Verunreinigung

Spandauer müssen ihr Trinkwasser abkochen

Die Berliner Wasserbetriebe und der Bezirk Spandau warnen vor Bakterien im Trinkwasser. Sie können vor allem für Kinder und Ältere gefährlich werden. Viele Betroffene steigen vorsichtshalber auf Mineralwasser um - oder kochen ihr Wasser ab.

Foto: Buddy Bartelsen

Sorgfältig kocht Jennifer Dzieciol am Donnerstagabend das Wasser ab, bevor sie damit die Suppe kocht und den Tee fürs Abendbrot aufbrüht. Gerade erst hat die 27-Jährige erfahren, dass das Leitungswasser nicht mehr einwandfrei ist. Während sich ihr Mann Harald Maaß (41) bei den EHEC-Warnungen noch nicht so viele Gedanken gemacht hat, wie er sagt, steht für den Familienvater aus dem Pinneberger Weg im Spandauer Ortsteil Staaken spätestens jetzt fest: „Beim Wasser werden wir die Warnungen beherzigen.“ Das Paar und Sohn Julian (4) kommen gerade aus dem Tunesien-Urlaub, wo sie auch kein Leitungswasser verwenden konnten. Enttäuscht ist die Familie aber trotzdem von der schlechten Nachricht: „Wir hören doch immer, wie toll unser Berliner Wasser ist.“ Hamster „Rudi“ soll auf jeden Fall ab sofort auch nur noch abgekochtes Wasser erhalten, Sohn Julian trinkt ohnehin lieber Säfte statt Leitungswasser.

Am Donnerstag war mitgeteilt worden, dass in Spandau im Trinkwasser coliforme Keime entdeckt wurden - die Ursache ist bislang noch unklar. Rund 200.000 Bürger müssen auf eine Warnung der Berliner Wasserbetriebe und der Gesundheitsbehörden hin ihr Wasser vorsichtshalber abkochen, ehe sie es trinken oder zur Zubereitung von Speisen verwenden. Die Warnung gilt bis zum Sonnabend für ein Gebiet nördlich der Heerstraße bis zum Spandauer Forst sowie westlich der Havel bis zur Stadtgrenze nach Falkensee.

Pflegeheim geht auf Nummer sicher

Zähneputzen nur noch mit Selters, der Saftautomat, der mit Leitungswasser gefüllt ist, wurde abgestellt: Als die Nachricht vom verunreinigten Trinkwasser die evangelische Pflegeeinrichtung Fischer-Dittmer-Heim erreicht, wird dort ebenfalls schnell reagiert. „Das Teewasser haben wir eine halbe Stunde statt der empfohlenen 20 Minuten gekocht. Wir müssen auf Nummer sicher gehen, schließlich haben wir viele alte Menschen bei uns“, sagt Pflegedienstleiterin Martina Normann.

Die Einrichtung am Hohenzollernring gehört mit anderen Pflegeheimen, Krankenhäusern und Kitas zu den ersten Adressaten des Bezirksamtes, als dieses am Donnerstagnachmittag nach Bekanntwerden der Wasserverschmutzung die Informationsmaschinerie anlaufen lässt. 200.000 Menschen sind betroffen. Sensible Institutionen seien sofort von dem vorerst in Spandau geltenden Abkochgebot für Trinkwasser in Kenntnis gesetzt worden, sagt die in Vertretung von Gesundheitsstadtrat Martin Matz zuständige Finanzstadträtin Daniela Kleineidam (beide SPD). „In den Kitas wird das am Freitagmorgen noch einmal fortgesetzt, weil manche Einrichtungen zu der Uhrzeit ja schon nicht mehr erreichbar waren“, so Kleineidam. Außerdem wolle die Verwaltung Verbraucher, die noch nicht über die Medien aufmerksam geworden seien, mit Handzetteln in Einkaufszentren auf die Beeinträchtigungen hinweisen.

Bei der Warnung der Behörden handelt es sich um eine Vorsichtsmaßnahme. Vor einer Panik wolle er warnen, auch wenn die Keime natürlich gesundheitsgefährdend seien, sagte der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, André Beck. Die weitere Zufuhr keimbelasteten Wassers sei aber sofort gestoppt worden. „Coliforme Keime im Trinkwasser sind gesetzlich untersagt, und schon wenn nur das Risiko einer Belastung besteht, müssen wir deshalb sofort Maßnahmen wie diese ergreifen“, so Beck. Weitere Tests sollen bis Sonnabend Gewissheit über die Keimfreiheit des Wassers geben. Bis dahin ist die Warnung zunächst befristet. Die Labortests bereits entnommener Proben dauern zwei Tage. Die Untersuchungen führen die Berliner Wasserbetriebe durch.

2004 zuletzt ein Vorfall mit verunreinigtem Wasser

Für Einrichtungen wie das Fischer-Dittmer-Heim bringt die Situation einen zusätzlichen Aufwand mit sich. Denn Wasser wird dort nicht nur zum Trinken oder für die Speisen verwendet. Während die großen Industriespülmaschinen das Geschirr mit kochendem Wasser reinigen und weiterbenutzt werden können, muss auch das Wasser, mit dem die gemorserten Medikamente normalerweise verdünnt werden, aus der Seltersflasche entnommen werden. Waschen und Duschen ist mit dem Wasser direkt aus der Leitung erlaubt. Fürs Gesicht allerdings erhalten die 61 Bewohner der Pflegeeinrichtung abgekochtes Wasser. „Wir haben in unserer Küche Riesentöpfe, die werden wir dafür benutzen“, sagt die Pflegedienstleiterin. Für das Essen am Freitag, das in Dampfgarmaschinen zubereitet wird, soll das Wasser ebenfalls vorher abgekocht werden. Und auch an die Nachbestellung des Mineralwassers hat Pflegedienstleiterin Martina Normann bereits gedacht: „Um übers Wochenende zu kommen, müssen wir auf jeden Fall nachordern.“

Einen Topf mit Wasser hatte sich Donnerstagabend auch Patrick Hohensee (38) aus dem Harburger Weg in Staaken schon abgekocht. „Spätestens morgen früh zum Kaffeekochen und Zähneputzen braucht man es ja“, sagt er. Auch er will sich an das Abkochgebot halten, hofft aber, dass es bald wieder einwandfreies Wasser in Spandau gibt.

In Berlin ist es nach Auskunft der Senatsumweltverwaltung zuletzt im Jahr 2004 zu einem Vorfall mit verunreinigtem Wasser gekommen. Betroffen war damals das Wasserwerk Beelitzhof in Zehlendorf. In Potsdam, wo es in diesem Monat ebenfalls eine bakterielle Verunreinigung gegeben hatte, hat das Gesundheitsamt Potsdam erst am vergangenen Dienstag das Abkochgebot für Trinkwasser in Babelsberg aufgehoben. Nach mehreren Spülungen des Rohrnetzes hätten dort alle Proben wieder einwandfreie Befunde entsprechend der Trinkwasserverordnung aufgewiesen, hieß es zur Begründung.

Vier Kleintierkadaver hatten nach Angaben der Behörde die Wasserverunreinigung in Potsdam verursacht. Sie waren im Hochbehälter am Brauhausberg gefunden worden. Vermutlich waren die Tiere durch das Belüftungssystem in die Behälter gelangt. In Berlin dagegen beginnt jetzt erst das Rätselraten um die Ursache der Trinkwasserverunreinigung. „Wir sind uns fast sicher, dass die Ursache auf dem Gelände zu finden ist“, sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe.