Arbeitsvermittlung

Ohne klare Regeln geht nichts im Jobcenter

Jeder vierte Mitarbeiter eines Jobcenters wurde schon einmal Opfer eines Übergriffs. Frau Berthold hat keine Angst. Sie kämpft eher mit der Bürokratie und der Chancenlosigkeit ihrer Kunden. Ein Besuch in der Arbeitsvermittlung Berlin-Moabit.

Draußen schaukeln Kinder. Vier Mädchen, ein Junge, sie lachen und kreischen, es sind Geräusche, die Zukunft versprechen. Drinnen hört man sie nicht. Den Spielplatz nimmt hier kaum einer wahr, in das Jobcenter Mitte gehen die meisten mit hängenden Köpfen. Am Eingang werden sie in zwei Gruppen eingeteilt. Die mit Termin dürfen durchgehen, die ohne müssen sich in einem Raum mit Absperrbändern anstellen wie in der Abfertigungshalle eines Flughafens. Nur wartet hinter der kleinen Tür, durch die sie alle wollen, keine schöne Reise. Da hängt bloß ein Schild: „E.047-E.103 ungerade, E.062-E.118 gerade“ steht darauf. Es sind die Zimmernummern der Arbeitsvermittler.

Auch Frau Berthold hat so eine Nummer, ihr Büro liegt im dritten Stock. Der Raum ist lang und so schmal, dass ihr Tisch schräg im Raum stehen muss. Sonst käme sie gar nicht daran vorbei. Und stünde er an der Wand, könnte sie den Kunden nicht in die Augen sehen. Und das gehe ja nicht, sagt Frau Berthold. Man müsse sich immer auf Augenhöhe begegnen.

Frau Berthold, die eigentlich anders heißt, ist eine kleine Frau auf hohen Schuhen. Sie ist 35, die Haare hat sie sich blond gefärbt. Seit vier Jahren arbeitet sie in der Agentur für Arbeit, Abteilung Markt und Integration. Alle arbeitsuchenden Personen über 25 mit den Anfangsbuchstaben USB bis VUG kommen zu ihr. 330 Menschen sind das aktuell, der Betreuungsschlüssel sollte eigentlich bei 1:100 liegen. Frau Berthold zuckt mit den Schultern, sie ist keine, die sich beschweren würde. Sie macht lieber. Nützt ja eh nichts. Und es gibt genug zu tun. 80.000 Menschen leben allein in Berlin-Mitte von den Zahlungen des Jobcenters, in ganz Berlin sind es knapp 600.000. So viele wie in keiner anderen deutschen Stadt.

Über Hartz-IV-Empfänger wird viel gesprochen, über ihre Chancen und ihre Würde, über Bildungsgutscheine für deren Kinder, Mindestsätze und mögliche Zehn-Euro-Erhöhungen. Über die Arbeit von Frau Berthold spricht eigentlich niemand. Doch seit vor zwei Wochen im Jobcenter Frankfurt eine Frau erst im Büro einer Arbeitsvermittlerin randalierte und dann nach einem tätlichen Angriff auf einen Beamten erschossen wurde, hört auch Frau Berthold häufiger die Frage: „Ist das eigentlich gefährlich, was du machst? Du musst ja echt eine soziale Ader haben!“ Frau Berthold sagt, sie habe noch nie Angst vor einem Kunden gehabt. Klar, mal schlage einer mit der Faust auf den Tisch, weil er einfach verzweifelt sei. Oder eine verlasse kopfschüttelnd den Raum, ohne sich zu verabschieden. Aber das sei es dann auch schon. Die zwei Tasten, die im ganzen Haus einen stillen Alarm auslösen, hat sie noch nie gedrückt. Und eine soziale Ader? Frau Berthold ist das zu kitschig. „Das ist doch ein ganz normaler Beruf.“

„Es kommt gerade nichts rum“

Laut einer Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung fühlen sich 70 Prozent der Mitarbeiter von Jobcentern am Arbeitsplatz gelegentlich unsicher oder bedroht. Jeder Vierte war demnach schon einmal Opfer eines Übergriffs. Unter Übergriff verstehen die Macher der Studie allerdings auch Beleidigungen oder Verweigerungshaltungen. Frau Berthold würde so etwas niemals Übergriff nennen. Man hat sie aber auch nicht gefragt.

