Kottbusser Tor

Eltern nach Überfall auf Kita-Erzieher in Sorge

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Dominik Ehrentraut

Foto: Ehrentraut

Weil sie sich vom Lärm der Kinder gestört fühlten, schlugen zwei Männer Kita-Erzieher Ruben W. auf einem Kreuzberger Spielplatz zusammen – vor den Augen der Kinder. Die Anwohner sind schockiert.

Ruben W. rechnete mit einem ruhigen Vormittag auf einem Hinterhof-Spielplatz, doch der Besuch endete in einem Gewaltexzess. Der 32-jährige Erzieher machte am Donnerstag mit seiner Kita-Gruppe einen Ausflug auf einen Spielplatz an der Admiralstraße in Kreuzberg. Ausgelassen turnten die Kinder an den Geräten im Innenhof eines Wohnblocks. Einem Mieter war das offenbar zuviel: Weil die Kinder seiner Meinung nach zu laut tobten, verprügelten er und ein Bekannter den Erzieher. Auch Tage nach dem Vorfall sind die Nachbarn fassungslos. Viele haben Angst, dass so etwas wieder passiert und lassen ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt im Hof spielen.

Gegen 10.30 Uhr rief der 39-jährige Mann vom Balkon seiner Wohnung Ruben W. zu sich. Er fühle sich durch den Kinderlärm gestört und verlangte, dass die Gruppe in fünf Minuten verschwinden solle. „Ich habe dem keine Bedeutung beigemessen“, sagt Ruben W. dem RBB. „Soll er doch die Polizei rufen, habe ich mir gedacht. Das ist schließlich ein öffentlicher Spielplatz.“ Allerdings rief der Mann mitnichten die Polizei, sondern versuchte die Angelegenheit auf seine Art zu regeln. Nur wenige Minuten nach dem Wortwechsel stürmte er mit einem Bekannten in den Innenhof. Ruben W. gelang es gerade noch, ein Kind, das er auf dem Arm trug, seiner Kollegin zu übergeben. Unvermittelt schlugen und traten die beiden Männer vor den Augen der Kinder auf ihn ein. Erst als W.s 48-jährige Kollegin um Hilfe rief, ließen die beiden von ihrem Opfer ab und rannten zurück in das Wohnhaus. Die rund zwölf Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren konnten durch die Erzieherin noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die brutale Attacke mussten die verängstigten und weinenden Kleinen aber dennoch mit ansehen.

Komplize noch unbekannt

Die alarmierten Polizisten trafen den Mann wenig später in dessen Wohnung an und nahmen seine Personalien auf. Seinen Komplizen konnten sie allerdings nicht finden. Gegen den 39-Jährigen leiteten die Beamten Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung ein.

Die Folgen der Tat sind noch deutlich im Gesicht von Ruben W. zu sehen: Das linke Auge ist blutunterlaufen, Schürfwunden ziehen sich über Stirn und Wange, dazu Prellungen am gesamten Körper. Glücklicherweise wurde er nicht schwerer verletzt. Ruben W. hofft, dass die Wohnungsbaugesellschaft durchgreift und dem brutalen Schläger die Wohnung kündigt. „Das ist eine Gefahr für Kinder und Eltern“, sagt Ruben W. im Interview.

Im Hinterhof an der Admiralstraße ist mittlerweile wieder etwas Ruhe eingekehrt. Es ist ein idyllisches Fleckchen mitten in der Großstadt. Der Spielplatz ist allerdings verwaist. Nur ein paar Jungen lümmeln sich gelangweilt an den Spielgeräten. Die Anwohner selbst äußern sich zu dem Vorfall nur ungern. „Als ich davon erfahren habe, war ich erst einmal geschockt“, berichtet Anwohner Walter K. So eine brutale Attacke habe es in der Wohnsiedlung noch nicht gegeben, sagt er. Im Innenhof spielten oft Kindergruppen, die „natürlich auch mal etwas Krach machen“, sagt er. „Das ist aber noch lange kein Grund, jemanden zusammenzuschlagen.“ Besonders wütend mache ihn die Tatsache, dass der Schläger selbst Vater von drei Kindern ist. „Der müsste es doch am besten wissen, dass spielende Kinder Lärm machen.“ Er beobachte allerdings, dass sich viele Mieter immer rücksichtsloser verhalten, Toleranz und Verständnis hätten stark abgenommen.

Erst vor wenigen Tagen hat der Bundesrat ein neues Kinderlärm-Gesetz gebilligt, das Gerichtsverfahren gegen Kinderlärm zukünftig praktisch ausschließt. Dazu wird das Bundesimmissionsschutzgesetz geändert. In der Vergangenheit war Kinderlärm häufig als schädliche Umwelteinwirkung definiert worden. Da das nicht mehr der Fall sein wird, entfällt damit der entsprechende Klagegrund.