Vandalismus

Grabschänder ziehen über Berlins Friedhöfe

In Spandau werden Friedhöfe immer häufiger Schauplatz von Grabschändungen - selbst die letzten Ruhestätten von Kindern werden nicht verschont. Um das zu verhindern, fordern die Friedhofsverwalter nun eine Bewachung der Anlagen.

Foto: Amin Akhtar

Die Gießkannen sind gesichert, als ginge es um mehr als um bloße Plastikbehälter. Von Weitem schon leuchten sie durch das dichte Grün. Rosa, hellblau, lila, jede mit einem Ringschloss am Sammelpunkt befestigt. Sie sollen es wenigstens nicht zu leicht haben, die Friedhofsräuber.

Das, was wirklich zählt, lässt sich nicht anketten. Und laut Statistik nehmen auch instinktive Hemmungen ab. Drei Mal wurde auf dem städtischen Spandauer Friedhof In den Kisseln in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits Strafanzeige wegen Grabschändungen gestellt. 85 Grabstellen kamen insgesamt zu Schaden. Umgestoßene Gedenksteine, gestohlene Engelsfiguren, Löcher, die von ausgerissenen Blumen zeugen. Ein weiterer Vorfall konnte nur verhindert werden, weil Wachschützer zur Stelle waren. 2010 hatte es im ganzen Jahr fünf solcher Vorfälle gegeben.

Dass das Bezirksamt neuerdings auch nachts einen Sicherheitsdienst in den Kisseln Patrouille gehen lässt, liegt aber nicht nur an den steigenden Fallzahlen. „Grabschändung und die Störung der Totenruhe ist immer ein Straftatbestand“, sagt Patrick Sellerie, Sprecher der Abteilung Bauen, Planen und Umweltschutz im Bezirksamt. „Dass nun aber auch Kindergräber betroffen sind, hat für uns eine neue Qualität.“

18 Grabstellen wurden in der Nacht zum 16. Mai verwüstet, darunter auch Ruhestätten für Kinder. Den finanziellen Schaden beziffert das Friedhofsamt auf rund 10000 Euro. Der wahre Verlust für die Hinterbliebenen lässt sich damit aber nicht beschreiben. „Eine betroffene Mutter war bei mir und hat mir erzählt, wie sie ihr Kind ganz jung verloren hat“, sagt Sellerie. „Was soll man so einer Mutter sagen?“

Unersetzliche Erinnerungen

Gerlinde Schnell-Fechner steht vor dem Kindergräberfeld und blickt auf einen Grabstein. „Unfair“, haben die Eltern hineinschreiben lassen. Zwölf Jahre alt ist ihr Sohn geworden. Ein Herz und ein Kreuz, beides aus Legosteinen zusammengesetzt, sagen ebensoviel über die Leidenschaft des Toten wie über den Schmerz der Familie aus. Auch auf den Nachbargräbern liegen Kuscheltiere und Spielzeuge, drehen sich bunte Windräder. Die evangelische Pfarrerin Schnell-Fechner kennt die Gefühlslage verwaister Eltern. Auch hier in den Kisseln hat sie schon manche bei diesem letzten Weg mit ihrem Kind begleitet. Heute führt sie als Seelsorgerin im Krankenhaus Havelhöhe zweimal jährlich Beerdigungsfeiern für tot geborene Babys und Föten durch. „Eltern haben das Leben mit ihrem Kind geplant und wollten ihm so viel geben. Da ist das Grab der letzte Ort, wo sie noch etwas für das Kind tun können.“ Werde dann etwas vom Grab gestohlen, „dann ist das, als werde ihnen noch einmal etwas weggerissen. Das schafft Trauer, Wut und Unverständnis.“

Auch Sabina Stry kennt dieses Gefühl. Vor sechs Jahren beerdigte sie ihren Sohn auf dem landeseigenen Friedhof Wittenau, bei seinem Tod war er 19 Jahre alt. Den Grabstein hatten die Eltern mit einem steinernen Vogel geschmückt. Eines Tages war der fort. „Er war fest angeklebt, jemand muss ihn mit Gewalt entfernt haben“, sagt Sabina Stry. In der Selbsthilfegruppe „Leben ohne Dich“, deren zweite Vorsitzende sie ist, und in ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin erfährt sie immer aufs Neue, wie schwer gerade der Verlust eines Kindes wiegt.

„Den Tod Älterer nimmt man hin. Jedes Leben ist irgendwann zu Ende. Bei einem Kind kann man sich damit nicht abfinden. Es fehlt immer, sein Platz bleibt einfach leer.“ Umso schmerzlicher, wenn Erinnerungen unwiederbringlich verloren gehen. Ein Grabstein in Spandau zeigt den Fußabdruck eines verstorbenen Babys. „So einen Abdruck nehmen die Schwestern nach der Geburt“, sagt Gerlinde Schnell-Fechner. „Der ist unersetzlich.“ Sabina Stry treibt noch eine andere Frage um. „Was machen die mit den Sachen, zum Beispiel mit dem Spielzeug?“, will die 48-Jährige wissen. „Schenken die das ihren eigenen Kindern?“

Mit dem verschärften Sicherheitskonzept für den Friedhof In den Kisseln steht Spandau berlinweit fast allein da. Lediglich Marzahn-Hellersdorf lässt drei seiner vier Gräberfelder nachts bewachen. Warum gerade Spandau die Statistik für Straftaten auf Friedhöfen anführt, dafür hat bisher niemand eine Erklärung.

Mit 75 von insgesamt 124 Sachbeschädigungen auf Berliner Friedhöfen gingen im vergangenen Jahr deutlich über die Hälfte der Anzeigen auf das Spandauer Konto. Störungen der Totenruhe gab es nur in Neukölln (13) noch häufiger als in Spandau (7). Lediglich bei Diebstählen lag der westlichste Bezirk mit 22 Fällen im Mittelfeld. Die wenigsten Anzeigen gab es 2010 mit insgesamt 13 in Marzahn-Hellersdorf. Dabei ging es viermal um Störung der Totenruhe, einmal um Sachbeschädigung, in acht Fällen waren Diebe am Werk.

Möglicherweise höher ist die Hemmschwelle bei kirchlichen Friedhöfen, die meist neben den Gotteshäusern liegen. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vermeldete 2010 zwei Fälle von Buntmetalldiebstahl, mehrere Wasserhähne sowie ein Fallrohr waren dabei gestohlen worden. Auf dem katholischen Alten Domfriedhof St. Hedwig in Mitte wurden bei einem vermutlich bandenmäßigen Raubzug im April 2011 auch Messingverzierungen aus Grabmalen herausgebrochen, eine Grabplatte entwendet sowie Messingstatuen gestohlen.