Privatschule mit Intelligenztest

Berliner Gymnasium fördert hochbegabte Schüler

Das Galileo Gynmasium hat ein Konzept zur Förderung von hochbegabten Schülern entwickelt und kommt damit gut an. Auch Normalbegabte profitieren von dem praxisbezogenen Unterricht.

Foto: Amin Akhtar

Die zehnjährige Ayla kann wieder lachen. Kurz vor den Sommerferien hat sie doch noch eine Schule gefunden, die zu ihr passt. Ab dem nächsten Schuljahr eröffnet in Wilmersdorf das private Galileo-Gymnasium, das mit seinem Profil genau auf die Bedürfnisse des hochbegabten Mädchens abgestimmt ist.

Noch vor einigen Tagen schien die Suche nach einem Schulplatz aussichtslos. Ayla, die die zweite Klasse übersprungen hat, hatte im Losverfahren Pech und wurde an allen drei Wunschschulen abgelehnt. Das Schulamt in Spandau bot ihr eine Sekundarschule, die bis vor einem Jahr noch Hauptschule war, an. Dass die Privatschule in der Schlangenbader Straße 31 nun fast am anderen Ende der Stadt ist, macht ihr nichts. „Hauptsache das Desaster mit den Grundschulen wiederholt sich nicht in den weiterführenden Schulen“, sagt die Mutter Simone Kusio. Fünf Mal hat Ayla die Grundschule wechseln müssen, weil die Lehrer mit ihrer Besonderheit nicht umgehen konnten. Erst an einer reformorientierten Montessori-Schule konnten die Lehrer auf ihre individuellen Fähigkeiten eingehen.

Probleme an staatlichen Schulen

Lehrer Markus Reisch, der das Konzept für die Galileo-Schule maßgeblich entwickelt hat, kennt die Probleme nur zu gut. Der 48-Jährige selbst hat bisher an verschiedenen staatlichen Schulen gearbeitet. „Wer nicht ins System passt, fliegt raus, das musste ich selbst schmerzlich miterleben“, sagt er. Die Klassen seien zu groß, Teilungsunterricht häufig nicht möglich, um im Unterricht wirklich auf die Besonderheiten der Kinder eingehen zu können. Die Fachlehrer seien zudem oft Einzelkämpfer. In zwei Stunden pro Woche könne man die Probleme eines Schülers nicht lösen. Schon die Förderung der Kinder mit Lernschwächen sei schwierig. „Das schwächste Glied sind aber die Hochbegabten, denn die überlasteten Pädagogen meinen oft, die werden schon allein klar kommen“, sagt Reisch.

Bei einigen klappt es auch, andere scheitern und verweigern irgendwann die Schule. Zuletzt hatte Reisch in einem Schulabbrecherprojekt in Brandenburg unterrichtet. „Die Hälfte der jungen Erwachsenen, die hier ihren Abschluss nachholen wollten, waren hochbegabt“, sagt er.

Das Galileo-Gymnasium soll allerdings keine Schule nur für Hochbegabte sein. Die Kinder mit einem IQ von mindestens 130 sollen nicht mehr als ein Drittel in den Klassen ausmachen. Allerdings müssen die Bewerber einen Intelligenztest absolvieren. „Die Bandbreite soll nicht zu groß sein, damit niemand überfordert ist und die Kinder auch untereinander gut zusammenarbeiten können“, sagt der Lehrer.

Aylas Mutter hofft, dass ihre Tochter hier mehr gleichgesinnte Freunde finden wird als an den bisherigen Grundschulen, wo sie immer Einzelgängerin war.

Mit ihr im August starten wird auch der elfjährige Joshua aus Kreuzberg. „Mein Sohn ist begabt aber kein Überflieger“, sagt die Mutter Annette Durau. Sie ist vor allem überzeugt von den kleinen Klassen mit 18 Schülern und von dem reformpädagogischen Ansatz der neuen Schule. Auch Joshua hat an allen drei staatlichen Wunschschulen trotz Gymnasialempfehlung keinen Platz gefunden. „Über eine Bekannte haben wir dann von der Neugründung erfahren“, sagt sie. Bisher habe Joshua nicht viel Spaß an der Schule gehabt. „Ich glaube einfach, dass die Kinder durch den Praxisbezug viel eher zu begeistern sind“, sagt Annette Durau.

Während die öffentlichen Gymnasien eher als reformresistent gelten, will die Galileo-Schule neue Wege gehen. In den Klassen sollen ähnlich wie in der Schulanfangsphase zwei Jahrgänge gemischt werden, so dass auch das Überspringen einer Klassenstufe kein Problem ist. Die Schüler arbeiten nicht täglich einen Stundenplan ab, sondern haben jeden Tag ein Schwerpunktthema wie beispielsweise Naturwissenschaften, wo sie in fächerübergreifenden Projekten lernen. „Das Thema Brüche in Mathematik kann man zum Beispiel sehr gut mit Experimenten im Fach Chemie verbinden.

Dadurch wird vielen Schülern der Sinn der Bruchrechnung viel eher klar“, sagt Markus Reisch. Es gebe Schüler, die mit dem klassischen Unterricht nichts anfangen können, die die bildliche Vorstellung brauchen. So würden sich die Inhalte auch viel nachhaltiger einprägen. Zum Konzept der Schule gehört deshalb auch die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Die Schüler sollen von Praktikern lernen, die in die Schule kommen und selbst in Betriebe gehen. „Natürlich gibt es auch Tests und ein ganz normales Zeugnis aber wir wollen keine Eliteschule sein, die die Schüler auf Eins trimmen“, sagt Reisch. Hochbegabte seien nicht automatisch Hochleister. Wichtig sei die Freude am Lernen zu erhalten.

Stipendium statt Schulgeld

Erst vor wenigen Tagen hat die Senatsbildungsverwaltung das besondere Konzept der Schule abgesegnet. Wo sonst die Mühlen der Verwaltung oft sehr langsam malen, ging in diesem Fall alles in wenigen Wochen über die Bühne. Allerdings werden auch dringend Plätze für Siebtklässler gebraucht, denn zum nächsten Schuljahr wechselt durch die vorgezogene Einschulung vor sechs Jahren ein stärkerer Jahrgang an die weiterführenden Schulen. In einigen Bezirken reichten die Plätze an den staatlichen Schulen nicht aus, so dass Schülern – wie berichtet – Schulen angeboten wurden mit bis zu einer Stunde Fahrtweg. Doch nicht nur der Fahrtweg kommt für viele Eltern nicht in Frage, häufig sind auch die angebotenen weniger nachgefragten Schulen nicht akzeptabel.

Am Galileo-Gymnasium müssen die Eltern abhängig von ihrem Einkommen zwischen 100 und 480 Euro im Monat zahlen. Nach drei Jahren erhält die Schule Zuschüsse vom Land. Für viele Neugründungen ist das eine große Hürde. „Das Schulgeld deckt die Kosten nicht, wir finanzieren die ersten Jahre über einen Kredit“, sagt Geschäftsführer Hartmut Fischer. Begabte Schüler, insbesondere mit Migrationshintergrund, deren Eltern kein Schulgeld zahlen können, haben die Möglichkeit, sich bis zum 30. Juni um ein Stipendium zu bewerben.