Prozess

Brandstifter bestreitet versuchten Mord an Mietern

Mit einer Verzweiflungstat wollte der Angeklagte auf seine bevorstehende Zwangsräumung hinweisen. Er zündete sein Mietshaus in Wedding an. Dabei habe er den Tod seiner Nachbarn in Kauf genommen, hieß es nun vor Gericht.

Er habe ja nur sein Recht bekommen wollen, sagt der Angeklagte. „Aber ich habe es nicht bekommen. Das ist Unrecht, was mir angetan wurde.“ Horst P. steht wegen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung vor einem Moabiter Schwurgericht. Seine Geschichte erinnert an die Michael-Kohlhaas-Novelle von Heinrich von Kleist. Nur dass es hier nicht um zwei Pferde geht, die dem Kaufmann Kohlhaas von einem Junker zu Unrecht abgenommen wurden. Bei Horst P. waren der Anlass für eine völlig überzogene Reaktion Heizungskosten für seine Wohnung an der Weddinger Seestraße.

Der 60-Jährige spricht von 230 Euro, die ihm monatlich für die nur 52 Quadratmeter große Wohnung berechnet worden seien. Es war dem arbeitslosen Mann auch egal, dass ihm von Seiten des Bezirksamtes offeriert wurde, die Kosten könnten ja vom Jobcenter übernommen werden. Er nahm die Hilfe nicht an, weigerte sich strikt zu zahlen, protestierte mündlich und schriftlich, verlor einen Prozess vor dem Amtsgericht, stellte gegen die Richterin eine Strafanzeige. Anfang dieses Jahres wurde ihm die Wohnung wegen der offenen Rechnungen schließlich gekündigt. Am 19. Januar 2011 drohte eine Zwangsräumung. Und er bekam auch keinen Aufschub. Obwohl er ab 1. Februar in Lankwitz eine neue Wohnung hätte beziehen können.

Den Ermittlungen zufolge hat Horst P. in den frühen Morgenstunden des 19. Januar an fünf Stellen im Miethaus Benzin vergossen und angezündet. Mieter bemerkten den Brandgeruch. Als sie ihre Wohnungstür öffneten, war das Treppenhaus gefüllt mit Qualm. Zwei Frauen sprangen aus dem Fenster ihrer Wohnung in den Hof. So kann eigentlich nur von großem Glück gesprochen werden, dass es keine Verletzten gab und nur ein Mieter wegen einer leichten Rauchvergiftung behandelt werden musste. Für die Staatsanwaltschaft ist das versuchter Mord. Sie geht davon aus, dass Horst P. den Tod der zumeist schlafenden Hausbewohner in Kauf genommen habe.

Der Angeklagte wiederum hatte für seine Tat „höchstens mit einer Geldstrafe“ gerechnet. Der gebürtige Nürnberger hat Erfahrungen mit Gerichten: Er saß schon zwei längere Strafen wegen Raubüberfällen auf Banken ab. Es habe bei der Brandstiftung „niemandem etwas passieren“ sollen, beteuert er, „ich wollte doch nur die Medien auf mich aufmerksam machen.“

Was ihm der Vorsitzende Richter nicht so recht glauben kann. Er verweist auf den Schäferhund Buddy, den Horst P. wenige Stunden vor der Brandstiftung in einer Grünanlage erschossen hatte. Obwohl der Hund, wie der Angeklagte selber sagte, sein engster Gefährt gewesen sei. Die Pistole, sagt er vor Gericht, habe ihm schon viele Jahre zuvor ein Kollege geschenkt.

Und es gibt noch ein Indiz, das darauf schließen lässt, dass es nicht nur um Aufmerksamkeit ging: In einem kurz vor der Tat an eine Zeitschrift gesandten Brief schrieb der Angeklagte: „Nun werde nicht nur ich sterben, sondern, weil es in dieser Welt nicht mehr anders geht, wenn man nicht so viele Menschen tötet wie möglich, werde ich es auch tun müssen…“ Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.