Verseuchtes Trinkwasser

Wie die Spandauer gegen die Coli-Keime kämpfen

Fäkalkeime lauern im Spandauer Trinkwasser. Woher sie kommen, wird mit Hochdruck von den Berliner Wasserbetrieben geprüft. Derweil arrangieren sich die betroffenen Anwohner mit der Situation.

Foto: David Heerde

14 Uhr, Marktplatz in Spandau. Der Regen strömt, Menschen eilen unter Schirmen versteckt Richtung U-Bahn-Station und Einkaufs-Arkaden. Auf dem Platz vor dem Rathaus steht ein weißer Truck, in grün-blau prangt „Berliner Wasserbetriebe – Wassermobil“ darauf. Direkt davor drängelt sich Ilse Heusler an einen Klapptisch mit Wasserbeuteln heran. „Gestern hat mich eine Freundin vor dem Wasser in Spandau gewarnt – der wollte ich nicht glauben“, sagt die 70-Jährige und greift entschlossen zu einem der durchsichtigen Beutel. „Ich kann doch jetzt nicht zu Hause alles 20 Minuten abkochen!“

Nach dem Fund von Darmkeimen in einem Wasserwerk am Donnerstag reagierten die Berliner Wasserbetriebe am Freitag mit Aufklärung und Soforthilfe. Zwölf Mitarbeiter gaben auf dem Marktplatz im firmeneigenen Infomobil den Spandauern Auskunft und verteilten Notfallbeutel mit Trinkwasser. „Frisch aus Friedrichshagen“, wie Bauleiter Thomas Jeglitza von den Berliner Wasserbetrieben betont.

Gemeinsam mit seinen Kollegen steht er seit 10 Uhr hier am Truck und versucht die Spandauer zu beruhigen. „Wir wollen für Mutti vorsorgen, nehmen ein paar Beutel mit“, sagt Carita Herzfeld, die ihre Mutter Bianka Heymann besucht. Zusammen mit ihr lässt sie sich von Thomas Jeglitza informieren. „Wir haben den betroffenen Wasserbehälter schon desinfiziert“, sagt dieser. „Und im Prinzip besteht keine Gefahr, das 20-minütige Wasserabkochen ist reine Prävention.“

Nachdem die coliformen Keime im Spandauer Trinkwasser entdeckt worden waren, hatten die Berliner Wasserbetriebe und die Gesundheitsbehörden eine Warnung ausgegeben. Betroffen ist das Gebiet ab nördlich der Heerstraße bis zum Spandauer Forst sowie westlich der Havel bis Falkensee, dort müssen die Einwohner ihr Wasser abkochen.

Die Wasserbetriebe rieten dazu, Leitungswasser zur Sicherheit 20 Minuten lang abzukochen. Fäkalkeime im Trinkwasser können unter anderem Durchfallerkrankungen auslösen. Besonders anfällig reagieren darauf geschwächte Patienten, alte Menschen und Babys. Spandaus amtierende Gesundheitsstadträtin Daniela Kleineidam (SPD) sprach am Freitag wiederum davon, dass im Spandauer Fall fünf Minuten genügen würden.

Wie die Wasserbetriebe am Freitagabend mitteilten, sei eine mögliche Verursacherquelle eingegrenzt worden. „Die Suche konzentriert sich jetzt auf die Brunnengalerien Nord und Süd im Areal Pionierstraße“, sagte ein Sprecher. Die insgesamt 30 Brunnen würden genauestens untersucht.

