"U12"

Legendäre Berliner U-Bahn-Linie 1 kehrt zurück

Die legendäre Linie 1, die in den 80er-Jahren quer durch den Westteil Berlins führte und der ein eigenes Musical gewidmet wurde, erlebt für einige Monate eine Renaissance – als U12.

Foto: Michael Brunner

Berlin bekommt eine weitere U-Bahn-Linie – zumindest für einige Monate. Am kommenden Freitag (24. Juni 2011) richten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Linie U12 ein. Unter dieser Kennung werden dann bis voraussichtlich Mitte November U-Bahn-Züge zwischen den Bahnhöfen Warschauer Straße und Olympia-Stadion fahren. Was von der BVG als Erleichterung für baustellengeplagte Fahrgäste gedacht ist, lässt zugleich einen alten Mythos wiederaufleben. Denn die Streckenführung entspricht fast genau der legendären Linie 1 aus Westberliner Zeiten, die vor gut 25 Jahren Pate stand für das gleichnamige Erfolgs-Musical des Grips-Theaters.

Der BVG, die die neue Linie bislang lediglich mit einem kleinen Hinweis in ihrer Kundenzeitschrift ankündigte, geht es aber vor allem um den praktischen Nutzen. Denn seit Anfang Mai ist der U-Bahnhof Gleisdreieck in Kreuzberg wieder Großbaustelle. Der mehr als 100 Jahre alte Kreuzungsbahnhof wird schrittweise saniert und modernisiert. In diesem Jahr stehen unter anderem die Erneuerung der unteren Bahnsteigebene und der Einbau eines Aufzugs auf dem Programm. Für die Nutzer der U2 heißt dies aber: Umsteigen und Warten. Die Linie ist zwischen Gleisdreieck und Wittenbergplatz unterbrochen, zwischen Potsdamer Platz und Gleisdreieck fahren die Züge nur noch alle zehn Minuten. Wer von West nach Ost oder umgekehrt will, muss zweimal umsteigen und eine längere Fahrzeit in Kauf nehmen.

Die U12, die ab Freitag von Warschauer Straße über Gleisdreieck, Wittenbergplatz und Bahnhof Zoo bis Olympia-Stadion geführt wird, verbindet dann den östlichen Streckenabschnitt der U1 mit dem westlichen Ast der U2. Dies ist auch der Grund für die ungewöhnliche Linien-Bezeichnung, denn bei durchgehender Nummerierung müsste in Berlin eigentlich die Linie U10 folgen. Doch eine Abweichung von dieser Logik gibt es bei der BVG ja bereits mit der U55, die vom Hauptbahnhof bis zum Brandenburger Tor führt. Die Stummellinie ist somit Teil der U5, die bis 2018 von Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor verlängert werden soll.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb begrüßte die Entscheidung der BVG, das bisherige Baustellenmanagement zu korrigieren. „Wir freuen uns, dass die BVG bereit ist, Entscheidungen auch zu korrigieren“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Hauptvorteil der neuen Regelung, die ursprünglich von der BVG nicht geplant war: Die zahlreichen U-2-Nutzer müssen dann einmal weniger umsteigen. Die eigentliche U1 wird während dieser Zeit auf den Streckenabschnitt Wittenbergplatz-Uhlandstraße verkürzt (10-Minuten-Takt), die Züge der U2 fahren währenddessen nur noch zwischen Pankow und Gleisdreieck.

Eine Linie U12 hat die BVG in der Vergangenheit bereits mehrfach eingerichtet. Zwischen 1993 und 2003 bestand sie als Großveranstaltungs- und Nachtverkehrslinie, auch 2006/07 diente sie bereits als Ersatz für die U2, als wegen Brückenbauarbeiten auf dem Streckenabschnitt zwischen Gleisdreieck und Bülowstraße zeitweilig kein Zugverkehr möglich war.

Die U12 entspricht fast der historischen Streckenführung der U-Bahn-Linie1, die in den 80er-Jahren von Ruhleben in Spandau über den Bahnhof Zoo in Charlottenburg bis zum Schlesischen Tor nach Kreuzberg einmal quer durch den Westteil Berlins führte. Erst nach dem Mauerfall kam die Linienverlängerung bis Warschauer Straße. Bei einer Fahrt mit der U1 konnte man damals die unterschiedlichsten sozialen Milieus und Charaktere kennenlernen. Genau dies war auch die dramaturgische Grundidee für das Musical „Linie 1“, das am 30. April 1986 am Grips-Theater uraufgeführt wurde und heute zu den erfolgreichsten Produktionen weltweit zählt. Nicht immer wird dann zwar mit der U-Bahn gefahren, so wird etwa bei Aufführungen in Südafrika das Geschehen in die dort verbreiteten Sammeltaxis verlegt. Doch Ohrwürmer wie „Du sitz mir gegenüber“, die „Wilmersdorfer Witwen“ oder eben „Linie 1“ sind ohne die quietschenden gelben Wagen kaum vorstellbar. Gerade erst im April wurden im Grips-Theater „25 Jahre Linie 1“ groß gefeiert. In der Linie U12 von heute wird der Musical-Erfolg allerdings keine Rolle spielen. „Das ist für uns eine reine Verkehrsmaßnahme während der Bauzeit“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz.