Maßregelvollzug

Straftäter gelingt zweite spektakuläre Flucht

Die Gitter galten als "absolut sicher". Einem drogensüchtigen Straftäter ist es aber dennoch gelungen, sie zu durchsägen. Und zum zweiten Mal spektakulär aus dem Krankenhaus zu fliehen.

Einem drogensüchtigen Straftäter ist zum zweiten Mal innerhalb eines Dreivierteljahres die Flucht aus dem Maßregelvollzug gelungen. Der 32-jährige Sönmez B. war im Jahr 2010 wegen schweren Raubes verurteilt worden. Wie die für die Krankenhäuser des Maßregelvollzugs zuständige Senatsgesundheitsverwaltung mitteilte, durchsägte er in der Nacht zum Dienstag die Gitter im Badezimmer eines anderen Insassen und entkam. Nach ersten Erkenntnissen könnte unter anderem Baupfusch die Flucht ermöglicht haben. „Das hätte nicht passieren dürfen“, räumte Regina Kneiding, die Sprecherin der Senatsbehörde, unumwunden ein.

Die Gesundheitsverwaltung hat umgehend eine Untersuchung des Vorfalles angeordnet. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie Sönmez B. an eine Säge oder einen anderen für den gleichen Zweck geeigneten Gegenstand kam. Geklärt werden soll auch, wie B. zur Nachtzeit in die Räume eines Mitinsassen gelangte und wieso die beim Durchsägen von Gittern zwangsläufig auftretenden Geräusche unbemerkt blieben. Es sind viele Fragen, die sich nach diesem Vorfall aufdrängen.

Und es gibt bereits erste Antworten. „Beim Einbau der Gitter vor den Fenstern wurde uns versichert, diese seien absolut sicher, ein Durchsägen völlig unmöglich“, kritisierte Frau Kneiding am Dienstag. Jetzt müsse bei den Sicherungsmaßnahmen umgehend nachgebessert werden. Als weitere Konsequenz der neuerlichen Flucht wurde das zur Nachtzeit eingesetzte Personal verstärkt, zudem werden die Räume der Insassen ab sofort stündlich kontrolliert.

Für Sönmez B. war es bereits die zweite ebenso erfolgreiche wie spektakuläre Flucht. In den frühen Morgenstunden des 18. Oktober 2010 täuschte er eine plötzliche schwere Erkrankung so überzeugend vor, dass er, begleitet von einem Pfleger und einem Wachmann, vorsorglich ins nahe gelegene Helios-Klinikum Buch gebracht wurde. Dort wartete er, an den Händen gefesselt und auf einer Trage festgeschnallt, in einem Behandlungsraum der Notaufnahme auf seine Chance. Die kam, als seine Fesseln für die Behandlung gelockert wurden.

Helfer auch außerhalb der Anstalt

Plötzlich war von einem schweren Leiden nichts mehr zu bemerken, der 32-Jährige sprang unvermittelt und für die Ärzte völlig überraschend auf und rannte aus dem Gebäude. Draußen wartete bereits ein Wagen mit laufendem Motor. B. entkam spurlos, eine sofort eingeleitete Großfahndung blieb ohne Erfolg. Erst vier Monate später wurde er eher zufällig in Ungarn entdeckt, festgenommen und nach Deutschland gebracht. Ende Februar bezog er wieder sein Zimmer in der Abteilung IV des Vollzugskrankenhauses am Lindenberger Weg in Buch.

Immerhin fünf weitere Monate hielt er es dort aus, bevor es ihn jetzt ein weiteres Mal mit Macht in die Freiheit trieb. „Beide Fälle machen zumindest deutlich, dass der Mann seine Fluchten mit großer Sorgfalt plant, vorbereitet und durchführt und dass er dabei auf Hilfe von anderen setzen kann“, kommentierte ein Ermittler nach der jüngsten erfolgreichen Flucht. Die Fahnder gehen davon aus, dass B. auch diesmal versuchen wird, sich ins Ausland abzusetzen, denn seine möglichen Anlaufstellen in Berlin sind bekannt.

Der gebürtige Türke hat die Behörden in Berlin schon mehrfach beschäftigt. Seine Akte zieren bereits etliche Straftaten, darunter Diebstähle und Überfälle. Sie dienten zumeist zur Finanzierung seiner Drogensucht. Hinzu kommen vier Vergewaltigungen von Prostituierten im Jahr 2003. Dafür wurde der 32-Jährige zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, die er bis 2008 verbüßte.

Völlig therapieunwillig

Nach einem brutalen Raubüberfall wurde er 2010 erneut verurteilt, landete diesmal allerdings statt in einer Haftanstalt in einem Krankenhaus des Maßregelvollzugs. Diese Unterbringung anstelle einer Strafverbüßung in einer Haftanstalt kann das Gericht bei psychisch kranken und drogensüchtigen Tätern anordnen. Dort können die Untergebrachten intensiv ärztlich betreut und therapiert werden. Die Unterbringung ist unbefristet; über die Beendigung entscheidet ein Gericht nach Empfehlung der behandelnden Ärzte und Therapeuten. Danach folgt entweder die Freilassung oder die Überstellung in eine normale Haftanstalt.

Auch Sönmez B. befände sich nicht mehr in der Einrichtung in Buch, ginge es nach den dortigen Ärzten. Die hatten laut Regina Kneiding erst im Mai die Beendigung der Maßregel und die Überführung des 32-Jährigen in die Haft empfohlen. Als Grund nannte die Sprecherin, der Insasse sei völlig therapieunwillig gewesen. Die Staatsanwaltschaft stellte ebenfalls einen entsprechenden Antrag. Doch die zuständige Strafvollstreckungskammer beim Landgericht entschied, der Maßregelvollzug sei fortzusetzen.

Für Senatssprecherin Kneiding steht fest, dass Sönmez B. bei seinen Fluchtvorbereitungen Mitwisser hatte. Erfahrene Justizbedienstete kennen die „Hilfsbereitschaft“ und Verschwiegenheit unter Insassen, für sie ist es auch keine Überraschung, dass es Sönmez B. gelang, die Gitter zu durchsägen. „Man muss sich nicht mal zwingend eine Säge beschaffen. Häftlinge sind überaus erfinderisch, wenn es darum geht, scheinbar harmlose Gegenstände beispielsweise in eine Stichwaffe zu verwandeln“, sagte ein Vollzugsbeamter. Und mit Geschick und Geduld lasse sich auch mal eine Säge konstruieren.