Gastbeitrag

Buschkowsky will Denkmal für Richterin Heisig

Ein Jahr nach dem Selbstmord von Kirsten Heisig fordert Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky ein Denkmal für die engagierte und mutige Jugendrichterin. Bei Morgenpost Online schreibt er, warum.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Es gibt sie noch: die rote Blechdose mit dem Elch darauf. Sie steht bei uns zu Hause in der Küche und erinnert meine Frau und mich an Kirsten Heisig. An Deutschlands berühmteste und wohl auch tragischste Amtsrichterin.

Es war ein Abend im Advent 2008. Wir waren zum Essen verabredet, und Kirsten Heisig hatte Kipferl gebacken, die sie uns in der Elchdose mitbrachte. Eine Dose und Kipferl – eigentlich belanglose Dinge. Sind sie aber das einzige Gebliebene von einem Menschen, der einem viel gegeben hat, dann wird auch eine Keksdose zur Ikone.

Am 28. Juni des vergangenen Jahres verschwand Kirsten Heisig von unseren Displays. Nur bei ihren Töchtern hatte sie sich mit einer SMS abgemeldet. Wir anderen mussten fünf lange Tage auf die furchtbare Gewissheit warten. Sie war aus dem Leben geschieden.

Um ihren Tod ranken sich bis heute noch wilde Spekulationen, wie sie bereits sofort nach ihrem Verschwinden ins Kraut schossen. Das war auch nicht verwunderlich. Selbst meine eigenen allerersten Gedanken gingen in die Richtung eines Fremdverschuldens. Hatte sie sich doch immer wieder öffentlich mit bekannten Großfamilien und der organisierten Kriminalität angelegt. Aber ich denke, der Suizid wird inzwischen nicht mehr wirklich in Zweifel gezogen. Dankenswerterweise haben Veröffentlichungen der Staatsanwaltschaft aus den Ermittlungsakten viel zur Beruhigung beigetragen.

Natürlich bleiben Fragen. Wieso laufen Hunderte von Polizeibeamten mehrfach an ihr vorbei, obwohl sie doch so dicht bei ihrem Auto am Waldesrand zu finden gewesen wäre? Wieso konnten speziell ausgebildete Hunde sie mehrere Tage lang nicht wahrnehmen, obwohl der Geruch sehr intensiv gewesen sein muss? Ihr Tod wird wie der von John F. Kennedy und Uwe Barschel immer mit einem gehörigen Schuss Mystik verbunden bleiben. Zu Lebzeiten hätte sie das sicher nicht gewollt. Ungewissheiten und eingefärbte Brillen waren nicht ihr Ding. Sie war immer eine Frau der klaren Worte und der ungeschminkten Wahrheiten.

Kirsten Heisig war eine ganz ungewöhnliche Person. Im Jahr 1961 geboren, verlebte sie ihre Kindheit in Krefeld und Berlin. Nach dem Abitur studierte sie an der Freien Universität Jura und war nach einem Berufsanfang bei der Staatsanwaltschaft ab 1993 Jugendrichterin in Deutschlands größtem Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Es waren wohl die 14-täglichen Besuche der Heimspiele von Borussia Mönchengladbach mit ihrem Vater, die dafür sorgten, dass sie auch im Erwachsenenalter nie die Nähe zum "richtigen Leben" verlor. "Ich bin auf dem Bökelberg geerdet worden" war hierzu ihre Erklärung. Ihre Borussia, das Stadion und die Fußballfans: Betätigte jemand diesen "Ein"-Schalter, dann leuchteten ihre Augen, und sie war nicht zu bremsen. Ihre beiden Töchter, der Fußball und der Hass auf jede Form von Gewalt, das waren die prägenden Elemente ihres Lebens, das waren ihre Triebfedern. So habe ich Kirsten Heisig kennen- und schätzen gelernt.

