Blindgänger in Tempelhof

Sprengexperten entschärfen Fliegerbombe

Wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg mussten 2000 Tempelhofer am Sonntagmorgen ihre Wohnungen verlassen. Der Einsatz gelang. Hätte der Blindgänger vor Ort gesprengt werden müssen, wären die Splitter bis zu einen Kilometer weit geflogen.

Am Schluss fasst Polizeifeuerwerker Detlef Jaab den Sonntagvormittag in Tempelhof so zusammen: „Wir sind zufrieden. Wir haben es überlebt“, sagte er in schönstem Berlinerisch. „Es“ ist die Entschärfung einer russischen Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die am Freitag auf einer Baustelle am Bäumerplan gefunden worden war. Der Sprengkörper vom Typ FAB 100 habe einen „stark deformierten Zünder“ gehabt, so Jaab. Deshalb musste die Bombe vor Ort entschärft werden.

Rund 2000 Anwohner wurden deshalb per Aushang und ab Sonntagfrüh auch per Lautsprecher gebeten, ihre Wohnungen zu verlassen. Polizisten sperren das Gebiet rund um den Bäumerplan ab, laufen ab zehn Uhr von Wohnung zu Wohnung und klingeln, klopfen und rufen. Häuser, in denen sie niemanden mehr antreffen, kennzeichnen sie mit einem Kreidekreuz.

Immerhin 148 Anwohner lassen sich erst durch die Beamten aus ihren Wohnungen bitten. „Acht meist ältere Menschen wurden mit einem Fahrdienst abgeholt“, teilt die Polizei mit, „14 Personen wurden im BVV-Saal im Rathaus Tempelhof betreut, der als Ausweichquartier vorbereitet worden war.“ Andere haben verschlafen oder die Aushänge übersehen. Und nur die wenigsten können sich offenbar vorstellen, was das Wort Fliegerbombe bedeutet. So wie die 101-jährige Dame, die von Verwandten aus ihrer Wohnung abgeholt wird. „Sie hat zwei Weltkriege erlebt. Jetzt kommen die schlimmen Bilder wieder hoch.“ Anwohner Joachim Dartsch erinnert sich: „Ich bin als Kind einmal vor Schreck die Kellertreppe hinuntergefallen, als in der Nachbarschaft eine Bombe einschlug.“ Der 84-Jährige erinnert sich auch an die Dankbarkeit, überlebt zu haben.

Um 12.23 Uhr ist die Gefahr vorbei

Diesmal bleibt alles ruhig. Genau 13 Minuten brauchen Jaab und sein Kollege Matthias Rabe, um den Zünder der rund 75 Zentimeter langen 100-Kilo-Bombe herauszuziehen. Um 12.23 Uhr ist die Gefahr vorbei. „Erst ging es ein bisschen schwer, dann haben wir ein Gewinde geschnitten“, sagt Rabe hinterher und deutet auf ein verbogenes Stück Metall neben der Bombe. Diese liegt da bereits gut verschnürt auf einer Holzpalette. „Wäre das Ding explodiert, hätte es einen Krater von rund drei Meter Tiefe und sechs Meter Durchmesser gerissen. Und die Splitter wären bis zu 1000 Meter geflogen.“

So aber werde die FAB 100 nun „ihrer Vernichtung zugeführt“, wie die beiden Sprengmeister zufrieden formulieren. Zweimal im Jahr werden auf dem Sprengplatz Grunewald Blindgänger beseitigt, indem man sie kontrolliert in die Luft jagt.

Die Tempelhofer Bombe ist bereits der 13. Fund in Berlin in diesem Jahr. Zuletzt hat Rabe am 6. Juli in Köpenick eine 150-Kilo-Bombe entschärft. Ende Mai legte ein Blindgänger an der Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain das öffentliche Leben kurzfristig lahm. Seit 1945 sind in Berlin mehr als 7300 Blindgänger gefunden worden. Experten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schätzen, dass im Stadtgebiet noch 3000 bis 4000 Bomben und Granaten unentdeckt liegen. Meist werden sie bei Bauarbeiten zufällig entdeckt, was nicht ungefährlich ist. 1994 starben drei Bauarbeiter an der Pettenkofer Straße in Friedrichshain, als sie beim Bohren in einer Grube eine Fünf-Zentner-Bombe trafen.

Die Tempelhofer nehmen die Entschärfung „ihrer“ Bombe gelassen. Viele sind ohnehin im Sommerurlaub, die anderen besuchen noch den Gottesdienst nahe der Fundstelle oder machen „einen Ausflug zur Schwiegermutter“, wie ein junges Paar sagt. Oder fahren „in den Garten zu Freunden“, wie eine ältere Dame: „Nur meinen Kater musste ich leider in der Wohnung lassen.“

Erleichterung bei den Anwohnern

Das größte Problem hätte eine Evakuierung des St.-Joseph-Krankenhauses mit seinen momentan 350 Patienten bedeutet. „Glücklicherweise konnten aber alle im Haus bleiben“, sagt die kommissarische Pflegedirektorin Eva-Maria Haenecke. Alles sei nach Plan gelaufen. Nur ganz zuletzt kommt kurz Unruhe auf: „Wo ist die Schwangere?“, krächzt es aus dem Funkgerät der Rotkreuz-Helfer, die ebenfalls vor Ort sind. Erst als das Krankenhaus meldet: „Angekommen und versorgt“, bekommen Rabe und Jaab grünes Licht, um ihr heikles Werk zu beginnen.

Kaum sind sie fertig, stehen an der Ecke zum Bäumerplan schon die ersten Rückkehrerinnen. Zwei hochbetagte Damen, Arm in Arm, beide mit einem Lächeln: „Dürfen wir jetzt wieder nach Hause?“ Zwei Stunden zuvor, erzählen sie, hätten Polizisten sie aus ihrer Wohnung komplimentiert. Erst hätten sie nicht gewollt, die Damen kichern ein bisschen verlegen, aber auch erleichtert. „Gut, dass nichts passiert ist. Und es war ja auch gut, mal wieder an die frische Luft zu kommen.“