Auszubildende

Arbeitsagentur gibt Migranten eine zweite Chance

Berliner Arbeitsagentur fördert Migranten, die als „nicht ausbildungsreif" galten. Ab September sind neun solcher "schwer Vermittelbaren" neue Azubis. Davor mussten sie aber noch fit gemacht werden.

Foto: Michael Brunner

Es gibt zwei wesentliche Voraussetzungen, um mitmachen zu dürfen. Die Wurzeln der Herkunft müssen jenseits deutscher Grenzen liegen, und man muss – zumindest in einem vordergründigen Verständnis – versagt haben. Özlem Öz (23), Esran Aktas (21), Sanel Hamzic (23) und Marcin Sebekow (22) bekamen aus unterschiedlichen Gründen das Siegel „nicht ausbildungsreif“ verpasst. Jetzt, nach wenigen Monaten, ist der Makel weg. Im September starten sie eine Behördenlaufbahn in der Arbeitsagentur Berlin. „Meine Eltern sind stolz“, sagt die Türkin Öz. Ihre kleine Schwester soll jetzt auch eine Ämterlaufbahn einschlagen.

Es ist ein Vorzeigeprojekt, das die Berliner Arbeitsagentur hier präsentiert. Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA), ist aus Nürnberg gekommen, um sich das anzuschauen. Der Raum, wo das passiert, ist mit dunklem Holz getäfelt. Das Haus, ein trutziger Behördenbau aus den 30er-Jahren, ein deutsches Amt, unverrückbar in seinem Selbstverständnis, was die Architektur betrifft. Doch die Bundesagentur für Arbeit hat sich einen Wandel auferlegt, so wie auch viele Unternehmen im Land. Zu tun hat das mit zweierlei: der schrumpfenden Zahl von Schulabgängern und mit der Erkenntnis, dass ein Einwanderungsland Institutionen den Migranten öffnen muss.

„Einstiegschance BA“ nennt sich das Projekt. Zwölf junge Menschen haben im Dezember damit begonnen. Neun haben bis zum Ende durchgehalten. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, dem Iran, Kenia, Polen, dem Libanon oder Ex-Jugoslawien. In kleinen Unterrichtsgruppen haben sie Defizite in Deutsch und Mathe aufgearbeitet, Praktika am Empfangstresen der Arbeitsagenturen und Jobcenter gemacht, Beratern bei der Arbeit zugeschaut. Nach neun Monaten sind sechs der zwölf Gestarteten so fit, dass sie die Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsförderung im September beginnen können.

Krumme Lebensläufe

Anhand des Lebenslaufs von Marcin Sebekow ist das eine ziemlich überraschende Entwicklung. Sebekow ist schlagfertig und wahrlich nicht dumm. Doch seine Schul- und die kurze Berufskarriere war bisher keine Erfolgsgeschichte. 2006 hat er die Schule mit dem mittleren Abschluss verlassen. Er hat eine kaufmännische Schule ein Jahr lang besucht. Eine Lehre als Koch begonnen und wieder geschmissen. „Als Jugendlicher war ich schon schwierig“, sagt er. Das klingt natürlich lustig, denn wie ein reifer Mann sieht er mit 22 noch längst nicht aus.

Als Sebekow mal wieder bei seinem Berater im Jobcenter saß, sah er ein Plakat, auf dem eine Laufbahn als Berufsberater angepriesen wurde. Das, sagt er, klang attraktiv. Doch ihm wurde bedeutet, dass seine Voraussetzungen nicht ausreichen würden. Mit der Einstiegsqualifizierung wurde er jetzt fit gemacht. „Nicht jeder Jugendliche ist von vornherein ein Olympionike“, sagt BA-Vorstand Heinrich Alt. Aber es lohne sich, nicht nur auf Zeugnisse zu schauen. Defizite könnten ausgeglichen werden. „Wir werben auch bei den Firmen: ‚Schaut euch auch Jugendliche an, die eine nicht so gute Schulausbildung haben.'“

Nihat Sorgec, Geschäftsführer des Bildungswerks Kreuzberg, bereitet in seinem Institut junge Menschen auf eine Ausbildung vor. Er hat sich auch um die Teilnehmer der Einstiegsqualifizierung gekümmert. „Viele Unternehmer sagen sehr vorschnell, dass Jugendliche nicht ausbildungsreif seien“, hat er beobachtet. Doch diese Haltung können sich weder der öffentliche Dienst noch die Wirtschaft in diesen demografischen Zeiten leisten. Sie sind darauf angewiesen, es auch mit jenen zu versuchen, die sie bislang bei Bewerbungen schnell aussortiert haben.

Für die Arbeitsagentur in Berlin ist es zudem eine schlichte Notwendigkeit, mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu beschäftigen. Rund 30 Prozent der Leistungsbezieher haben ausländische Wurzeln, in einigen Agenturen und Jobcentern liegt diese Quote weitaus höher. Einen Migrantenanteil von 30 Prozent hält auch die Arbeitsagentur in Berlin für wünschenswert. Derzeit ist man davon noch weit entfernt. Genaue Zahlen existieren zwar nicht, weil das in den Personalunterlagen nicht vermerkt wird. Doch eine bundesweite Umfrage unter Mitarbeitern der BA hat ergeben, dass rund acht Prozent der Belegschaft nicht deutscher Herkunft sind. In Berlin mit seinen rund 9000 BA-Mitarbeitern in Arbeitsagenturen und Jobcentern dürfte der Anteil höher sein, aber noch weit entfernt von 30 Prozent. Immerhin: Wenn in diesem September 45 Azubis ihre Lehre beginnen, beträgt der Migrantenanteil unter den Lehrlingen 33 Prozent.

Auch in der Berliner Wirtschaft gibt es ähnliche Bemühungen. Seit rund einem Jahr läuft die Aktion „Berlins Wirtschaft braucht dich!“. Sie hat das Ziel, einerseits mehr Migranten für eine Berufsausbildung zu begeistern, andererseits Firmen klarzumachen, welche Vorteile sie davon haben. „Es gibt überhaupt keinen Grund, Jugendliche abzulehnen“, sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der BA-Regionaldirektion. Leisten können es sich Unternehmen ohnehin immer seltener: Aktuell verzeichnen die Lehrstellenbörsen von IHK und Handwerkskammer in Berlin mehr als 1600 freie Ausbildungsplätze.