Ich erinnere mich gut an eine Episode in London. Wir waren an die Themse gereist, um uns den Umgang mit Einwanderungsproblemen und Gewaltkriminalität junger Menschen in der britischen Hauptstadt anzusehen. Der damalige britische Botschafter in Berlin, Sir Michael Arthur, hatte uns ein exquisites Programm mit hochrangigen Londoner Repräsentanten zusammengestellt. So befand sich eine kleine Reisegruppe von sieben Personen zur Zeit der Fußball-Europameisterschaft bei Spielen der deutschen Mannschaft sozusagen im gegnerischen Spielfeld. Klar war, dass alle Termine so justiert werden mussten, dass sie nie dem Public Viewing der Spiele der deutschen Mannschaft im Wege standen. An einem Abend schafften wir es nicht mehr zurück ins Hotel. Dort, wo wir gerade waren, musste ein Pub her. Es erfordert nur wenig Vorstellungskraft: Eine drahtige deutsche Frau stürmt in einen Londoner Pub, macht allen Gästen klar, dass der Fernseher auf deutsche Fußballübertragung umgestellt werden muss, arrangiert Tische und Stühle für die deutsche Reisegruppe unter Fortscheuchen der Stammgäste vor dem Gerät und bestellt sich anschließend sitzend einen halben Liter Ale. Sie wurde dann ein liebenswerter Verbal-Hooligan, wenn die deutschen Spieler nicht das beherzigten, was sie ihnen via Fernseher an Anweisungen zurief. Während des Spiels war ihre normale Kommunikationsfähigkeit im Stand-by.

Ich habe die Fußballepisode etwas ausgebreitet, um ein Bild des Temperaments dieser Frau zu zeichnen. Sie war nicht nur engagiert, voller Elan, begeisterungsfähig oder wie immer diese Begriffe im Allgemeinen als Attribut gesetzt werden. Nein, sie war Energie pur. Ein Mensch ohne Ausschalter. Dinge, die sie bewegten oder die sie bewegen wollte, verfolgte sie mit einer unglaublichen Konsequenz und Hartnäckigkeit. Sie verglich sich dann mit dem Terrier an der Wade. "Unterirdisch" nannte sie alles, gegen das sie ankämpfte.

Als ich Kirsten Heisig einmal nach der Motivation für ihr Engagement befragte, antwortete sie schlicht, Dankbarkeit. Ihre Kindheit und Jugend verlief nicht geradlinig. Dennoch erreichte sie ihr Lebensziel, Richterin zu werden. Ihr war dabei sehr bewusst, dass sie diesen Erfolg nicht nur ihrer eigenen Leistungsfähigkeit und ihrem Fleiß zu verdanken hatte. Sie sortierte den Anteil der Gesellschaft an ihrem persönlichen Werdegang durchaus zurückgenommen und passgerecht. Ihr Resümee war, dass denjenigen, die an der Gesellschaft partizipiert haben, auch die Pflicht obliegt, etwas zurückzugeben.

"Wir dürfen nicht wegsehen"

"Menschen wie wir, die wir über mehr Bildung und Weitblick verfügen als andere, tragen doch Verantwortung für das Ganze, aber auch für Einzelne. Wir dürfen nicht einfach wegsehen und uns abducken. Die Justiz darf sich nicht dahinter verstecken, dass sie letztlich nur ein Urteil zu fällen hat über Dinge, die bereits geschehen sind." Sie lehnte diese Einengung für sich persönlich völlig ab. Für sie hatte die Justiz auch einen präventiven Gestaltungsauftrag. Sie hatte den Ehrgeiz, mit ihrer Arbeit einzugreifen in scheinbar naturgesetzlich festgefügte Lebensläufe und Verbrechenskarrieren. "Wir Richter haben es gerade bei jungen Menschen in der Hand, ob wir es zulassen, dass sie so werden wie ihre Väter oder großen Brüder."

