Sicherheit

Stresstest für Berliner Forschungsreaktor

Gute Nachrichten für die Bewohner von Wannsee. Der Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums wird auf Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses ausführlichen Sicherheitsprüfungen unterzogen und damit zunächst stillgelegt.

Es ist eine gute Nachricht für alle Bewohner von Wannsee und die dort lebenden Gegner der geplanten Flugrouten zum Großflughafen BER in Schönefeld. Der Forschungsreaktor in Wannsee wird einer ausführlichen Sicherheitsprüfung unterzogen. Der Reaktor soll den Betrieb erst wieder aufnehmen, wenn der Stresstest abgeschlossen ist. Da der Forschungsbetrieb wegen Umbauarbeiten derzeit stillsteht, kann mit den Tests schnell begonnen werden.

Die Ausweitung des Moratoriums auf den Forschungsreaktor geht aus einem Antrag der rot-roten Koalition hervor, der am Dienstag mit den Stimmen der Fraktionen von Grünen und FDP verabschiedet worden ist. Die CDU-Abgeordneten enthielten sich. Am Donnerstag wird der Antrag beschlossen. „Wir wollen eine ergebnisoffene Prüfung“, sagt der wissenschaftspolitische Sprecher der SPD, Daniel Buchholz. Ein Moratorium, also eine kurzfristige Entziehung der Betriebserlaubnis, sei erforderlich, um das Verfahren für die Öffentlichkeit transparent zu gestalten. Sonst könne es zu Überschneidungen zwischen Testläufen und Realbedingungen kommen.

Im Stresstest werden nach Angaben der Umweltverwaltung bisher nicht beachtete Risiken mit einbezogen. „Im Test wird beispielsweise die Frage gestellt, wer sich um den Reaktor kümmert, wenn eine Naturkatastrophe und eine Epidemie gleichzeitig passieren“, erklärt Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsumweltverwaltung.

Audio: Wissenschaftlerin erklärt die Neutronen-Forschung:

Dem Antrag auf ein Moratorium stehen nicht, wie üblich, die Oppositionsparteien skeptisch gegenüber. Diesmal kam die Kritik vom SPD-Koalitionspartner. Der Entzug der Betriebsgenehmigung für den Wannseereaktor würde die laufenden Sicherheitsüberprüfungen konterkarieren, kritisiert der wissenschaftspolitische Sprecher der Berliner Links-Fraktion, Wolfgang Albers. „Alle drei Wochen wird der Reaktor mehrere Tage lang gewartet.“ Dass dabei Sicherheitsmängel übersehen worden sind, hält Albers für unwahrscheinlich. „Eine vollständige Überprüfung ist nicht notwendig, und zudem gibt es keine rechtliche Grundlage dafür.“ Zugestimmt haben die Linken dem Antrag im Parlament nur, weil man nach Fukushima testen solle, ob bisher nicht bedachte Risiken bestehen. Dennoch will Albers nicht, dass der Reaktor wegen der Sonderprüfung stillsteht. „Schließlich geht es auch um 800 Arbeitsplätze am Standort.“

Das Moratorium begründe sich nicht auf einem Verdacht an sicherheitstechnischern Mängeln, sagt die wissenschaftspolitische Sprecherin der Berliner Grünen, Anja Schillhaneck. Es sei eine politische Entscheidung zum Schutze der Wannseer. „Die Anwohner sind verunsichert und sie haben Angst.“ Die Grünen-Politikerin will deshalb die Öffentlichkeit möglichst umfangreich über den Stresstest informieren.

Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) plant, bereits im Juli einen Zwischenstand veröffentlichen. Haben die beauftragten, unabhängigen Gutachter vom Tüv Rheinland keine zusätzlichen Sicherheitsrisiken feststellen können, darf der Wannseereaktor den Betrieb planmäßig wieder aufnehmen.

Noch sind die Arbeiten im Reaktor für die Wissenschaften unverzichtbar. Eine Abschaltung komme laut Daniel Buchholz nicht in Frage. „Unter anderem, um Alternativen zur Nutzung von Neutronenquellen zu testen“, sagt der wissenschaftspolitische Sprecher der SPD. Etwa 200 Experimente führen die Wissenschaftler in Wannsee jährlich durch, dabei werden 2,5 Kilogramm Uran jährlich verbraucht. Sie suchen unter anderem nach Alternativen zur Forschung am Reaktor. In zehn bis 15 Jahren sollen die Forschungen an der radioaktiven Quelle nicht mehr notwendig sein. Dann werde der Reaktor abgeschaltet, sagt Buchholz.

Karte: Das Helmholtz-Zentrum von oben:

Wenn der neue Flughafen BER im kommenden Jahr eröffnet wird, sollen laut Beschluss der Fluglärmkommission die Abflugrouten in östliche, nordöstliche und nördliche Richtungen über den Reaktor in Wannsee führen. Aus den Unterlagen der Berliner Atomaufsichtsbehörde geht allerdings hervor, dass es zur Kernschmelze kommen könnte, wenn das Reaktorgebäude von einem abstürzenden Flugzeug oder Teilen davon getroffen wird.

Der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz schloß aus, dass umfangreiche Baumaßnahmen am Dach eingeleitet werden, wenn der Test ergibt, dass die konventionelle Industriedecke über dem Reaktorbecken nicht ausreichend gegen Flugzeugabstürze oder Terroranschläge sichert.

Vielmehr solle sich Umweltsenatorin Lompscher beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung „für eine Ausweitung des Flugbeschränkungsgebiets im Bereich des Forschungsreaktors einsetzen“. Auch die Helmholtz-Gesellschaft würde eine Ausweitung der Flugverbotszone begrüßen, sagt Ina Helms, Sprecherin des Forschungsreaktors. Derzeit dürfen sich bis zu einer Höhe von 700 Meter und in einem Radius von 1300 Metern keine Flieger dem Reaktor nähern – eine elektronische Überwachung gibt es nicht.

In einem Bericht über den Forschungsreaktor im ARD-Magazin „Kontraste“ hatte ein ehemaliger leitender Mitarbeiter der Konstruktionsabteilung gesagt, dass es Risse im Kühlsystem gebe, aus dem Wasser tropfe. Zwar gebe es eine undichte Stelle. Die Umweltverwaltung bestätigte jedoch, dass das Leck „sicherheitstechnisch nicht relevant“ sei. „Trotzdem wollen wir, dass die Stelle noch mal überprüft wird“, sagt Buchholz.

Ebenfalls in Augenschein genommen werden soll die auf dem Gelände der Helmholtz-Gesellschaft liegende Zwischenlagerstätte für schwach radioaktiven Müll. Hier wird radioaktiver Abfall, etwa aus alten Röntgengeräten, verarbeitet und zum Teil mehrere Jahre lang deponiert. „Unser Ziel ist es, das Zwischenlager mittel- und langfristig zu verlegen“, betont Daniel Buchholz.