Kinderbetreuung

Berlin sucht dringend Erzieher

In vielen Berliner Bezirken werden Kita-Plätze immer begehrter. Einrichtungen müssen Eltern abweisen, weil sie schlichtweg keine Mitarbeiter finden. Besonders die Randbezirke sind betroffen – weil die Erzieher lieber nach Brandenburg gehen.

Foto: Marion Hunger

Der sieben Monate alte Arik guckt munter in die Welt, isst seinen ersten Brei und kann auch schon krabbeln. Ab Dezember soll er in Lichtenberg in eine Kindertagesstätte, doch daraus wird wohl nichts. Für seine Mutter Anett Marquardt ist das eine Katastrophe. Die Rechtsanwältin muss von Januar an wieder an ihren Arbeitsplatz. So steht es in ihrem Vertrag, und schließlich wird von da an auch das Elterngeld nicht mehr gezahlt. Doch keine der 20 Kitas, in denen sie sich bisher anmelden wollte, konnte ihr Hoffnung machen. Dezember 2011 sei utopisch, bekam sie immer wieder zu hören. Realistisch sei ein Platz ab August 2013.

Auch bei den bezirklichen Tagesmüttern hatte sie bisher kein Glück. „Außerdem kann ich mit den Betreuungszeiten der Tagesmütter bis maximal 16 Uhr nicht viel anfangen“, sagt die 34-Jährige. „Viele Kitas haben gesagt, sie würden sofort Plätze schaffen, wenn sie die Erzieher finden würden“, sagt Anett Marquardt. Nun muss sie eine Tagesmutter auf dem freien Markt finden – für 500 Euro monatlich. „Ich kann nicht das Risiko eingehen und bis zum letzten Moment warten, ob doch noch ein Platz für Arik frei wird“, sagt sie. Ihr Arbeitsplatz stehe auf dem Spiel.

Der Jugendstadtrat von Lichtenberg, Michael Räßler-Wolff, Linkspartei, bestätigt die Engpässe. Der Bezirk ist einer der am stärksten wachsenden in Berlin. Die Geburtenrate liegt bei 2500 Neugeborenen jährlich, vor zwei Jahren waren es noch 1500 Geburten pro Jahr. Aber auch immer mehr Familien mit kleinen Kindern ziehen in den Bezirk, weil sie sich die hohen Mieten in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain nicht mehr leisten können, sagt Räßler-Wolff.

Laut Bezirksjugendverwaltung werden allein in diesem Jahr 400 Kitaplätze mehr benötigt. Zwar gibt es auf dem Papier mehr als 1000 überschüssige Plätze, doch in der Realität können die Träger gerade nur 200 zusätzliche Plätze aktivieren – wenn sie das nötige Personal finden würden. Viele Träger hätten die Konzepte geändert, Elterncafés eingerichtet oder Gruppenräume zu Sporträumen umfunktioniert.

Der Bezirk plant in Absprache mit den freien Trägern, noch in diesem Jahr einen Ausbau von 400 Kitaplätzen, doch fraglich ist, ob diese angesichts des Erziehermangels auch vergeben werden können. „Wir hoffen stark auf die jetzt fertig werdenden Absolventen der Berliner Fachschulen“, sagt der Jugendstadtrat von Lichtenberg.

Auch Bezirke, die eigentlich keinen Platzmangel haben, können derzeit nicht alle offenen Stellen besetzen, um die zum neuen Kita-Jahr angemeldeten Kinder aufzunehmen. „Wir stellen derzeit täglich Erzieher ein, doch es fehlen immer noch etwa 30 Fachkräfte, die sofort mit einer vollen Stelle anfangen könnten“, sagt Harald Bohn, Geschäftsführer des Eigenbetriebs Nordwest mit den kommunalen Kitas für die Bezirke Charlottenburg, Reinickendorf und Spandau. Besonders schwierig sei es, Erzieher für Kitas in den Randgebieten wie Frohnau, Kladow oder Staaken zu finden. Schließlich verdienen die Berufseinsteiger nur eine Bahnstation hinter der Stadtgrenze schon 200 Euro mehr. Bei den ohnehin schmalen Erziehergehältern sei das eine Menge, so Bohn.

Durch enge Kooperationen mit den Erzieherfachschulen versucht der Eigenbetrieb, die Schüler schon frühzeitig an sich zu binden. „Doch immer mehr wandern in andere Bundesländer ab oder ziehen es vor, weiter zu studieren“, sagt Bohn.

Insgesamt gibt es laut Statistik in Charlottenburg-Wilmersdorf einen Überschuss von 1385 Plätzen. Die Gründe für die Differenz zwischen Kapazität laut Betriebserlaubnis und tatsächlich belegten Plätzen sind vielfältig. Neben dem Personalmangel spielen auch die derzeit stattfindenden Baumaßnahmen eine Rolle. Viele Kitas mussten die Belegung deshalb teilweise zurückfahren. Es gibt laut Bezirksamt aber auch ein Überangebot an kleinen Kinderläden, deren eingeschränkte Öffnungszeiten nicht den Bedürfnissen der berufstätigen Eltern entsprechen.

Klar ist nach der Abfrage der Bildungsverwaltung in den Bezirksämtern, dass die angeblich 20.000 überschüssigen Kitaplätze, die die Bildungsverwaltung errechnet hat, nicht mehr zur Verfügung stehen. Wie viele vorgehaltene Plätze tatsächlich belegt werden könnten, soll jetzt analysiert werden.