Sie redete nicht nur so, sie handelte auch. Wenn sie mittags die Robe auszog, dann tauchte sie ein in das reale Leben ihres Lieblingsbezirks. Die Neuköllner Fachwelt lernte sie sehr schnell kennen und schätzen. Ob sie beriet, diskutierte oder fortbildete, Kirsten Heisig war omnipotent und allgegenwärtig. Doch viel wichtiger war ihre Erscheinung als Vorbild. Ein Beispiel, an dem sich all jene aufrichteten, die an der Brutalität des Alltags zu verzagen oder zu zerbrechen drohten. Sie war Inspiration und Adrenalin. Schaut her, es geht, war ihre Botschaft. Es war die Botschaft einer Frau mit sichtbar wenig Muskelkraft, aber doch unerschöpflicher Stärke. Dass dies mit der Unerschöpflichkeit so wohl doch nicht war, haben wir vor einem Jahr bitter erfahren müssen.

Die wahre Wurzel des Mythos Kirsten Heisig lag in ihrer Fähigkeit, Menschen Kraft zu geben. Und dies nicht nur den gesellschaftlichen Reparateuren, sondern auch ihren Sorgenkindern. Nicht wenige Aussteiger berufen sich heute in ihrer Vita auf sie. "Wenn Kirsten Heisig nicht gewesen wäre und wenn sie mir nicht die Rote Karte gezeigt hätte, dann wäre ich heute wohl ein Krimineller mit einem verlorenen Leben." Es gibt ihn wirklich, diesen Mythos Kirsten Heisig. Ich begegne ihm immer wieder, nicht nur in Neukölln, sondern bei all meinen Reisen durch Deutschland. Eine Diskussion braucht für gewöhnlich nicht allzu lange, bis ihr Name fällt. Zitiert wird sie als Hoffnungsträger für eine Veränderung von aus dem Ruder gelaufenen Verhältnissen.

Geblieben sind ein Buch und das sogenannte Neuköllner Modell. Geblieben ist aber auch eine unzählige Fangemeinde, wie sie halt zu jedem guten Fußballclub gehört. Das Neuköllner Modell ist heute in Berlin Standard in der Jugendgerichtsbarkeit. Aber auch anderswo greift es Raum. Die beschleunigten Verfahren, wie sie formal richtig heißen, hat Kirsten Heisig nicht erfunden. Die gab es schon. Aber sie wurden kaum routinemäßig angewendet. Dabei ist die Grundüberlegung doch so simpel. Wir müssen seine kriminelle Karriere, wir müssen den Gewalttäter stoppen, bevor er zum Intensivtäter wird. Das geht nur am Anfang. Das funktioniert nicht mit einem System, bei dem die Konsequenz für eine Tat zwölf Monate folgt. Zwischen Tat und Urteil dürfen maximal sechs Wochen vergehen, so das Ziel. Das klappt aber nur, wenn die Ersten, die den Fall in der Hand haben, auch erkennen, dass die Voraussetzungen für das beschleunigte Verfahren vorliegen. Hierfür müssen Polizeibeamte sensibilisiert und fortgebildet werden.

Kirsten Heisig wünschte sich immer die Wiedereinführung des Jugendsachbearbeiters in den Berliner Polizeiabschnitten. Der Wunsch passte und passt allerdings nicht in die Ideologie unserer Polizei und blieb deshalb unerfüllt. Es erfordert ferner eine Staatsanwaltschaft, die genauso beschleunigt arbeitet wie die Polizei. Die Anregung, Richter und Staatsanwälte vor Ort anzusiedeln, um das Geschehen für die Klientel sichtbar und damit gegenwärtiger zu machen, hatte sie sich auf einer gemeinsamen Reise nach Rotterdam geholt. Auch an diesem Punkt konnte sie sich nicht durchsetzen. Das Beharrungsvermögen, oder sagt man besser die Bequemlichkeit, von Behörden erfordert das Bohren dicker Bretter. Die dritte Hürde sind die Jugendrichter selbst. Auch sie müssen bereit sein, den beschleunigten Verfahren Vorrang einzuräumen. Es ist bei Weitem nicht so, dass Kirsten Heisig in ihrer eigenen Berufssparte alle Herzen zugeflogen sind. Sie fühlte sich hin und wieder schon recht einsam. So manches Telefongespräch zwischen uns hatte auch stabilisierende Elemente.

