Verbotener Verkauf

Thai-Polizei räumt Berliner Preußenpark

Im Wilmersdorfer Preußenpark verkaufen Thailänder jeden Sommer frisch gekochte Speisen. Und das mit straffer Organisation. Denn im "Thai-Park" herrscht Ordnung. Doch nun sollen sie von dem Gelände verschwinden.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Ratchana Ruthai* (53), von Amts wegen geduldet, aber nicht erwünscht, beugt sich im Schneidersitz über den Mörser und stößt etwas Knoblauch an. Wie ein Pendel schwingt ein silberner Anhänger über der Reibschale, den Ruthai um den Hals trägt: eine Gedenkmedaille, die das Konterfei des thailändischen Königs Rama V. trägt. „Er hat die Idee Thailand gelebt“, sagt die 53-Jährige. Zu dieser Idee gehört für die gebürtige Thailänderin das gemeinsame Kochen, auch hier unter freiem Himmel im Preußenpark in Wilmersdorf. Manchmal fühlt sich Ruthai, die seit 20 Jahren in Berlin lebt, selbst ein bisschen wie ein Pendel, immer hin- und hergerissen: „Dass das Kochen im Park verboten ist, weiß ich. Aber es ist wichtig für uns, und wo sollen wir sonst hin?“ Ruthai drapiert Hühnchenschenkel und Fisch aus Frischhaltebeuteln auf einer provisorischen Theke, die sie aus Eimern und Töpfen zusammengeschustert hat.

Preußenpark wird zur Thai-Wiese

Seit Jahren verwandelt sich die fünf Hektar große Rasenfläche im Preußenpark pünktlich mit der Sommerzeit zur Thai-Wiese, auf der Thailänder, Philippiner und Vietnamesen asiatische Gerichte kochen, garen – und auch verkaufen. Um den unerlaubten Verkauf einzudämmen, druckt das Bezirksamt jetzt Flyer, die vor dem Verzehr der Lebensmittel warnen. „Es werden keine Grundsätze der Hygiene eingehalten“, kritisiert Marc Schulte, Bezirksstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. Deshalb wolle er nun auch die Kontrollen durch die Polizei verstärken. „Die Flexibilität der Polizei könnte durchaus höher sein. Wir müssen eine Kontrolle immer schon drei bis vier Wochen früher anmelden, damit wir eine Hundertschaft bekommen.“ Regelmäßig kontrollieren auch Beamte des Ordnungsamts.

Wenn die anrücken, bekommt Thanh Nguyen* (43) ein flaues Gefühl im Bauch, wie er sagt. „Aus jeder Ecke des Parks kommen dann zwei Beamte, die sich in der Mitte sammeln“, sagt der Vietnamese, der mit 17 Jahren auf einem Fischerboot aus seiner Heimat floh. Ngyuen sitzt neben Frau Ruthai auf einer Bastdecke und probiert einen der Hühnchenschenkel. Er redet mit Landsleuten, grüßt, lacht. Für ihn ist der Park vor allem eines: ein Ort der Kommunikation. „Es ist doch besser hier, als zu Hause vorm Fernseher zu sitzen: Man erfährt von Jobangeboten, kann sich über die Tempel in Berlin austauschen und über das Heimatland reden. Und dabei natürlich gemeinsam essen.“ Dass sich hierbei keine Müllberge auftürmen und der Unrat nicht die Parkanlage verdreckt, dürfte vor allem an der straffen Organisation der Thais liegen.

Um 17 Uhr wird aufgeräumt

Am frühen Abend, meist um 17 Uhr, rückt der selbst organisierte Putzdienst an, der an die Grill-Grüppchen blaue Plastiksäcke verteilt und Müll sammelt – nicht nur den eigenen. Auch die öffentlichen Toiletten säubern die zwei Thailänder, die für den Dienst eingeteilt sind. „Diejenigen, die für den Müll zuständig sind, bekommen von den anderen dafür etwas zu essen und auch ein paar Euro Entschädigung“, verrät Nguyen. Die Müllsäcke sammeln sie am Wegrand des Parks. Vor einigen Wochen, sagt Nguyen, standen dort noch große Container, in denen man die Säcke vor den Augen der Parkbesucher verschwinden lassen konnte. Davor gab es zumindest einen Holzverschlag, der als Sichtschutz diente. „Warum wurde der abgebaut? Soll der Müll besser gesehen werden?“, fragt sich der Vietnamese.

