Klinikskandal

Patienten sollen Abrechnung besser kontrollieren

Die Berliner Verbraucherzentrale fordert Patienten zu mehr Kontrolle bei Arztbesuchen auf. Bisher ließen sich gerade einmal zwei Prozent der gesetzlich Versicherten eine Quittung über die Behandlung ausstellen.

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Am Dienstag wurde bekannt, dass gegen 14 Berliner Mitarbeiter des Helios-Konzerns wegen Abrechnungsbetruges ermittelt wird. Es ist der zweite große Skandal bei Berliner Krankenhäusern, denn erst vor einem Jahr gerieten die DRK-Kliniken wegen solcher Vergehen in die Schlagzeilen. Politiker, Krankenkassen und Patientenvertreter fordern schärfere Kontrollen. Derzeit wird über eine Strukturreform an Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren diskutiert. Ina Brzoska sprach mit der Rechtsanwältin Dörte Elß von der Berliner Verbraucherzentrale und fragte, welchen Beitrag Patienten leisten können.

Morgenpost Online: Patienten bekommen oft nicht mit, welche Leistungen Ärzte bei der Kasse abrechnen. Warum ist das System so undurchsichtig?

Dörte Elß: Gesetzlich versicherte Patienten haben mit der Abrechnung nichts zu tun. Die meisten begnügen sich damit, ihren monatlichen Beitrag an die Krankenkasse zu zahlen. Vor der Behandlung geben wir dann eine Chipkarte ab und müssen nur die gesetzlichen Zuzahlungen leisten. Insofern sind die Abrechnungsvorgänge für Außenstehende tatsächlich wenig transparent.

Morgenpost Online: Warum sollten wir trotzdem genauer hinschauen?

Dörte Elß: Wir alle finanzieren das Gesundheitssystem. Wenn Ärzte nicht sorgfältig abrechnen, zahlen die Versicherten am Ende drauf. Der Abrechnungsbetrug bei den DRK-Kliniken und jetzt offenbar bei Helios zeigt, dass da mehr im Argen liegt, als gedacht. Auch Patienten sollten künftig genauer hinschauen, denn sie sind an der Behandlung direkt beteiligt.

Morgenpost Online: Wie können Patienten Kontrolle ausüben?

Dörte Elß: Seit 2004 ist es gesetzlich geregelt, dass jeder Arzt auf Wunsch eine Patientenquittung ausstellen muss. Die können Patienten auch im Nachhinein und für das ganze Quartal anfordern. Solche Quittungen zeigen, welche Leistung der behandelnde Arzt erbracht hat und wie teuer sie war.

Morgenpost Online: Wie viele Kassenpatienten machen so etwas?

Dörte Elß: Im vergangenen Jahr hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine Umfrage gestartet, ob Patienten auf dieses Recht zurückgreifen. Dabei kam heraus, dass gerade einmal 20 Prozent der Patienten diese Regelung überhaupt kennen und dass nur zwei Prozent schon mal eine Quittung angefordert haben. Wir sollten uns die Behandlung quittieren lassen, dann merken Ärzte, dass jemand „zuschaut“.

Morgenpost Online: Warum fragen so viele Patienten nicht nach?

Dörte Elß: In erster Linie geht man zum Arzt, weil man gut behandelt oder therapiert werden möchte. Dann fördert dieses Chipkartensystem auch eine gewisse Bequemlichkeit. Hinzu kommt, dass Mediziner ein hohes Ansehen genießen, sie sind für viele Patienten Respektspersonen. Nach einer Quittung zu fragen würde Misstrauen signalisieren. Das trauen sich viele nicht.

Morgenpost Online: Sind Privatversicherte kritischer?

Dörte Elß: Bei Privatpatienten ist das Kostenbewusstsein tatsächlich stärker ausgeprägt. Sie erhalten eine Rechnung, auf der alle Leistungen aufgelistet sind, sie müssen das Geld ja vorstrecken und bekommen es von der Kasse zurück. Wir beobachten aber, dass das Kostenbewusstsein bei den Verbrauchern steigt. Solche Klinikskandale schüren das Misstrauen natürlich. Auch die höheren Belastungen für Versicherte durch Zuzahlungen oder durch Zusatzbeiträge sorgen für mehr Aufmerksamkeit.

Morgenpost Online: Derzeit stehen die Medizinischen Versorgungszentren am Pranger, was können Patienten da beachten?

Dörte Elß: Bei Helios sollen Chefärzte offenbar Leistungen abgerechnet haben, die sie selbst nicht ausgeführt haben. Wir sollten uns ruhig trauen, nach dem Namen des Arztes zu fragen. So lässt sich im Nachhinein nachvollziehen, wer die Behandlung durchgeführt hat und ob da ein Chefarzt vorgibt, eine Leistung erbracht zu haben, die in Wirklichkeit aber ein Assistenzarzt ausgeführt hat.