"Easy Abi"-Abzocke

Wie betrogene Abiturienten ihren Ball feiern

Nach der Ball-Abzocke wollten Berliner Schüler im letzten Moment noch eine würdige Feier auf die Beine stellen. Dank Spenden und Sponsoren klappte das - auch wenn die Partys kleiner wurden als ursprünglich geplant.

Foto: dpa / dpa/DPA

Im Innenhof des Bendlerblocks, an der Gedenkstätte des deutschen Widerstands, ist wohl selten so viel fröhliches Gelächter zu hören wie an diesem Freitagabend. Es ist Fototermin für den Abi-Jahrgang des Sartre-Gymnasiums aus Marzahn-Hellersdorf. Die jungen Männer in ihren schicken Anzügen werden rund um ihre Mitschülerinnen in zumeist bodenlangen Abendkleidern drapiert. Bunte Farben sind angesagt bei den Abiturientinnen, rot, lila, hellgrün sind ihre Kleider; die Haare sind hochgesteckt oder in Locken gelegt, wie Filmstars sehen sie aus.

Nach den Fotos geht es ins Hotel Maritim gegenüber, zum Abiball, der wegen des Betrugsskandals um die Eventagentur Easy Abi fast nicht stattgefunden hätte. Spontan ist das Hotel den jungen Leuten und ihren Familien jedoch entgegengekommen: Nur 36 statt noch einmal 50 Euro pro Karte müssen sie zahlen. 350 Gäste sind da, 100 weniger als ursprünglich geplant. Nicht jeder habe noch einmal Eintritt bezahlen wollen, sagt Paul Müller. Der 19-Jährige hat als Organisator seines eigenen Abschlussballs stressige Tage hinter sich. „Die Mädels wollten ihren Traumball auf jeden Fall auch in ihrem Traumballsaal“, sagt Paul. Um sicherzustellen, dass das im Leben einzigartige Ereignis wie geplant stattfinden kann, mussten er und das Festkomitee einige Krisentreffen absolvieren. Und Spenden haben sie auch gesammelt. „Die Unterstützung von allen Seiten war toll“, sagt Paul.

„Die letzten Tage sind jetzt egal“

Die Stimmung im Saal lässt nichts mehr vom Stress der vergangenen Tage vermuten. Auf Stühlen mit weißen Überwürfen an Tischen mit vielarmigen Kerzenständern sitzen die Abiturienten mit ihren Familien. „Heute Abend wollen wir nur an die Feier denken, die letzten Tage sind jetzt egal“, sagt die 19-jährige Laura. Der Abend ist festlich. Zur Eröffnung spielt Abiturient Richard Lerch auf dem Flügel ein Prelude von Chopin. Ein halbes Jahr hat er für diesen Moment geübt.

Während die Abiturienten ihren geretteten Ball feiern, erhöhen zur selben Zeit Polizei und Justiz den Druck auf die Verantwortlichen der Firma „Easy Abi“. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsrichter am Freitagnachmittag Haftbefehle gegen zwei Manager erlassen. Firmengründer David H. (27) und der nach Bekanntwerden der Vorwürfe in der vergangenen Woche zurückgetretene Geschäftsführer Rainer S. (64) wurden am frühen Abend in ihren Wohnungen festgenommen. Gegen die Männer, die noch am Wochenende vernommen werden sollen, besteht inzwischen der dringende Verdacht der Untreue. Inzwischen sitzen beide Männer im Polizeigewahrsam und werden voraussichtlich Anfang kommender Woche in eine Untersuchungshaftanstalt gebracht.

Die jungen Frauen und Männer des Sartre-Gymnasiums sind nicht die einzigen, die um ihren Ball gekämpft haben. Am Freitag hatten tagsüber als Römer und Gladiatoren verkleidete Abiturienten des Dathe-Gymnasiums aus Friedrichshain auf dem Alexanderplatz Geld für ihre Abi-Feier gesammelt. Die Schüler wollen einen würdigen Abschlussball. Insgesamt 13000 Euro haben die Abiturienten der Dathe-Schule bei der Agentur Easy Abi verloren. So erging es zahlreichen Abiturjahrgängen von Berliner Schulen. 89 Strafanzeigen sind inzwischen bei der Polizei eingegangen. Die rechnet mit einem Gesamtschaden von mehreren Hunderttausend Euro.

Jeder Passant, der auf dem Alex eine Münze in die Sammelbüchse der Dathe-Schüler steckte, erhielt ein Stück selbstgebackenen Kuchen. „Die Leute sind sehr offen, fast jeder, den wir angesprochen haben, hat etwas gegeben“, sagt Meika. Etwa 400 Euro haben die Schüler so zusammenbekommen. Und auch einen Großsponsor haben sie schon: Das Autohaus Koch sponsert zehn Euro pro Teilnehmerkarte. So kann der Abschlussball wie geplant in den Tegeler Seeterrassen stattfinden, mit kleinen Abstrichen. „Die Blumen für die Dekoration müssen wir wohl selber pflücken oder weglassen, und auch die beiden Flügel, die wir für die Karaokeeinlage mieten wollten, sind jetzt zu teuer“, sagte Josephine. Spontan gesellten sich an der Weltzeituhr Abiturienten von weiteren betrogenen Schulen dazu, die ihren Frust über die Agentur Easy Abi loswerden wollten.

Kein Geld: Ballkleid zurückgegeben

Essraa Ayada vom Max-Planck-Gymnasium freut sich auf ihren Abiball am Sonnabend, allerdings wird sie weniger Gäste mitnehmen als ursprünglich geplant. Ihre Klassenkameradin Myroslava erzählt, dass sie gerade ihr Ballkleid wieder ins Geschäft zurückgebracht hat, um sich die Karten leisten zu können. Myroslava weiß, dass sie noch Glück im Unglück hatte. Das Geld für die Abi-Reise, die die Schüler ebenfalls über Easy Abi gebucht hatten, ist noch beim Reiseveranstalter angekommen. Viele haben hier jedoch doppelt Geld verloren. Allein bei Rainbow-Tours hatte Easy Abi Reisen für zehn Berliner Abi-Klassen gebucht, meist nach Spanien oder Bulgarien. Jeder Schüler musste zwischen 350 und 550 Euro dafür bezahlen.

Easy Abi hatte das Geld zwar bei den Schülern eingezogen, aber nie an Rainbow-Tours weitergeleitet. Jetzt entschied die Agentur, die Jugendlichen trotzdem reisen zu lassen und die Kosten selbst zu übernehmen. „Uns entstand ein Schaden im mittleren fünfstelligen Bereich“, sagt Christian Wellinghorst von der Vertriebsleitung. Doch der Veranstalter wollte die Jugendlichen, die sich lange auf die letzte gemeinsame Reise gefreut haben, nicht im Stich lassen. Auch die Berliner Flughäfen zeigen sich spendierfreudig und unterstützen zwei Schulen in Eichwalde und Adlershof mit mehreren Tausend Euro.

Mit den bei der Polizeirazzia am Donnerstag beschlagnahmten 360000 Euro können die Schüler vorerst nicht rechnen, sagt Rechtsanwalt Karun Dutta. Das Geschäftskonto und die Privatkonten der Beschuldigten wurden gepfändet. Der ehemalige und der neue Inhaber beschuldigen sich gegenseitig, für das Verschwinden des Geldes verantwortlich zu sein.