U-Bahn-Gewalt

Körting will Alkoholverbot - die BVG aber nicht

Die Meinungen über ein striktes Alkoholverbot auf Berliner Bahnhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln gehen weit auseinander. Während Innensenator Körting eine solche Maßnahme befürwortet, halten der Finanzsenator und auch die BVG-Chefin sie für unnötig.

Foto: Christian Thomas / BVG

Im Streit um ein generelles Alkoholverbot im öffentlichen Nahverkehr haben sich BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Berlins Finanzsenator und BVG-Aufsichtsratschef Ulrich Nußbaum (parteilos) am Freitag gegen eine Verschärfung der Regelungen ausgesprochen. Zugleich kündigte Nikutta an, dass mit zusätzlichen Sicherheitskräften konsequenter als bisher gegen störende Trinker vorgegangen werde. Die derzeitige Hausordnung und die Beförderungsbedingungen des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) bieten dafür aus Sicht der BVG ausreichend Möglichkeiten.

Nach VBB-Chef Hans-Werner Franz hatte sich zuvor auch Innensenator Erhart Körting (SPD) für eine Verschärfung ausgesprochen. Franz forderte zuletzt ein gesetzlich geregeltes Alkoholverbot im Nahverkehr. So weit wolle Körting nicht gehen, wie eine Sprecherin am Freitag betonte. Allerdings spreche sich der Senator für eine eindeutige Formulierung in der Hausordnung aus. Alkohol wäre danach – wie bisher schon in den Zügen – auch in den Bahnhöfen grundsätzlich tabu.

CDU-Landeschef und Spitzenkandidat Frank Henkel sprach nach Körtings Äußerungen von einer „abenteuerlichen Kehrtwende“. Henkel hatte schon vor Wochen ein generelles Alkoholverbot in Bussen, Bahnen und Stationen gefordert. Damals, so der CDU-Mann, hätten der Regierende Bürgermeister und der Innensenator ausrichten lassen, sie hielten eine solche Regelung nicht für sinnvoll. „Nun muss Körting Flagge zeigen“, so Henkel.

„Eher ein Sauberkeitsproblem“

SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler hält die Forderungen für „eine Überreaktion“ und lehnt neue Verbote ab. „Man muss gucken, wie man den Auswüchsen, die es unbestritten gibt, entgegenwirkt“, sagte er der Berliner Morgenpost. Beim Thema Alkoholverbot im Nahverkehr gehe es in den meisten Fällen „eher um ein Sauberkeitsproblem“ als um eine messbare Verbesserung der Sicherheit.

Der Handwerker, der friedlich in der U-Bahn sein Feierabendbier trinkt, stellt auch aus Sicht der Verkehrsbetriebe kein Problem dar. Konsequenter vorgehen will die BVG aber nach Nikuttas Angaben gegen Trinkergruppen, die andere Fahrgäste belästigen. Möglich wird das durch den verstärkten Einsatz von Sicherheitskräften. Seit Freitag greift das neue Personalkonzept. 170 Mitarbeiter zweier privater Sicherheitsfirmen sind rund um die Uhr in den U-Bahnhöfen und Zügen im Einsatz. In den Abend- und Nachtstunden wird die Zahl auf 210 aufgestockt. Die Uniformierten sind nun auch für die Fahrscheinkontrollen zuständig. Bislang waren ständig 120 Wachleute im Einsatz, ohne nächtliche Verstärkung.

Die Aufstockung ist eine von mehreren Maßnahmen eines Sicherheitspakets, das die BVG im Mai nach gewalttätigen Übergriffen in Bahnhöfen vorgestellt hatte. Neben der stärkeren Präsenz der Wachleute ist auch die Sicherheitsleitstelle der Verkehrsbetriebe schon mit zusätzlichem Personal ausgestattet. 20 BVG-Mitarbeiter haben sich übergangsweise freiwillig gemeldet. Die 20 dauerhaften Verstärkungskräfte für die Zentrale werden gerade rekrutiert. Rund um die Uhr sitzt nun auch ein Beamter der Polizei in der Leitstelle. Eine weitere bereits umgesetzte Neuerung: Aus der Leitstelle können die Mitarbeiter Straftäter auf den Bahnsteigen direkt über die Lautsprecheranlagen ansprechen. Außerdem soll die Videotechnik in sechs Bahnhöfen noch in diesem Jahr verbessert werden, wie Nikutta bestätigte. 14 weitere Stationen werden folgen. Die Ausschreibung für die neue Videotechnik läuft. Seit inzwischen acht Wochen verstärkt zudem die Polizei durch 60 zusätzliche Beamte ihre Präsenz in den Berliner U-Bahnen. Lediglich an einigen Tagen seien Teile der zusätzlichen Einsatzkräfte wegen aktueller Gefährdungslagen von den U-Bahnhöfen abgezogen worden, sagte ein Polizeisprecher am Freitag.

Reise nach London

Wie andere Verkehrsunternehmen in Metropolen mit dem Thema Sicherheit umgehen, darüber informierten sich Nikutta und Nußbaum in dieser Woche in London. Die dortige U-Bahn gilt nach erheblichen Problemen vor einigen Jahrzehnten inzwischen als Musterbeispiel für den Einsatz von Mitarbeitern und moderner Technik. Auf allen Stationen gibt es eigene Sicherheitszentralen. Bis zu 20 Mitarbeiter überwachen auf großen Bahnhöfen ständig die Videomonitore. Außerdem setzt London auf ein halb geschlossenes System. Schon vor den Bahnsteigen gibt es hüfthohe Zugangsschranken, die sich nur mit einem Ticket öffnen lassen.

Umgerechnet 230 Millionen Euro hat der Aufbau des Systems gekostet. Positiver Effekt: Die Zahl der Schwarzfahrer ist deutlich gesunken. Für die objektive Sicherheit haben die Sperren indes kaum messbare Erfolge gebracht, wie BVG-Finanzvorstand Henrik Falk betonte. Deshalb und weil viele Berliner U-Bahnhöfe baulich ungeeignet sind, ist Finanzsenator Nußbaum zurückhaltend bei der Frage, ob dieses Konzept auf Berlin übertragbar ist. Und auch in Sachen Videoüberwachung will Nußbaum keine Londoner Verhältnisse. Dort wird nahezu die gesamte Stadt von Kameras beobachtet. In der U-Bahn herrscht die totale Kontrolle, weil elektronische Tickets es sogar ermöglichen, genaue Bewegungsprofile der Fahrgäste zu erstellen. „Dort wird diese Überwachungskultur akzeptiert. Die Menschen sind bereit, sich der Kontrolle auszusetzen“, so Nußbaum. „Meine persönliche Meinung ist: Ich will das hier nicht.“