Hygiene-Check

"Ekelliste" sorgt für sicheres Essen in Berlin

Ab Juli stellen Berliner Lebensmittelkontrolleure die Ergebnisse ihrer Prüfungen auf eine Internetseite. Es fehlen aber die Restaurants und Imbisse aus Friedrichshain-Kreuzberg.

Schlagzeilen über ekelerregende Zustände in Restaurants und Imbissen haben schon so manchem den Appetit verdorben. Lebensmittelkontrolleure prüfen überall in Berlin, um gegen mangelnde Hygiene vorzugehen. Demnächst können die Ergebnisse ihrer Prüfungen im Internet eingesehen werden. Wo ist die Küche am saubersten, sind die Lebensmittel vorschriftsmäßig gekühlt, wird die Gästetoilette regelmäßig gereinigt? Das lässt sich künftig nachschauen. Ab 1. Juli stellen die Lebensmittelkontrolleure der Berliner Bezirke die Ergebnisse ihrer aktuellen Prüfung in eine Datenbank der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz ein – oder zumindest eine verbraucherfreundliche Kurzversion. www.berlin.de/sicher-essen heißt die neue Adresse.

Nicht gleich am ersten Tag, aber noch im Monat Juli werden Interessierte die ersten aktuellen Einschätzungen der Prüfer auf dieser Seite nachlesen können. Außerdem soll, zum Vergleich für die Nutzer, das Ergebnis der vorherigen Kontrolle sichtbar sein. Nur einer der zwölf Bezirke schert aus. Friedrichshain-Kreuzberg beteilige sich nicht, sagte Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz. Gründe wisse sie nicht. Die beliebte Kneipenszene an Simon-Dach-Straße und Bergmannstraße wird also vorerst nicht in der neuen Datenbank geführt. Der zuständige Stadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) war am Dienstag nicht für Nachfragen erreichbar.

Die übrigen Gaststätten in Wilmersdorf oder Köpenick, Spandau oder Hohenschönhausen, die kontrolliert werden, bekommen Zensuren von eins bis fünf. Untersucht werden der bauliche Zustand des Betriebes, der Reinigungszustand der Küche, die Kühlketten der Lebensmittel. Die Kontrolleure vergeben Strafpunkte für jeden festgestellten Mangel – bis zu 80 Punkte insgesamt. Je mehr, desto schlechter die Zensur. Die Note Eins wird für Null Punkte vergeben, die Note Zwei für einen bis 19 Punkte. Für 20 bis 40 Punkte gibt es eine Drei, für 41 bis 54 eine vier und von 55 bis 80 Punkte eine Fünf. Später soll es auf www.berlin.de/sicher-essen auch eine Karte geben, auf der die Gaststätten mit Namen, Adresse und der Bewertung eingezeichnet sind.

Doch vorerst müssen die interessierten Berliner Geduld haben. „Wir bauen die Datenbank jetzt auf“, sagt Regina Kneiding. „Wir bitten um Verständnis, dass das Schritt für Schritt vor sich geht.“ Berlin gehe als erstes Bundesland den Schritt zu einer stadtweiten Verbraucherinformation über Restauranthygiene im Internet. „Da sind wir vorgeprescht. Wir betreten Neuland.“ Noch werde die Software für die Datenbank getestet. Und noch seien auch die meisten Bezirke nicht mit der notwendigen Hardware ausgestattet. Derzeit notieren die Kontrolleure ihre Ergebnisse beim Vorort-Termin auf einem Zettel und geben sie später im Büro am Computer ein. Nun sollen mobile Geräte mit Touchscreen angeschafft werden, die die Eingabe schon während der Kontrolle ermöglichen. „Wir haben zwölf Geräte bestellt, aber noch nicht geliefert bekommen“, sagt der zuständige Pankower Stadtrat, Jens-Holger Kirchner (Grüne). Der Stückpreis liege bei 1500 Euro. Ein relativ hoher Preis, doch der Stadtrat nennt mehrere Gründe dafür, dass sehr hochwertige Technik angeschafft wird. Die Geräte sollen bis zu sieben Stunden arbeiten können, ohne dass sie während der Lebensmittelkontrollen nachgeladen werden müssen. Die Displays sollen robust sein und auch Küchendämpfe unbeschadet überstehen.

Mehr Zeit für Kontrollen

Kirchner verspricht sich auch einen Zuwachs an Effizienz durch die mobile Technik. Zwischen 30 und 40 Kontrollen führen seine Mitarbeiter am Tag aus. „Zwei bis drei Stunden Bürozeit brauchen sie, um die Ergebnisse am Rechner einzugeben“, sagt der Stadtrat. Zeit, die künftig für mehr Kontrollen in Betrieben zur Verfügung stehen soll. Der Pankower Stadtrat hatte im Frühjahr 2010 die sogenannten Positiv- und Negativlisten für Pankower Lebensmittelbetriebe eingeführt, in Anlehnung an das Smiley-System von Dänemark. Auf der Internetseite des Bezirks sind die Restaurants aufgelistet, die schwere Hygienemängel aufweisen. Fotos illustrieren die Einschätzung.

Wie bei der Pankower Negativliste haben auch bei den künftigen Kontrollergebnissen der berlinweiten neuen Datenbank die Gastwirte ein Einspruchsrecht. „Es gibt eine Anhörungsfrist von zwei Wochen, wenn der Wirt nicht mit der Bewertung einverstanden ist“, sagte Sprecherin Regina Kneiding. Auch seien rechtliche Auseinandersetzungen möglich. In diesen Fällen werden die Ergebnisse der Lebensmittelkontrolle nicht im Netz stehen.

Rund 80 Kontrolleure sind für die zwölf Bezirksämter unterwegs. Ihr Operationsfeld ist groß: Etwa 55.000 Lebensmittelbetriebe sind in der Hauptstadt zugelassen. Doch in die neue Datenbank kommen zunächst nur Gaststätten und Schankwirtschaften – aber noch keine Bäcker oder Fleischer. „Dafür fehlen noch die rechtlichen Voraussetzungen“, sagt Regina Kneidung von der Senatsverwaltung. Das entsprechende Gesetz müsse auf Bundesebene geändert werden.

Deutliche Verbesserungen

Trotz aller Startschwierigkeiten – der Pankower Stadtrat Kirchner ist sicher, dass sich die neue Datenbank positiv auf die Hygiene in den Berliner Restaurants auswirken wird. Schon die Negativliste in seinem Bezirk habe zu deutlichen Veränderungen geführt, so der Stadtrat. Er nennt Zahlen. 2010, als die Liste im Bezirk eingeführt wurde, nahmen seine Mitarbeiter 8800 Kontrollen vor. „5062 Betriebe waren ohne Mängel“, sagt Kirchner. Der Vergleich zum Vorjahr: 2009 gab es in Pankow 8675 Kontrollen in Lebensmittelbetrieben. Nur 3987 fielen ohne größere Beanstandung aus. Eine deutliche Besserung also. „Das muss mit dem Pankower Smiley-System und der öffentlichen Diskussion, die es darum gab, zu tun haben.“

Pankow werde auch zur neuen Datenbank intensiv beisteuern, sagt Kirchner. „Der Verbraucher bekommt endlich Zugriff zu Informationen, auf die er ein Recht hat.“ Einige Rechtsfragen seien aber noch zu klären. „Es wird holprig am Anfang“, prophezeit Kirchner für das neue System. „Unterwegs wird man laufen lernen.“