Erziehermangel

Tausende Kita-Plätze fallen weg

Tausende Plätze in Berliner Kitas können nicht besetzt werden, weil Personal fehlt. Für Eltern bedeutet das zunehmend lange Wartezeiten und die Unsicherheit, ob der Nachwuchs überhaupt einen Kita-Platz bekommt.

Fast alle Kindertagesstätten (Kitas) suchen in diesen Tagen händeringend nach Erziehern, um Mitte August mit voller Besetzung ins neue Jahr zu starten. Doch es fehlt an Bewerbern. Schon jetzt können Tausende Kita-Plätze nicht besetzt werden, weil es nicht genügend Erzieher gibt. In einigen Bezirken müssen sich die Eltern in immer längere Wartelisten einreihen.

Im kinderreichen Bezirk Pankow könnten kurzfristig 300 zusätzliche Plätze belegt werden, wenn das Personal zur Verfügung stünde. In Neukölln etwa müssen 800 Plätze leer bleiben, weil freie Stellen nicht besetzt werden können. Das geht aus der Auswertung einer Abfrage der Bildungsverwaltung in den Bezirken vom März dieses Jahres hervor. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) wollte in Erfahrung bringen, warum so viele genehmigte Plätze in den Kitas nicht genutzt werden, während vor allem einige Innenstadtbezirke den Bedarf nicht mehr decken können. Das Ergebnis: Das größte Problem bei der Aktivierung freier Plätze in allen Bezirken ist der Mangel an Fachkräften.

Insgesamt sind nach Angaben der Bezirke 138.805 Kita-Plätze in den Einrichtungen nach den Betriebserlaubnissen genehmigt, doch nur 123.991 belegt. Das ergibt rein rechnerisch einen Überschuss von knapp 15.000 Plätzen. Die tatsächliche Kapazität jedoch ist geringer, da in den veralteten Betriebserlaubnissen die Horträume noch miteinbezogen werden. Dennoch bleiben freie Plätze, die nicht ausgelastet werden.

In Tempelhof-Schöneberg fehlten zum Stichtag Erzieher für 80 Kinder. In Treptow-Köpenick konnten allein im Kita-Eigenbetrieb Südost 131 Plätze trotz Wartelisten wegen Personalmangel nicht besetzt werden. In Marzahn-Hellersdorf gaben 19 von insgesamt 76 Kitas an, dass sie ihre Platzkapazität wegen fehlender Erzieher nicht ausschöpfen können.

Nach Schätzungen der Gewerkschaft GEW sind derzeit noch 800 Erzieherstellen in den Kitas offen. Nicht nur für nachrückende Kinder sei es schwer, einen Platz zu finden, auch der laufende Betrieb sei angesichts dieser Lücke gefährdet, sagt Christiane Weißhoff von der GEW. Viele Träger könnten die vorgeschriebenen Gruppengrößen nicht mehr einhalten.

Immer häufiger würden die Einrichtungen in ihrer Not auf nicht ausgebildetes Personal von Zeitarbeitsfirmen zurückgreifen. Angesichts der vielen offenen Stellen würden Erzieher nun auch häufiger den Arbeitsplatz wechseln. Die Träger hätten plötzlich mit Kündigungen zu tun, weil die Fachkräfte lieber einen Arbeitsplatz in Wohnortnähe suchen.

„Nahezu alle Träger klagen über fehlendes Personal“, sagt auch Markus Luttmer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, Dachverband der freien Träger. Die Auswahl unter den Bewerbern sei gering, so seien Kitas gezwungen, auch Erzieher einzustellen, die sie vor zwei Jahren wegen fehlender Eignung noch abgelehnt hätten.

Die Senatsbildungsverwaltung hofft, die Lücken mit Quereinsteigern füllen zu können. Sie werden sofort in der Kita eingesetzt und absolvieren berufsbegleitend eine Ausbildung. Allein für 2011 rechnet die Bildungsverwaltung mit 500 neuen Quereinsteigern in den Kitas. Allerdings ist der Einsatz begrenzt. Denn vorgeschrieben ist, dass kleine Einrichtungen höchstens einen und große Einrichtungen maximal zwei Quereinsteiger einstellen dürfen.

Angesichts der hohen Zahl ist davon auszugehen, dass fast jede dritte Neueinstellung durch Quereinsteiger besetzt wird. Zwar verlassen etwa 1000 Absolventen in diesem Sommer die Erzieher-Fachschulen in Berlin, doch längst nicht alle kommen in die Berliner Kitas. Viele wandern in andere Bundesländer ab. Im Nachbarland Brandenburg erhalten Berufseinsteiger etwa 200 Euro mehr.