Insbesondere die Vorwürfe ihrer angeblichen Egozentrik sind ihr unter die Haut gegangen. Von außen war das kaum zu erkennen. Ich selbst war einmal zugegen, als sie von einem Jugendrichterkollegen vor versammelter Mannschaft hochrangiger Vertreter anderer Behörden niedergemacht und diskreditiert wurde. Als unnötig und sowieso schon zum Standard gehörend, wurden ihre Vorstöße zur Veränderung der Praxis in Jugendgerichtsverfahren disqualifiziert. Regungslos und scheinbar gelassen nahm sie diese Ausführungen hin. Hinterher brach es aus ihr aber dann doch heraus, dass sie ihrem Kollegen am liebsten eine geklebt hätte. Das war so ein Fall von "unterirdisch". Angesichts solcher Erlebnisse habe ich Kullertränen nach ihrem Ableben als scheinheilig empfunden.

Kirsten Heisig belegte den größten Saal im Neuköllner Rathaus, um arabischen und türkischen Eltern ganz nahe zu sein. Ihnen zu erklären, was in einer zivilisierten demokratischen Gesellschaft geht und was nicht. Und warum sie ihre Kinder auch einsperren muss. Sie nahm dafür böse Blicke oder auch Beschimpfungen in Kauf. Allerdings waren ein dankbarer Händedruck oder schnell zugeflüsterte Sätze einer Mutter am Ende dieser Veranstaltungen der Lohn, der sie entschädigte.

Kirsten Heisig verstand zu differenzieren. Sie besuchte die Organisationen der Einwanderer, sie ging in die Frauenebenen der Moscheen beim Freitagsgebet, sie besuchte Schulen und kontrollierte Schulweisungen. Sie scheute auch nicht vor Haftbefehlen zum Eintreiben von Bußgeld wegen Schulschwänzens zurück. Das, was sie tat, verfehlte seine Wirkung nicht, aber es brachte ihr auch den Titel Richterin Gnadenlos ein. Sie wusste, dass man sie so nannte, und lachte darüber. Weil es eben nicht stimmte.

Einsatz zugunsten der Schwachen

Kirsten Heisig hasste Ignoranz und Gleichgültigkeit. Aber richtig zur Furie wurde sie, wenn Gewalttäter noch im Gerichtssaal Hohn und Spott über ihre Opfer auskübelten. Wenn in der Verhandlung deutlich wurde, dass die Opfer infolge von Einschüchterung unter Amnesie litten und sich an nichts mehr erinnern konnten. Wenn ihnen die besten und teuersten Anwälte der Stadt als Vertreter der angeblich völlig verarmten Familie den Schneid abkauften, dann konnte sie sehr parteiisch zugunsten der Schwachen werden. Dann griff sie schon einmal zum Formular für den Haftbefehl oder im Regal des Strafmaßes eine Stufe höher.

Ein Jahr nach ihrem Tod tritt natürlich eine gewisse Verklärung ein. Aber das schadet nichts. Kirsten Heisig hat es verdient. Sie hat Dinge getan und uns Einsichten vermittelt, die vielleicht nicht neu waren, aber einer Persönlichkeit bedurften, die uns wachrüttelt. Ich selbst habe einen gehörigen Teil Inspiration verloren. Das Werk von Kirsten Heisig ist nicht mit ihr von uns gegangen. Weder in Neukölln noch in Deutschland. Irgendwann, wenn auch die Vorschriften nichts dagegen haben, sollte man dieser außergewöhnlichen Person ein kleines Denkmal setzen. Und sei es nur das Namensschild für einen Platz oder eine Straße.

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