Blindgänger

Polizei entschärft Weltkriegsbombe in Köpenick

Wegen der Entschärfung einer 250 Kilogramm schweren Bombe musste am Donnerstag das Gelände um den Bahnhof in Köpenick evakuiert werden. 400 Anwohner waren betroffen, Busse und Bahnen mussten ihre Fahrten unterbrechen.

Um kurz nach 12 Uhr am Donnerstagmittag ist es still am Bahnhof Köpenick. Seit einer Stunde fahren dort keine S-Bahnen, keine Regionalzüge, keine Autos mehr. Der Bahnhof ist menschenleer, ebenso das benachbarte Einkaufszentrum Forum Köpenick und alle umliegenden Straßen und Häuser. Auf einer nahen Baustelle an der Borgmannstraße hantieren Matthias Rabe und Detlef Jaab an einem Ungetüm aus rostigem Metall – ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich um eine deutsche Bombe mit seitlich angebrachtem russischem Zünder. Bei ihrem Vormarsch hatte die Rote Armee erbeutetes deutsches Kriegsmaterial für ihre Zwecke umgerüstet. Für Rabe und Jaab sind diese Umbauten nichts Neues. Kurz vor 12.30 Uhr haben die beiden Experten die Aufgabe gelöst. Entwarnung in Köpenick. Der Alltag, der Zugverkehr, die Kunden und die Autos kehren zurück.

Der 250-Kilogramm-Blindgänger war bereits am Vorabend gefunden worden. Bei Bauarbeiten für ein neues Einkaufszentrum gegenüber dem S-Bahnhof hatte der Baggerfahrer die Bombe aus dem Erdreich gegraben und zunächst unbemerkt auf einem Aushub-Haufen abgeladen. Bauarbeiter entdeckten dort den Sprengkörper und riefen die Polizei. Die Experten begutachteten den Blindgänger vor Ort und entschieden, dass eine sofortige Entschärfung nicht nötig sei. „Die Evakuierung hätte sich bis weit nach Mitternacht hingezogen, das mussten wir den Menschen hier nicht zumuten“, sagte ein Polizeisprecher. Noch am Mittwochabend wurden die Anwohner im Sperrkreis mit Handzetteln über die Entschärfung informiert. Ab 9 Uhr, so teilte die Polizei mit, müssten alle ihre Anwohner am nächsten Tag den Sperrkreis verlassen.

Am nächsten Morgen rollen Lautsprecherwagen durch die Straßen, die die Anwohner noch einmal auffordern, ihre Wohnungen zu verlassen. Die Evakuierung am Donnerstag verläuft nach Polizeiangaben weitgehend reibungslos – wenn auch mit Verzögerung.

Umsteigen in Ersatzbusse

400 Menschen müssen am Morgen ihre Wohnungen verlassen und werden im Rathaus untergebracht. Auch mehr als 100 Bewohner zweier Seniorenheime an der Parrisiusstraße und am Stellingdamm – darunter viele bettlägerige Patienten – müssen evakuiert werden. Sie werden von Helfern des Roten Kreuzes und des Arbeitersamariterbundes in Ausweichquartiere oder Kliniken gebracht. 70 Mitarbeiter der Hilfsdienste sind im Einsatz. Etwa 100 Polizisten sorgen für die Sicherheit an der Fundstelle. Durch die komplizierte Evakuierung der Heime muss die Entschärfung mehrfach verschoben werden.

Statt wie ursprünglich geplant um 9.45 Uhr wird der Bahnverkehr erst gegen 11Uhr unterbrochen. Auf der S-Bahnlinie S3 (Erkner–Spandau) und der wichtigsten Regionalexpresslinie in Berlin und Brandenburg, dem RE1 (Frankfurt (O.)–Berlin–Magdeburg), ruht der Verkehr auf dem betroffenen Abschnitt für eineinhalb Stunden. S-Bahn-Reisende müssen zwischen Wuhlheide und Hischgarten, Fahrgäste der Regionalzüge zwischen Erkner und Ostbahnhof in Ersatzbusse umsteigen. Auch Bus- und Straßenbahnlinien der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind unterbrochen oder werden umgeleitet. Auf den abgesperrten Straßen staut sich der Autoverkehr. Auch internationale Bahnreisende trifft es. Der Eurocity 46 aus Warschau wird bereits in Fürstenwalde gestoppt. Weiter geht es erst mit Verspätung in Bussen und Regionalzügen, zuletzt mit der S-Bahn. Die Fahrgäste müssen notgedrungen abwarten – wie auch die Anwohner, die Passanten und Einzelhändler rund um den Bahnhof Köpenick.

Die meisten Betroffenen nehmen es gelassen. „Was soll man dagegen machen“, sagt Anwohner Christian Bosch aus der Borgmannstraße. „Ich nutze den sonnigen Tag jetzt einfach für einen Ausflug zum See.“ Andere haben solche Möglichkeiten nicht und können nur eines: warten. „Gestern hieß es noch, wir könnten um 11 Uhr die Läden öffnen“, sagt Melanie Schwandt, Schuhverkäuferin im Forum Köpenick. „Jetzt hilft nur Geduld.“

Ältere Bewohner des Viertels rund um den Bahnhof machen sich ganz andere Gedanken. Ein Mann, der sich noch gut an die Bombenangriffe der letzten Kriegsjahre erinnert, befürchtet, dass er nicht zum letzten Mal seine Wohnung verlassen musste. „Bei dem, was damals heruntergekommen ist, würde ich mich gar nicht wundern, wenn hier bald der nächste Blindgänger gefunden würde“, sagt er.