Gefälschte Daten

Doktortitel - Charité-Ärztin unter Betrugsverdacht

Die Autorin einer wissenschaftlichen Arbeit über Handystrahlung steht unter Fälschungsverdacht. Momentan wird geprüft, ob der Medizinerin der Doktortitel aberkannt werden muss. Das könnte für die praktizierende Ärztin auch den Verlust ihrer Zulassung bedeuten.

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Im Streit über mutmaßlich gefälschte Daten für eine Doktorarbeit will die Charité nun prüfen, ob der Verfasserin der Titel aberkannt werden muss. Nach der Sommerpause werde eine Promotionskommission darüber entscheiden, ob die Medizinerin ihren Titel zurückgeben muss, teilte eine Sprecherin mit. Für die Fachärztin, die inzwischen in der Inneren Medizin einer Neuruppiner Klinik arbeitet, könnte das bedeuten, dass sie ihre Zulassung verliert.

Den Ergebnissen der umstrittenen Arbeit zufolge, die an der Universitätsmedizin des Uniklinikums 2006 abgesegnet wurde, sollen Funkwellen von Mobiltelefonen beim Menschen Strangbrüche in der DNA auslösen. Der Bremer Biologieprofessor Alexander Lerchl, der selbst auf diesem Feld forscht, wies die Charité bereits im August 2010 auf Mängel der Doktorarbeit hin. Lerchl, der sich unzufrieden mit der Aufklärung der Missstände seitens des Uniklinikums zeigte, hatte seine Vorwürfe im Gespräch mit Morgenpost Online wiederholt.

Stellvertretender Dekan in der Kritik

In der Kritik steht auch Professor Rudolf Tauber, stellvertretender Dekan des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Pathobiochemie an der Charité. Er war Leiter des sogenannten Reflex-Projekts, in dessen Rahmen die Dissertation entstand. Laut Lerchl habe Tauber auf Nachfrage „verschiedene Ausreden“ angeboten und sich mit „seitenweise Begründungen“ wie Software-Fehlern „herausgeredet“. Erst nach zehn Monaten habe er im Juni die von Tauber angeforderten Originaldaten der Untersuchung bekommen – und beweisen können, dass die Doktorandin tatsächlich Daten grob gefälscht habe.

Das Uniklinikum wehrte sich am Montag gegen Lerchls Vorwürfe, man habe sich nicht um Aufklärung bemüht. Professor Lerchl sei erst am 26.Juni als externer Gutachter angehört worden. Man bedauere, dass die gebotene Vertraulichkeit und Wahrung der Persönlichkeitsrechte im laufenden Verfahren nicht gewahrt wurde, teilte die Charité mit. Im November 2010 sei ein Ombudsmann mit der förmlichen Untersuchung beauftragt worden, hieß es in einer Stellungnahme. Sowohl Tauber als auch die beschuldigte Autorin der Promotion wollten sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Nicht der erste Schwindel-Fall auf diesem Gebiet

Tauber und andere Wissenschaftler leiteten von 2000 bis 2004 die Reflex-Studie, die sich der Erforschung möglicher Schädigungen des Erbguts durch Handystrahlen widmete. Offenbar wurden auf Initiative Taubers weitere Labore anderer Unis zur Untersuchung der Wirkung von Funkwellen auf Zellgut veranlasst. An der Reflex-Studie nahmen zwölf Forschergruppen aus sieben europäischen Ländern teil. Das Projekt wurde mit mehreren Millionen Euro durch die EU gefördert.

Laut Lerchl hätten aber nie Strangbrüche nachgewiesen werden können. Lerchl drängte die Charité, alle Forschungsbeiträge dieser Studie erneut untersuchen zu lassen.

Schon mehrfach stellte sich bei medizinischen Studien über Gefahren von Handystrahlen heraus, dass Schwindler am Werk waren. Eine Forschergruppe an der Medizinischen Universität Wien hatte 2005 die Schreckensnachricht verkündet, dass Handystrahlen zarte Fädchen des Erbguts zerbrächen und damit Krebs auslösten; sie forderten daraufhin drastisch gesenkte Grenzwerte. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass eine Labortechnikerin reihenweise Daten erfunden hatte.