Thimon von Berlepsch

So verzaubert der Magier vom Soho House Berlin

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Julia Siepmann

Foto: Massimo Rodari

Thimon von Berlepsch tritt im „Hotel de Rome" und im „Soho House" auf. Morgenpost Online hat den Magier und Gedankenleser besucht – inklusive eines verblüffenden Selbstversuchs.

Die langen schlanken Finger haben ihn verraten. Wer sich fragt, welcher von den männlichen Gästen in der Lobby des „Hotel de Rome“ der Magier Thimon von Berlepsch sein könnte, hat ihn nach spätestens zwei Minuten zwischen all den ein- und auscheckenden Herren identifiziert. Mit fließenden Bewegungen scheinen seine gepflegten Hände jedes seiner gesprochenen Worte zu unterstreichen, während er ein kurzes Gespräch mit dem Concierge des Hotels führt. Gut vorstellbar, dass gleich aus dem Nichts plötzlich drei Spielkarten zwischen Zeige- und Ringfinger entlanggleiten oder der Magier kurz eine seiner lilafarbenen Visitenkarten über seine Fingerspitzen schweben lässt.

Aufgewachsen auf dem Schloss

Thimon von Berlepsch ist kein gewöhnlicher Zauberer, wie man ihn vielleicht für Kindergeburtstage bestellt. Er zaubert keine Kaninchen aus dem Hut und verknotet keine länglichen Luftballons zu Tierfiguren. Er ist auch nicht wie David Copperfield, der in einer seiner Vegas-Shows über die Bühne flog oder ein anderes Mal ein Flugzeug verschwinden ließ. Thimon von Berlepsch ist so etwas wie der Gentleman unter den Zauberern, der Illusionsshows für ein gut betuchtes Publikum anbietet.

Einen Zauberer stellt man sich älter und ein bisschen unheimlich vor. Wie den stets etwas düster wirkenden Erik Jan Hanussen, der in den 30er-Jahren im Varieté „Scala“ Abend für Abend die Gedanken der Zuschauer las. Vor dem schmalen dunkelblonden Mann mit den braunen Augen, der sich nun auf das üppig gepolsterte Sofa in der holzvertäfelten Präsidentensuite des „Hotel de Rome“ fallen lässt, braucht man keine Angst zu haben. Höflich und zuvorkommend, dabei locker und aufgeschlossen, erzählt er von den „Magischen Abenden“, die er in der Suite alle vier Wochen abhält. Wie er versucht, seine Tricks nicht schnöde hintereinander vorzuführen, sondern sie lieber in Reisegeschichten einbettet. Und dass immer nur genau 23 Personen zu seinem „Secret Circle“ zugelassen werden, weil das eben „die Zahl der Illuminaten“ sei. Und schon ist man mitten drin, in der Welt der Magier, Illusionisten und Hellseher.

„Geben Sie mir mal Ihre Uhr“, sagt er und wirft dann einen kurzen Blick auf die Ziffern: „Jetzt haben wir elf Uhr.“ Er umschließt die Uhr mit der rechten Hand und schaut mich an: „Ich werde Ihnen jetzt ein wenig Zeit schenken.“ Elegant lässt er die Finger auseinander gleiten und – schwupps – ist der Minutenzeiger eine Viertelstunde zurückgestellt. Wie geht das? Unmöglich, dass der Zauberer vor meinen Augen unauffällig an der Uhr gedreht hat. Mit Argusaugen hatte ich seine geschlossene Faust im Blick. Doch der Spuk ist nicht vorbei.

„Jetzt denken Sie an eine Zahl zwischen 10 und 30“, fordert er mich auf. Heimlich denke ich an die 25. Schnell gibt mir der Zauberer die Uhr zurück. Auf dem Ziffernblatt sind genau weitere 25 Minuten vergangen. Ich schweige, von Berlepsch lacht. Er freut sich, wenn die Leute verblüfft sind, weniger mag er es, wenn sie danach zu viel nach irgendeiner „Technik“ fragen. Die verrät er sowieso nicht. „Ich möchte den Menschen einen magischen Moment schenken“, sagt der 32-Jährige, „sie sollen die Realität einfach mal für eine Weile ausblenden.“ Nach dem Hier und Jetzt, nach Berlin-Mitte im Jahr 2011, sieht Thimon von Berlepsch selbst jedoch auch nicht aus.

Mit seiner Kleidung, einem braunen Seidenhemd samt passender Weste und seinem Amulett, das er an einem Lederband um den Hals trägt, hätte er auch 100 Jahre früher über die Straße gehen können. Und tatsächlich ist Thimon Baron von Berlepsch, wie seine Anrede korrekt wäre, auf einem Schloss in Hessen aufgewachsen. Seit 1396 befindet sich Schloss Berlepsch in Familienbesitz, früher wurde es auch als Hotel und Restaurant genutzt. Hier fand der damals 13-jährige Thimon auf dem Dachboden zwischen Möbeln und Koffern jenen Gegenstand, der sein Leben verändern würde: „Moderne Salon Magie“, ein in braunes Leder gebundenes Buch aus dem 19. Jahrhundert, das in altdeutschen Lettern und feinen Schwarz-Weiß-Skizzen das Einmaleins der Zauberei erklärte.

