Bundespolizei in Schönefeld

Die Leibwächter des Hauptstadtflughafens

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Michael Behrendt

Foto: Glanze

Knapp ein Jahr vor Öffnung des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld können Besucher am Sonntag das fast fertige Terminal besichtigen. Die Bundespolizei bereitet sich schon länger auf ihren Einsatz am künftigen Großflughafen BER vor.

Er würde stundenlang vor dem roten Koffer sitzen bleiben. Egal, ob neben ihm eine Katze vorbeispazierte oder jemand mit einer Packung Frolic klappert. Packo hat gerade mit seiner Nase Sprengstoff in dem roten Koffer erschnüffelt und so vielleicht Dutzenden Menschen das Leben gerettet. Erst wenn Herrchen Sven H. von der Bundespolizei ein spezielles akustisches Zeichen gibt, wird sich das Tier aus der Starre erheben und nach seinem Spielzeug verlangen.

Es ist nur eine Übung auf dem Flughafen Schönefeld. Packo weiß nicht, dass er und seine Kollegen bald noch intensiver zum Einsatz kommen werden, wenn wie geplant im Juni 2012 der Großflughafen Berlin Brandenburg BER eröffnet wird. 700 Maschinen, so die Schätzungen, werden dann pro Tag landen und abheben. 700 Mal potenzielle Gefahr für Passagiere, Passanten, Flughafenbedienstete. Die Bundespolizei bereitet sich seit geraumer Zeit auf die neuen Aufgaben vor. Die Berliner Morgenpost durfte vorab Einblick in den Aufbau des Sicherheitskonzepts nehmen.

Zehn Kilometer Gepäckbänder

„Man muss sich vorstellen, dass so etwas wie eine neue Stadt entsteht“, berichtet Polizeidirektor Horst Lang, Leiter der Projektgruppe Sicherheit der Bundespolizei für den neuen Flughafen und gleichzeitig Polizeichef für die bisherigen Airports Tegel und Schönefeld. „Ziel muss es sein, trotz des großen Personenaufkommens rund um die Uhr für die Sicherheit der Menschen zu sorgen.“ Die Palette der Aufgaben ist groß. Gegen illegal Einreisende muss ebenso vorgegangen werden wie gegen Taschendiebe in den geplanten rund 150 Geschäften. Es gilt, alle Koffer auf versteckte Waffen zu untersuchen, auf Sprengstoffe und auf Drogen, wenngleich dafür der Zoll zuständig ist.

Obwohl sich auf der Baustelle des neuen Terminals noch unzählige Handwerker die Werkzeuge in die Hand geben und Kräne Lasten von einem Ort zum anderen hieven, werden im Innern bereits Probeläufe mit den Laufbändern für die Gepäckstücke durchgeführt. Insgesamt zehn Kilometer dieses Transportsystems sind gebaut worden, 21 Röntgengeräte werden die Koffer und Taschen durchleuchten, um Anschläge zu verhindern oder die Mitnahme von Waffen. „Wir nehmen die Ängste der Menschen sehr ernst“, berichtet Horst Lang. „Es muss aber auch klar benannt werden, dass der neue Flughafen ein potenzielles Ziel von Terroristen sein könnte. Ein spezielles Augenmerk legen wir deswegen auf die sogenannte High-Risk-Abfertigung von Fluglinien besonders gefährdeter Länder wie Israel.“

Der betriebene Aufwand ist ebenso groß wie nötig. Das gilt schon heute. Auf die Minute genau wird am Flughafen Schönefeld die Landung der israelischen El Al-Maschine avisiert. Zu diesem Zeitpunkt sichern auch bereits Sicherheitsleute der Fluglinie den späteren Standort der Maschine. Zeitgleich bestreifen Bundespolizisten zu Pferde die Umgebung des Flughafens, die Länderpolizei hat Funkstreifenbesatzungen im Einsatz. Ein Hubschrauber beobachtet die Umgebung aus der Luft, am Boden fährt ein Panzerwagen auf die Rollbahn, um die Maschine bis zur Endposition zu begleiten, um dann zu wenden und mit dem Bordgeschütz in Richtung der Runway zu sichern, während schwer bewaffnete Bundespolizisten am Boden das Gelände rund um die Besuchertribüne absichern. „Bislang haben wir eine bis drei Abfertigungen dieser Art pro Tag, am neuen Großflughafen könnte sich das gar verdoppeln“, so Bundespolizeisprecher Olaf Wiese. Die Kosten für den zusätzlichen Aufwand übernehme El Al, man arbeite sehr gut zusammen.

Das neue Dienstgebäude der Sicherheitsbehörden wird eine Gesamtfläche von etwa 10000 Quadratmetern haben, von denen 5500 für die Bundespolizei und ihre mehr als 700 Beamten vorgesehen sind. Den Rest teilen sich die Bundeszollverwaltung und die Flughafensicherheit. Mit modernster Technik ausgestattet soll diese Dienststelle durch kurze Informationswege zu den Sicherheitsdienstleistern, der unmittelbaren Nähe zum Luftsicherheitsbereich und der engen Einbindung in die Flughafenprozesse die Voraussetzungen zur Bewältigung jeglicher Einsatzlagen bieten. Neben der Dienststellen- und Einsatzleitung, den Organisationsbereichen und der Verwaltung der Bundespolizeiinspektion werden auch Spezialkräfte wie die Sprengstoffspürhunde und auch die Entschärfergruppe dort ihren Arbeitsplatz erhalten. Denn weil in Zeiten des internationalen Terrorismus gerade mit Sprengstoffanschlägen gerechnet werden muss, ist die für Berlin und Brandenburg zuständige Einheit bereits jetzt am Flughafen Schönefeld stationiert und wird später auch ihren festen Platz in dem neuen Dienstgebäude unweit der neues Hauptterminals haben. „Wir werden gerufen, wenn die Sprengstoffhunde an einem Gepäckstück anschlagen oder beispielsweise ein herrenloses Gepäckstück in einer Toilette entdeckt wird, das irgendwie verdächtig erscheint“, so Reik O., Chef der Einheit. Mit Spezial-Equipment und in kiloschweren Schutzanzügen ist es dann der Job der Truppe, die Gegenstände auf ihre Gefährlichkeit hin zu testen und notfalls auch vor Ort zu entschärfen. Ebenso wie diese Spezialisten werden auch Urkundenexperten der Bundespolizeiinspektion „Kriminalitätsbekämpfung“ ihren Sitz in dem neuen Gebäude haben. Die Nähe zum Terminal soll kurze Reaktionszeiten gewährleisten.

