Familientragödie in Köpenick

Schwere Vorwürfe gegen den Vermieter

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Dominik Ehrentraut

Foto: Steffen Pletl

Die Tragödie in einem Köpenicker Wohnhaus, in dem eine ganze Familie durch Gas starb, hätte nach Aussage des Bezirksschornsteinfegers verhindert werden können. Obwohl die Gastherme durch einen Sicherheitscheck fiel, blieb eine weitere Überprüfung aus.

Der mysteriöse Tod der sechsköpfigen Familie an der Puchanstraße in Köpenick wirft immer weitere Fragen auf. Noch immer suchen die Ermittler nach der Ursache der Kohlenmonoxidvergiftung, die Anna P, ihre vier Kinder und ihren 40-jährigen Lebensgefährten tötete. Die Schornsteinfeger-Innung macht dem Eigentümer der Unglückswohnung unterdessen schwere Vorwürfe. „Die Tragödie hätte verhindert werden können“, sagt Bezirksschornsteinfeger Henry Laubenstein Morgenpost Online. Zudem wurde bekannt, dass die Gastherme zwei Wochen vor dem Unglück bei einem Sicherheitscheck durchgefallen ist. Wie berichtet, fanden Feuerwehrleute am Montag die Leichen der 27-jährigen Anna P., ihrer Kinder Robert (7), Friedrich-Wilhelm (5), Klaus Peter (4) und Anuschka (1) sowie ihres 40-jährigen Lebensgefährten. Sie waren durch eine Kohlenmonoxid-Vergiftung ums Leben gekommen. Als mutmaßliche Ursache kommt die Gastherme in der Wohnung infrage. Der Brenner wird derzeit von Technikern der Kriminalpolizei untersucht.

Keine Meldung an Schornsteinfeger

Laut Bezirksschornsteinfeger Laubenstein war die Gaszufuhr in der Wohnung, in der die Familie starb, seit 2005 für mehrere Jahre gesperrt. Auch bei einer routinemäßigen Prüfung aller Gasthermen im Haus im vergangenen Herbst sei sie nicht in Betrieb gewesen. Im Laufe dieses Jahres muss die Therme dann irgendwann wieder in Betrieb genommen worden sei. „Wir gehen davon aus, dass dies geschah, als die Familie vor rund vier Wochen dort einzog“, so Laubenstein. Allerdings hätte in diesem Fall der Eigentümer des Hauses, die Tower Management GmbH, den Bezirksschornsteinfeger informieren müssen. Wenn eine Gastherme über mehrere Jahre hinweg nicht in Betrieb ist, bilden sich laut Laubenstein unter anderem gefährliche Ablagerungen im Abzug. Giftige Abgase könnten dann nicht ungehindert abziehen und sammelten sich in der Wohnung. „Bei einer Prüfung hätte der Schornsteinfeger eventuelle Mängel feststellen können“, so der Schornsteinfeger. Es wäre die Aufgabe des Eigentümers gewesen, dem Bezirksschornsteinfeger zu melden, dass die Gastherme wieder in Betrieb genommen wird, so der Experte.

Die Tower Management GmbH will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. „Kein Kommentar“, lautete die Antwort. Nach Angaben eines Sprechers wurde die Anlage von einer „Fachfirma“ überprüft. Wann dies allerdings geschah, konnte der Sprecher nicht sagen. Vielmehr kündigte er an, alle weiteren Gasthermen im Haus überprüfen zu lassen.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost war die Gasversorgung in der Wohnung vom Netzbetreiber seit mehreren Jahren gesperrt, weil die Vormieterin ihre Rechnung nicht mehr bezahlt hatte. Am 11. Juli, zwei Wochen vor dem tragischen Unglück, sollte ein Mitarbeiter des Gasbetreibers die Gastherme wieder anschließen. Zu diesem Zeitpunkt soll Anna P. mit ihren Kindern bereits zwei Wochen in der Wohnung gelebt haben.

Bei der Sicherheitsprüfung wurde an diesem Tag schließlich eine undichte Stelle an der Gastherme entdeckt. Anstatt die Anlage wie vorgesehen wieder in Betrieb zu nehmen, wurde sie stattdessen mit einer roten Plombe versiegelt. Anna P. erhielt einen Mängelzettel mit der Auflage, ihn an die Hausverwaltung weiterzuleiten. Denn nur wenn die Mängel behoben worden wären, hätte die Anlage wieder in Betrieb genommen werden dürfen. In diesem Fall hätte eine spezialisierte Firma die Anlage reparieren müssen. Ob dies in den folgenden zwei Wochen allerdings geschehen ist, ist ungewiss. Es kann daher nur spekuliert werden, ob jemand die Plombe entfernte, um die Anlage illegal zu betreiben.

Unterdessen ist die Gasversorgung im Haus nach Angaben der Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg (NBB) noch immer unterbrochen. Der Grund dafür ist eine leichte Undichtigkeit an den Gasleitungen innerhalb des Gebäudes, so ein NBB-Sprecher. Diese müsste erst einmal von Technikern behoben werden. Gefahr bestehe allerdings nicht. Ob ein Zusammenhang zwischen den undichten Leitungen und dem Tod der Familie besteht, ist nicht geklärt.

Angst um die eigene Sicherheit

Die Bewohner des Hauses machen sich unterdessen Sorgen um ihre eigene Sicherheit. Denn die Wohnung von Anna P. war nach Angaben einer Vormieterin in einem schlechten Zustand. Die Räume seien stark sanierungsbedürftig gewesen, der Boden habe sich gewellt. Viele Mieter fragen sich nun, wie ein solches Unglück hätte verhindert werden können. Grundsätzlich ist die jährliche Überprüfung der Gasthermen und Schornsteine Pflicht. Der Schornsteinfeger kontrolliert unter anderem, ob giftige Gase ungehindert abziehen können, prüft die Einhaltung der Vorschriften und führt eine Schadstoffmessung durch. Laut der Handwerker-Innung SHK haben Mieter oder Vermieter laut Gesetz eine „regelmäßige Wartungsverpflichtung“ der Therme durch einen qualifizierten Techniker.

Der Berliner Mieterverein rät Mietern, dies auch zu tun. „In rund 50 Prozent der Wohnungen mit Gasetagenheizung werden die Mieter in ihren Mietverträgen dazu auch verpflichtet“, sagt Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Handelt es sich um ein älteres Modell, sollte allerdings über einen Austausch nachgedacht werden. „Nach zehn Jahren ist eine Gastherme für den Vermieter abgeschrieben“, sagt Wild. Dann lohne sich eine Neuanschaffung. In der Regel bleiben die Gasbrenner allerdings 15 und mehr Jahre in den Wohnungen.