In der Kindertagesstätte Ackerstraße kontrolliert Kita-Leiterin Sylvia Turgay gerade, ob noch genügend Wasser im Kochcomputer brodelt. Der 80 Liter fassende Profi-Topf läuft seit morgens auf 100 Grad. 120 Kinder sind in der Ackerstraße untergebracht. Normalerweise trinken sie Wasser aus der Leitung. In große Kannen geschüttet und in einem Regal aufbewahrt dürfen sich die Kleinen dort jederzeit selbst bedienen. Eigentlich. Heute achtet Sylvia Turgay darauf, dass nur abgekochtes Wasser in den Kannen landet und die Jüngeren nicht allein zur Toilette gehen und dort einen Schluck aus dem Hahn nehmen. „Ich darf das nicht trinken, weil da Baktärijän drin sind“, sagt die vierjährige Leilani Kohn. Auch Zähneputzen fällt heute aus. Und geplanscht wird laut Sylvia Torgau in den Planschbecken in der Krippe auch nicht. „Ich habe gelesen, dass das verseuchte Wasser nicht Durchfall auslösen kann, sondern sogar Harnwegserkrankungen und Meningitis“, sagt die Leiterin. Zusätzlich habe sie mehrere Sechserträger mit Wasser gekauft, um genug Vorrat in der Kita zu haben. Auch Eltern wie Vater Jurij Pankratz, der seine beiden vier- und zweijährigen Söhne Tino und Felix morgens in die Ackerstraße bringt, hat mitgeholfen und Wasserflaschen in die Kita gebracht. „Wir waschen unsere Jungen zu Hause jetzt auch nur noch mit abgekochtem Wasser“, sagt er.

„Bedenken, aber keine Panik“

Laut einem Sprecher der Wasserbetriebe wurden die Trinkwasserbeutel unter anderem auch an Kindertagesstätten und in Altenheimen verteilt. Kristina Tschenett vom Vivantes Klinikum in Spandau berichtet, die Stationsleiter seien schon Donnerstagmorgen informiert worden. In den Stationsküchen habe man bereits sterile Filter eingebaut. Bisher sei kein Patient mit Symptomen wie Durchfall auffällig gewesen. Auch im Seniorenheim Hanßke seien noch keine Bewohner an Bakterien aus dem Trinkwasser erkrankt, sagte Betreiber Bernd Hanßke Morgenpost Online. Es gebe Bedenken, aber keine Panik. Das Heim stelle auf Mineralwasser um – 20 Minuten Leitungswasser kochen sei im Vergleich teurer. In der Pro Seniore Residenz Wasserstadt mit 200 Bewohnern ist die Mineralwasser-Bestellung aufgestockt worden, wie die stellvertretende Leiterin Julia Theurin sagte.

Bis zu 200.000 Menschen sollen vom verseuchten Wasser betroffen sein, hieß es am Donnerstag. „Diese Zahl ist aber nur eine Schätzung“, sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, André Beck. Definitiv ausgeschlossen werden könne das Gebiet südlich der Heerstraße. Dortige Anwohner hätten gefragt, ob sie auch betroffen seien. „Direkt betroffen sind 120.000 Menschen“, sagte Jens Feddersen, Leiter der Wasserversorgung bei den Berliner Wasserbetrieben.

Die Ursache für die Bakterienbelastung im Trinkwasser von Spandau ist weiter unklar. Die Wasserbetriebe suchten am Freitag weiter nach der Quelle der Verunreinigung. „Es handelt sich aber nicht um E-Coli-Bakterien“, sagte André Beck. Dies bestätigte am Freitag auch das Landesgesundheitsamt. Gefunden worden seien andere, weniger gefährliche Fäkalkeime. Unter Führung der Spandauer Bezirksstadträtin Daniela Kleineidam wurden zusätzlich in den betroffenen Gebieten an sechs Stellen Wasserproben genommen, die das Landeslabor Berlin-Brandenburg an der Berliner Invalidenstraße untersucht. Mit den Ergebnissen der Untersuchung kann Sonnabendmittag oder am Nachmittag gerechnet werden, wie Jens Feddersen sagt.

Dann will Ilse Heusler einer möglichen Entwarnung auch glauben. Angst habe sie aber grundsätzlich nicht. Und das mit dem Infomobil, das sei doch nett. „Aber das Wasser, das koche ich höchstens zehn Minuten ab“, sagt die 70-Jährige. Und greift sich noch einen Notfallbeutel.

Nähere Informationen gibt es auch unter www.berlinerwasserbetriebe.de . Außerdem haben die Wasserbetriebe für Sonnabend von 8 bis 22 Uhr eine Telefonnummer geschaltet: Tel. 08002927587