Ortswechsel. In einer Baracke auf dem Flughafengelände wird geschwitzt und gekämpft. Die Polizeitrainer Jan P. (33) und Steve Z. (34) sind beim Sparring. Mit Boxhandschuhen und ohne Schuhe gehen sie mit Schlägen und Tritten aufeinander los, und das Pflaster über dem immer noch leicht geschwollenen Auge von Steve Z. zeigt, dass es hier hart zu Sache geht. Diese Polizeitrainer, insgesamt fünf sind derzeit in Schönefeld tätig, sind für die ständige Fortbildung der eingesetzten Beamten nur am Flughafen zuständig. „Kampfsport, Schießen und Rechtskunde stehen auf dem Programm“, sagt Steve und duckt sich unter einem Schwinger weg. „Wir gehen regelmäßig mit den Kollegen auf den Schießplatz. Dabei werden pro Beamten bis zu 50 Patronen ausgegeben. Es nützt niemanden, wenn man eine gut ausgerüstete Einheit ohne ausreichendes Training unterhält.“ Aber auch Techniken, sich wirksam ohne Waffen verteidigen zu können, stehen auf dem Fortbildungsprogramm. Ein Mix aus Jui Juitsu, Boxen und Kickboxen hat sich etabliert, ausgebildet wird aber auch am Stock und Schild. „Wichtig für jeden Beamten ist bei der Annäherung an einen Verdächtigen die Distanz zum Gegenüber. Man muss sich zunächst ein Bild darüber machen können, in welcher Hinsicht dieses Gegenüber eine Gefahr für sich selbst und andere darstellen könnte.“ Ebenfalls ein wichtiger Unterrichtspunkt ist neben verschiedenen Festnahmetechniken das richtige Verhalten bei Amoklagen. „Leider nehmen diese Fälle auch in Deutschland zu“, so Jan P. Es könne seiner Meinung nach nicht ausgeschlossen werden, dass eine solche Lage irgendwann einmal auch die Bundespolizei auf dem neuen Flughafen beschäftigen könnte. Jeder Beamte wird einmal im Jahr auf seine körperliche Leistungsfähigkeit getestet. Dabei gilt es, in zwölf Minuten soweit wie möglich zu kommen, die nötigen Ziele richten sich nach dem Alter des Polizisten. Junge Kerle wie Jan und Steve müssen knapp 2500 Meter schaffen, sonst drohen Konsequenzen.

„Wir sind die ersten“

Die Polizeitrainer bilden auch die sogenannten „Erstsprecher“ aus. „Egal, was auf dem Flughafen geschehen sollte, wir sind die ersten Beamten, die mit den Situationen konfrontiert sein werden. Sollte ein Geiselnehmer am Boden in einem Flugzeug Forderungen stellen, können wir mit ihm verhandeln, bis das Berliner oder Brandenburger Spezialeinsatzkommando angerückt ist und die Aufgabe übernimmt.“ Auch aus diesem Grund ist Horst Lang froh über die gute Zusammenarbeit mit der Länderpolizei. „Wir stehen im ständigen Informationsaustausch mit den zuständigen Stellen. Bei einem so sensiblen Bereich wie einem Großflughafen ist ein Hand-in-Hand-Agieren dringend notwendig.“ Die große Aufgabe für die kommenden Monate sei laut Olaf Wiese, Sprecher der Bundespolizei, weniger das polizeiliche Agieren als das völlig neue Betätigungsfeld. „Die polizeiliche Arbeit ist an und für sich ja klar. „Wir müssen die Kollegen in die neuen Örtlichkeiten einweisen und sie dort die Prozesse abarbeiten lassen. Deshalb wird es von Ende des Jahres an bis zur Eröffnung des Flughafens im Juni 2012 einen Probelauf geben.“

Erneuter Ortswechsel. Jan P. Steve Z. und Polizeitrainerkollege Jens H. (27) haben die Karatehose gegen die Einsatzausrüstung getauscht. Mit Schutzweste, Schlagstock und Maschinenpistole gehen sie die große Baustelle ab und beobachten das Treiben der Bauarbeiter. „Hier werden die Finger entstehen, durch die die Passagiere die Maschinen verlassen werden“ sagt Jan P. und zeigt auf die Glasbauten. „Und das wird auch unser Einsatzgebiet sein.“ Der Beamte schaut sich um. „Ein ganz schön großes Areal“, sagt er. „Und wenn hier erst einmal Flugzeuge, Tankwagen und Menschen herumwuseln, wird es ganz schön unübersichtlich. Aber wir sind dafür ausgebildet worden, den Überblick zu bewahren.“

Am Sonntag können Besucher das fast fertige Terminal besichtigen. Seit 9 Uhr sind sie dort zum „Fest für die ganze Familie“ mit Unterhaltungsprogramm und kostenlosen Rundgängen eingeladen. Das Fest dauert bis 18 Uhr.