Nach Trunkenheitsfahrt

Grüne suchen hektisch neuen Wahlmanager

Die Alkoholfahrt ihres Geschäftsführers und Wahlkampfmanagers André Stephan bringt die Ökopartei in große Nöte. Denn in zweieinhalb Monaten wird in Berlin gewählt. Deshalb muss sofort ein Nachfolger her.

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Der Ausfall ihres Wahlkampfmanagers André Stephan nach einer Trunkenheitsfahrt trifft die Grünen rund zehn Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl hart. Die Parteiführung tauchte am Mittwoch fast vollständig ab. Die beiden Landeschefs Bettina Jarasch und Daniel Wesener verschickten lediglich eine Mitteilung, die aus einem kargen Satz bestand. „André Stephan wurde von seinen Aufgaben als Manager der Wahlkampfes und als Landesgeschäftsführer entbunden“, hieß es darin. „Wir haben uns nach einem Gespräch mit André Stephan zu diesem Schritt entschlossen“, fügte Landeschefin Jarasch am Nachmittag schließlich noch hinzu. Weitere Erklärungen gab es nicht.

Stephan wurde von seinem Amt als Wahlkampfmanager enthoben und als Geschäftsführer beurlaubt. In den kommenden Tagen sollen die arbeitsrechtlichen Fragen geklärt werden. Der 31 Jahre alte Wahlkampfmanager war am Mittwochmorgen um vier Uhr von der Polizei aufgegriffen worden. Er war offenbar an einer roten Ampel an der Holzmarktstraße/Ecke Lichtenberger Straße stark alkoholisiert eingeschlafen .

Heimfahrt nach dem Hoffest

Der Motor des Wagens lief, der Blinker sei gesetzt gewesen, als vier Zivilpolizisten Stephan antrafen. Der Mann sei kurz aufgewacht, einen Meter weiter gefahren und wieder eingeschlafen. So schilderte ein Polizeisprecher am Mittwoch die Ereignisse der Nacht. Als die Polizisten Stephan festnehmen wollten, soll er Widerstand geleistet haben. Mehrfach habe er die Beamten zudem gefragt, ob sie nicht wüssten, wer er sei. Stephan befand sich offenbar auf dem Weg nach Hause. Zuvor hatte er das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit im Roten Rathaus besucht. Zu dem Fest waren auch andere grüne Spitzenpolitiker, darunter die Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, Renate Künast, sowie die beiden Landes- und Fraktionschefs gekommen. Rund um das Rote Rathaus hatten am Dienstagabend gut 3500 Gäste gefeiert.

Laut Polizei wollte der 31-Jährige zunächst flüchten, als ihn die Beamten ansprachen. Bei seiner Festnahme habe er um sich getreten, Polizisten beleidigt und erheblichen Widerstand geleistet. Ein Polizist wurde leicht verletzt. Zu dem Vorfall kam es laut Polizei „in räumlicher Nähe“ zum traditionellen Hoffest.

Überwältigt und mit Handfessel abgeführt

Vier Beamte hätten den „erheblich alkoholisierten“ Mann schließlich überwältigt und ihm eine Handfessel angelegt, wie ein Polizeisprecher sagte. Er sei zur Blutentnahme in die Gefangenensammelstelle gebracht worden. Das Ergebnis des Tests wurde nicht genannt. Der 31-Jährige wurde nach Hause geschickt. Gegen ihn wird nun wegen Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und Trunkenheit am Steuer ermittelt. Sein Führerschein wurde sichergestellt.

Stephan gilt als zentraler Manager des grünen Wahlkampfes. Er hatte bereits die Kampagne zur Europa- und Bundestagswahl 2009 in Berlin geleitet. Der 31-jährige gebürtige Merseburger studierte zunächst Politik und Wirtschaftsrecht, bevor er für die Linkspartei, damals PDS, in das Potsdamer Stadtparlament einzog. 2005 wechselte er zu den Grünen nach Berlin, wo er ab 2007 in der Landesgeschäftsstelle arbeitete. Stephan koordinierte die Zusammenarbeit mit der Werbeagentur und den Freiwilligen, die die Partei im anstehenden Wahlkampf einsetzt. Seine Arbeit wurde allseits geschätzt. „Der schaffte was weg“, sagte ein Kollege am Mittwoch.

Geeigneter Kandidat gesucht

Wer Stephans Amt als Wahlkampfmanager übernimmt, soll sich am Donnerstag, spätestens aber am Freitag entscheiden. Der Landesvorstand der Partei muss sich über einen geeigneten Kandidaten verständigen. Gesucht wird nach einem Parteimitglied, das die Arbeit Stephans nahtlos übernehmen kann und möglichst über Erfahrungen im Wahlkampf verfügt.

Erst Anfang des Jahres hatte die Partei ihre Landesspitze in der Geschäftsstelle in der Kommandantenstraße in Mitte ausgetauscht. Während die Landeschefin Irma Franke-Dressler aus Altersgründen aus dem Amt ausschied, zieht es den ehemaligen Landeschef Stefan Gelbhaar ins Berliner Abgeordnetenhaus. Wegen der Trennung von Amt und Mandat bei den Grünen, kann er das Amt anders als bei anderen Parteien nicht zusammen mit einem Mandat für das Abgeordnetenhaus ausüben.

Mehr als eine Million Euro

Die Grünen müssen so mit einer komplett neuen Mannschaft in die anstehende heiße Phase des Wahlkampfs starten. Trotz der Sommerferien haben alle Parteien angekündigt, mit dem Straßenwahlkampf in diesen Tagen zu beginnen. Die SPD hatte am Dienstag ihre Kampagne zur anstehenden Wahl vorgestellt. Am kommenden Montag präsentiert die CDU ihre Kampagne, die Grünen sind am 14. Juli dran. Weitere zwei Wochen später starten Linkspartei und FDP ihre Werbeaktionen. Ab dem 1. August – der letzten Ferienwoche – dürfen dann Wahlplakate aufgehängt werden. SPD, Grüne und CDU planen, jeweils insgesamt 50.000 bis 60.000 Plakate in der Stadt aufzuhängen. Linke und FDP müssen mit weniger auskommen.

Die Grünen geben in Berlin erstmals mehr als eine Million Euro für den Wahlkampf aus. Renate Künast hatte im November angekündigt, gegen Klaus Wowereit um das Amt des Regierenden Bürgermeisters anzutreten. Nach derzeitigen Umfragen kommt die SPD auf 30 Prozent der Wählerstimmen, die Grünen auf 25 Prozent, die CDU auf 21 Prozent, die Linke auf zwölf Prozent und die FDP auf vier Prozent.

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