähigkeit zur Tatzeit. Ein Psychiater soll das in einem vorläufigen Gutachten jedoch schon ausgeschlossen haben.

Eine weitere Chance, die Strafe zu reduzieren, wäre die Einschätzung des Gerichtes, dass es sich um einen minder schweren Fall handeln könnte. Entscheidend dafür wäre auch, ob das Entführungsopfer körperlich und seelisch Schaden genommen hat. Karolines Mutter geht davon aus. Früher sei die Tochter morgens immer alleine aus dem Haus gerannt und habe das Tor für das Auto geöffnet. „Jetzt wartet sie immer an der Haustür, bis ich sie ins Auto setze“, sagte Jeanette K. in einem Interview. „Jeden Morgen erlebt sie die Situation, bei der sie von dem maskierten Mann entführt wurde. Carolina ist stark. Aber sie spricht nicht darüber. Wir wissen nicht, ob das vielleicht doch einmal aus ihr heraus bricht.“