Urteil

Berlinerin versteckte ihren Sohn - Geldstrafe

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Michael Mielke

Wegen Vernachlässigung ihres Sohnes ist eine 42 Jahre alte Berlinerin zu einer Geldstrafe von 1350 Euro verurteilt worden. Das Amtsgericht Tiergarten sprach die Frau am Mittwoch der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht schuldig.

Es gibt Angeklagte, die sind gleichzeitig Täter und Opfer. Simone L. kann eindeutig dazu gezählt werden. Die 41-Jährige muss sich vor einem Moabiter Strafrichter wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht verantworten. Wobei schon dieser Vorwurf etwas problematisch ist. Simone L. war schon seit 2004 nicht mehr erziehungsberechtigt für ihren Sohn Thomas. Er hat einen Amtsvormund. Außerdem wächst der Junge, wie seine beiden älteren Geschwister, seit Jahren schon in Heimen auf.

Im letzten November war der damals 13-Jährige aus einem dieser Heime geflohen und ganz plötzlich bei der Mutter in Hohenschönhausen aufgetaucht. Sie habe sich darüber gefreut, beschreibt sie vor Gericht die damalige Situation. „Auch weil ich ihn endlich mal wieder bei mir hatte.“ Der heimliche Aufenthalt währte vier Wochen. In dieser Zeit ignorierte Simone L. Anrufe des Jugendamts, ließ Briefe der Behörde ungeöffnet und öffnete auch nicht die Tür, als der zuständige Sozialarbeiter klingelte.

Am 22. Dezember 2010 wurde die Polizei eingeschaltet. Es habe nach Urin und Fäkalien gerochen, sagt ein Beamter. Drinnen habe sich „ein Bild der Verwahrlosung“ geboten: Sperrmüll, Wäscheberge, Käfige und Tierverschläge. Insgesamt lebten 23 Haustiere in der Wohnung, Hunde, Katzen, Kaninchen. Ganz zu schweigen von den Schwärmen von Schmeißfliegen, die an Wänden und Decken saßen.

Simone L. kam ohne Anwalt zu ihrem Prozess. Eine gepflegt wirkende Frau, die von Prozessbeobachtern vor dem Gerichtssaal zunächst für eine Sozialarbeiterin gehalten wird. „Ich kann nichts dagegen sagen, weil es so war“, beantwortet sie die Frage des Richters, ob die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft richtig seien. Sie wirkt etwas verlangsamt. Sagt zwischendurch aber immer wieder auch erstaunliche Sätze: Die Therapie für ihren Sohn Thomas in einem der Heime sei „dem Aufbau, der Selbstfindung und der Stabilisierung dienlich“ gewesen. Leider sei er dann aber wieder in ein anderes Heim verlegt worden. „Das war keine gute Situation für ihn“. Und sehr durchdacht wirkte auch die Antwort auf die Frage, warum sie ihre Wohnung in einem derartigen Zustand belassen habe: „Ich habe vieles beiseitegeschoben, vieles nicht aufgearbeitet, ich hätte gern mehr Kraft.“

Es gibt kein psychiatrisches Gutachten über Simone L.; dieser Aufwand wäre viel zu groß gewesen für so einen kleinen Prozess. Am Rande kommt jedoch zur Sprache, dass sich bis vor zwei Jahren ein amtlicher Betreuer um sie kümmerte. Nicht zur Sprache kommt, warum es diesen Betreuer für sie nicht mehr gibt.

Der Richter verurteilt Simone L. zu einer Geldstrafe von 1350 Euro. Er berücksichtigt dabei, dass sie ohne Arbeit ist und von den 365 Euro vom Jobcenter leben muss. Deswegen darf sie die Strafe auch in monatlichen Raten von 40 Euro zahlen. Die Gefahr eines Rückfalls sei ja nicht zu erwarten, sagt er, schon wegen der großen räumlichen Entfernung. Thomas lebt jetzt in einem Heim in Niedersachsen.

Simone L. nimmt das Urteil sofort an, will aber gern noch wissen, ob sie jetzt auch das Fernsehteam bezahlen müsse, das sie im Gerichtsflur aufgenommen habe. Sie ist nicht zufrieden damit, dass sie „hier einfach so gefilmt“ wird.

Als sie den Saal verlässt, wird ihr vom selben Kamerateam ein Mikrofon vors Gesicht gehalten. Sie bleibt verblüfft stehen, sagt, dass sie als Kind auch in Heimen gelebt habe. Sie wirkt verzweifelt, überfordert, und der TV-Reporter verzichtet auf weitere Fragen. Anschließend fährt sie allein nach Hause. Zu ihren Hunden. Zwei hat sie immer noch.