Nun hat er eine Wohnung in Berlin

„Ich war sofort fasziniert und habe rund um die Uhr gelesen“, erzählt der in Nürnberg geborene Künstler. Anstatt mit seinen Freunden durch die angrenzenden Wälder zu toben, übte der Junge im Schloss erste Kunststücke. Seine Eltern, weltgewandte Leute, unterstützen den Sohn. So war es sein Vater, von dem er seine ersten Requisiten bekam, einen Zauberkasten, den dieser von Harrods aus London mitgebracht hatte. „Damit habe ich mich rund um die Uhr beschäftigt“, erzählt von Berlepsch, „selbst die halbe Stunde im Bus auf dem Weg zur Schule habe ich geübt.“ Wie viele Zauberlehrlinge habe er auch mit Kartentricks angefangen, erzählt er, „die Fingerfertigkeit für das Verschwindenlassen einer Münze hat man erst viel später“. Kann denn jeder durch intensive Übung ein guter Zauberer werden? Von Berlepsch schaut nachdenklich auf sein antiquarisches Zauberbuch, das auf dem Couchtisch im „Hotel de Rome“ liegt. „Talent gehört unbedingt dazu“, sagt er dann, „aber es ist wie mit dem Klavierspielen. Jeder kann es lernen, aber nur wenige stechen heraus.“

Leidenschaft, Neugier und eine große Portion Menschenkenntnis, alles Dinge, die dem Sohn einer Brasilianerin und eines deutschen Adeligen von seinen Eltern vermittelt wurden, seien besten Zutaten für einen guten Salon-Magier, ebenso ein guter Mentor. Den fand der junge Baron mit 15 Jahren in dem Magier Carlhorst Meier. Meier, berühmt für seine Manipulationsnummer mit Zigarettenfang, seine Billardball- und Fingerhutmanipulationen war auch ein Virtuose der Kartenkunst und „Mentalmagie“. Vor allem war er ein Anhänger von Dai Vernon. Vernon, einer der einflussreichsten Zauberer und Kartenkünstler des 20. Jahrhunderts, empfahl seinen Schülern stets ein „natürliches“ und unaffektiertes Auftreten. Methoden, die auch Thimon von Berlepsch verinnerlichte. Statt großer Bühne mit aufwendiger Show liebt er ein privates Ambiente und kleine Requisiten.

Mal lässt er im „Soho House“ in Mitte eine kleine Salzbrezel schweben, mal im Luxushotel einen Ring verschwinden. Manchmal hypnotisiert er sein Publikum auch. Eine winzige Kostprobe davon gibt er bei unserem Besuch. „Schließen Sie die Augen und strecken Ihre Arme parallel aus“, sagt er mit ruhiger Stimme, „die Handinnenflächen sind einander zugewandt.“ Aufrecht, die Arme im rechten Winkel von mir gestreckt, sitze ich auf dem Polster. Von Berlepsch murmelt, dass sich die Hände nun langsam wie zwei Magnete aufeinander zu bewegen sollen. Iach atme ruhig. Es ist still im Zimmer, nur zwischendurch knackt ein Gelenk. Ich blinzele und öffne die Augen einen kleinen Spalt. Überrascht stelle ich fest, dass die Arme nicht mehr parallel sind, sondern mit dem Oberkörper ein Dreieck bilden, sich die Fingerspitzen fast berühren. Erstaunt öffne ich die Augen. Von Berlepsch schmunzelt. Mit etwas mehr Zeit hätte er mir auch suggerieren können, dass ich ihn als Lady Gaga, wahrnehmen würde. „Sie würden dann versuchen, sich auf Englisch mit mir zu unterhalten“, sagt er.

Hat er von der Geschichte gehört, dass in Amerika jüngst ein Hypnotiseur wegen eines Kreislaufkollapses nicht mehr in der Lage war, seine in Trance versetzten Leute in die Wirklichkeit zurückzuholen? „Ach, das wäre halb so schlimm“, sagt von Berlepsch, „kein Mensch kann ewig hypnotisiert bleiben, nach einiger Zeit fällt er einfach in tiefen Schlaf.“ Er selbst habe die aufregendsten Erlebnisse mit der Magie auf seinen zahlreichen Reisen gehabt. In manchen Ländern wurde er nach Vorführung seiner Illusions-Nummern wie ein hoher Schamane oder Gott behandelt. „Du musst allerdings genau wissen, was gut ankommt“, erklärt der Adelige, „wenn du in Indien bloß einfache Kartentricks zeigst, ist niemand beeindruckt. Wenn du aber aus 100 Rupien plötzlich 1000 machen kannst, dann verehren sie dich, weil du doch unendlich reich sein musst.“