Einzelhandel

Berlin wird zur Top-Adresse von Deutschland

So viele Neuzugänge haben Berlins Top-Einzelhandelslagen selten erlebt. Ob Apple-Store, Cotton On, Marimekko oder Rolex: Berlins Shopping-Boulevards von Kurfürstendamm über die Friedrichstraße erweisen sich für internationale Trendmarken zunehmend als Muss.

Foto: Glanze

Borja de Pablos ist aufgeregt. Gespannt beobachtet der Spanier die Kinder, die am Donnerstag durch das erste deutsche „Imaginarium“ wuseln. Der neue, 240 Quadratmeter große Laden im Quartier 206 an der Friedrichstraße vertreibt Produkte des gleichnamigen spanischen Spielzeugherstellers, der in Deutschland bislang nur mit kleinen Shops in einigen Karstadt-Filialen vertreten war. Die Geschäftseröffnung ist kein Einzelfall: Berlin erlebt derzeit einen wahren Ansturm internationaler Einzelhändler.

Die deutsche Hauptstadt ist im ersten Halbjahr 2011 klarer Spitzenreiter auf dem Vermietungsmarkt der deutschen Einkaufsmeilen. Die Aktivitäten international tätiger Handelskonzerne erreichen in den ersten sechs Monaten 2011 Rekordniveau, so das Ergebnis einer Studie, die der Immobilien-Dienstleister Jones Lang LaSalle Berlin (JLL) am Donnerstag veröffentlicht hat. Ihr liegt eine repräsentative Stichprobe von deutschlandweit 485 Vermietungen aller Maklerhäuser mit einer vermittelten Verkaufsfläche von insgesamt 320.000 Quadratmetern zugrunde. Mit rund 127.000 Quadratmetern entfallen knapp 40 Prozent des gehandelten Volumens auf die neun Metropolen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart sowie Leipzig und Hannover.

„Berlin ist nicht nur die Hauptstadt, sondern auch sehr dynamisch und hat ein internationales Publikum“, begründet der 37-jährige Spanier de Pablos, wieso die Wahl so vieler internationaler Unternehmen derzeit auf Berlin fällt. „Es gibt zudem viele Menschen, die offen sind für neue Konzepte“, ist er überzeugt. Und der Standort Friedrichstraße sei ideal: „Hier mischen sich Touristen mit Berlinern und außerdem gibt es in ganz Mitte kein weiteres Spielzeugfachgeschäft“, sagt er.

Hackescher Markt stark im Aufwind

„Berlin bietet sich an als internationales Schaufenster, ist einfach angesagt und cool“, sagt auch Andreas Kogge, Einzelhandelsexperte bei (JLL), den Ansturm. Die starke Marktdynamik lässt für das zweite Halbjahr weitere Mietsteigerungen erwarten. Dabei sind es nicht die absoluten Spitzenlagen Kurfürstendamm und Tauentzien, die sich sprunghaft nach oben entwickeln: Auffällig ist die Entwicklung des relativ neuen Einzelstandortes Hackescher Markt.

„Vor zehn Jahren konnte man in den Straßen um den Hackeschen Markt noch Ladenflächen für 20 Euro den Quadratmeter anmieten“, so Kogge. Heute müssten die Mietinteressenten etwa an der Neuen Schönhauser Straße bis zu 140 Euro zahlen. Immerhin: Das sind immer noch 100 Euro weniger, als für ein Ladenlokal am Kurfürstendamm verlangt werden (bis zu 240 Euro/qm). Spitzenreiter bleibt indes die Tauentzienstraße zwischen Wittenbergplatz und Breitscheidplatz: 250 Euro pro Quadratmeter werden dort mittlerweile verlangt. Für den Einzelhandelsexperten sind weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen: „In anderen europäischen Metropolen werden schließlich ganz andere Summen aufgerufen“, so Kogge. In London beispielsweise lägen die Spitzenmieten um die 600 Euro je Quadratmeter Einzelhandelsfläche und selbst in München werden bis zu 300 Euro je Quadratmeter verlangt.

Die geringe Kaufkraft der Berliner spielt für die Entscheidung vieler Händler nur eine untergeordnete Rolle. Zumal sie zumindest teilweise ausgeglichen wird durch die vielen konsumfreudigen Touristen. Den Unternehmen geht es vor allem um den Image-Transfer, den das hippe Berlin verspricht. Davon will etwa die britische Damenmodemarke Karen Millen profitieren, die im März ihren ersten am Kurfürstendamm220 eröffnet hat.

Eine echte Deutschlandpremiere gibt es am Kurfürstendamm15. Dort will im August der australische Fashion-Anbieter Cotton On eröffnen. Ein Label, das hierzulande vor allem Australientouristen bekannt ist: Cotton On am Kurfürstendamm wird die erste Deutschland-Filiale der Australier sein.

Die meisten Luxusmarken sind ohnehin längst schon da. So bieten etwa Prada, Cartier, Hermès und seit kurzem auch Rolex in edlen Läden ihre weltberühmten Chronometer an. Bei Rolex am Kurfürstendamm 184 handelt es sich übrigens ebenfalls um die einzige Boutique des Uhrenherstellers in Deutschland. Und wie Branchenkenner längst wissen, hat nun offenbar auch Armani seine Zurückhaltung aufgegeben und will an die Ecke Kurfürstendamm und Wielandstraße ziehen. Neuzugänge haben wird es im kommenden Jahr auch in der ehemaligen Filmbühne Wien geben. Hinter den schwarz verklebten Fensterscheiben am Kurfürstendamm 26 wird ganz im Geheimen gearbeitet: Dort richtet das amerikanische Computer-Unternehmen Apple seinen Berliner Show-Room ein.

Doch nicht nur das Doppelgespann Kurfürstendamm –Tauentzienstraße und die Friedrichstraße vermelden Neuzugänge. Schließlich gelten in Berlin neben diesen beiden Straßen auch noch die Schloßstraße in Steglitz, die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg sowie der Alexanderplatz, der Potsdamer Platz und der Hackesche Markt als sogenannte 1A-Lagen. „Als besondere Einzelhandelslage hat sich die Gegend um den Hackeschen Markt entwickelt“, sagt Kogge von JLL. Das zeige sich besonders an den Marken, die vielen als Kultlabel gelten. Als Beispiel nennt er etwa den Laden der französischen Modemarke A.P.C. an der Mulackstraße 35 oder das finnische Designgeschäft Marimekko an der Alten Schönhauser Straße 42. „Rund um den Hackeschen Markt gibt es viele Neuzugänge, deren Konzept in Deutschland bisher noch nicht vertreten ist.“ Dabei gilt als Faustregel: Am Hackeschen Markt fühlen sich eher die legeren Marken wohl, am Kurfürstendamm regiert in weiten Teilen der Luxus.

Doch der starke Kontrast scheint sich gerade etwas zu verwischen. Wenn im nächsten Jahr die Sanierungs- und Umbauarbeiten am Haus Cumberland beendet sind, wird neben auch das Modegeschäft „14 oz.“ eröffnen. Karl-Heinz Müller, Geschäftsführer der Modemesse Bread & Butter, will seinen gleichnamigen Laden an der Münzstraße am Hackeschen Markt nicht etwa aufgeben, sondern am Kurfürstendamm unter dem gleichen Logo zusätzlich noch etwas höherwertige „kernige Männermode“, wie es Andreas Kogge formuliert, verkaufen.