Die Thais sind nicht das Problem des Parks, sie sind eine Bereicherung, findet Bernd Müller, 48. Direkt an der Wiese betreibt er das kleine „Café im Preußenpark“, eine Holzhütte, von der aus der Blick unmittelbar auf die Grünfläche fällt. Er arbeitet hier seit drei Jahren, in denen er viel über den Park gelernt hat. „Jedes Jahr gibt es Dinge, über die man sich ärgert – die Thailänder sind es gewiss nicht“, sagt Müller und wendet eine Bratwurst mit der Grillzange. Die Probleme wechseln: Mal seien es die Drogenabhängigen; dann die „fliegenden Händler“, die Ramschware verkauften; dann wieder die Jugendlichen, die ihre Flaschen liegen ließen. „Meine Gäste erzählen, man könne nicht nur Drogen, sondern auch Waffen kaufen. Ein Problem auf jeden Fall ist das Glücksspiel, das oft Streitereien provoziert.“ In Momenten, in denen er sich bedroht sah, berichtet Müller, sind ihm die Thailänder sogar zu Hilfe geeilt. Als Konkurrenz sieht er sie nicht, ganz im Gegenteil: „Die Thais ziehen Menschen in den Park, die auch bei uns einkehren.“ Müller wundert sich: Es sei immer das Gleiche, irgendjemand verdirbt sich den Magen, und darauf folgten die Initiativen, die sich gegen die Thais richteten.

Peter W., der seinen ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist mächtig verstimmt – auch ohne etwas von den asiatischen Gerichten gegessen zu haben. Der 65 Jahre alte Rentner sitzt mit einer Altersgenossin auf einer Parkbank und blickt misstrauisch auf die köchelnden Asiaten. „Es ist ein Unding. Der Verkauf muss unterbunden werden. Zu Ostern glich der Park einer riesigen Fressgasse“, sagtW. und fährt sich mit der linken Hand durch seinen Rauschebart. „Und das Essen ist noch nicht einmal billig“, sekundiert seine Sitznachbarin. W. lebt seit 35 Jahren hier, so ganz geheuer scheint ihm die fremdländische Sitte nicht. Und dennoch: „Ich bin trotzdem gerne hier.“ Sauber ist es ja.

„Der Park ist eine Lebensgrundlage“

Frau Ruthai streuselt noch etwas Knoblauch in den Papaya-Salat. Die Sonne steht mittlerweile hoch und wirft Schatten unter die Eiche, an der Ruthai und ihre Landsleute Platz genommen haben. Mittagszeit. Langsam füllt sich der Park mit Menschen, die ihre Mittagspause hier verbringen. Ruthai winkt zwei Frauen zu sich, die sich jetzt – noch bevor der Putzdienst eintrifft – mit einer Ladekarre um den Müll kümmern. MudeaRe* und AnnG.* rollen mit ihrem Lader an, auf den sie zwei Plastiksäcke gehievt haben, und entsorgen Ruthais Essensreste.

Mit zügigen Schritten nähert sich Dorothee Feitsma (57) dem kleinen Stand. In ihrer Hand baumeln Plastiktüten, gefüllt mit asiatischen Spezialitäten. „Den Verkauf hier einzudämmen halte ich für völlig falsch“, sagt die Selbstständige, die ein Institut für Handlungskompetenz leitet. „Ich kenne einige der Thailänder: Im Winter arbeiten sie in Bistros und Restaurants. Im Sommer ist der Park auch eine Art Lebensgrundlage für sie.“ Ein junger Asiate reicht Feitsma noch ein Reisgericht, er bedankt sich, sie lächelt. Die 57-Jährige blickt auf die kleinen provisorischen Stände: „Parks sind nun mal für die Öffentlichkeit gedacht. Und dieser Park wird auch noch sauber gehalten. Er lebt.“

*Name geändert