Es ist halb acht, wenn Frau Berthold in den Klinkerbau kommt, in dem früher mal Glühlampen produziert wurden und heute Arbeitsplätze. Sie hat dann schon 90 Minuten Zugfahrt hinter sich, jeden Morgen kommt sie aus Brandenburg, da ist sie aufgewachsen, sie hat dort auch studiert, BWL. „Ein bisschen näher ran an Berlin will ich vielleicht schon mal ziehen“, sagt sie. Aber so ganz geheuer scheint ihr die Großstadt auch nicht zu sein. Tasche in die Ecke, Jacke in den Schrank, Laptop an. Sie schaut auf ihren Bildschirm, sichtet die Termine, öffnet das sogenannte Vermittlungs- und Beratungsinformationssystem, kurz: Verbis. Rote, blaue, gelbe Balken leuchten auf, es sieht aus wie in einer Kommandozentrale. In Verbis sind alle Daten der Arbeitsuchenden aus Frau Bertholds Gebiet gespeichert, Alter, Ausbildung, Vorstrafen, empfangene Leistungen, Einsatzmöglichkeiten. Ein Schluck Wasser, dann kann es losgehen.

Frau Berthold steht auf, öffnet die Tür und ruft Jörg Urschinger* auf. Der ist heute zum ersten Mal im Jobcenter, ein hagerer Mann mit grauem Flaum um den Mund, Anfang 50 vielleicht. Urschingers Augen sind traurig, sie huschen hin und her, seine Hände zittern. Er schämt sich offenbar, hier sein zu müssen. „Ich bin seit mehr als 20 Jahren selbstständig, aber es kommt einfach gerad' nichts bei rum.“ Urschinger ist Handelsvertreter, Möbel sind sein Geschäft. Er will das nicht aufgeben, es ist ja sein Kind, wie er sagt, aber er muss es neu aufbauen. Dazu brauche er etwas Zeit, ein Jahr Unterstützung vielleicht, dann werde es schon wieder gehen. Frau Berthold hört sich das alles in Ruhe an. Wenn sie etwas nicht versteht, fragt sie nach, immer leise, immer mit Blick auf Jörg Urschinger. Der weicht ihren Blicken aus, er erträgt sie nicht. So einfach ist das eben nicht mit der Augenhöhe.

Das Gespräch dauert fast eine Dreiviertelstunde, so viel Zeit hat Frau Berthold selten für ihre Kunden. Sie versuche, sie sich trotzdem zu nehmen, sagt sie. Frau Berthold tippt Befehle ein, dann schlägt sie ihm eine Zielvereinbarung vor. 400 Euro soll er ab Mai 2012 pro Monat mit seiner Firma wieder selbst erwirtschaften. Urschinger nickt. Frau Berthold leitet die Angaben jetzt an die Leistungsstelle weiter. Dort werden Urschingers Konten geprüft. Erst danach fällt die Entscheidung, ob er Hartz-IV bekommt. „Die sichern seinen Lebensunterhalt. Wir versuchen, ihn wieder einzugliedern.“ Als Urschinger schon gehen will, dreht er sich noch einmal um. „Ich bin nicht krankenversichert, das konnte ich mir schon lange nicht mehr leisten.“ Frau Berthold atmet tief ein. „Sie sind seit April 2007 verpflichtet, versichert zu sein, Herr Urschinger.“

„Oh. Und jetzt?“

„Wir werden sehen, aber da kommt was auf Sie zu.“

Jörg Urschinger schließt die Augen, seine Schultern fallen nach vorne, als drücke ihn schwere Luft nach unten. „Danke, Frau Berthold.“ Er geht. Als die Tür ins Schloss fällt, sagt sie: „Der Arme, das wird teuer.“ Dann ruft sie den nächsten auf, es muss ja weitergehen.

Es ist kein einfacher Job, den Frau Berthold macht. Wenn man so will, verdient sie ihr Geld mit der Arbeitslosigkeit der anderen. Wenn sie und ihre rund 6000 Kollegen in den zwölf Berliner Jobcentern alles perfekt machen würden, wenn alle mitspielten, der Arbeitsmarkt, die Politik und die Arbeitslosen, dann wäre Frau Berthold selbst irgendwann arbeitslos. Dass das nicht passieren wird, ist klar, die Integrationsquote in Mitte liegt bei circa 15 Prozent. Aber Frau Berthold ist eine, der man es abnimmt, dass sie sich 100 Prozent erhofft. Sie sagt: „Der Kunde und ich haben ja den gleichen Wunsch.“

Die Arbeit im Jobcenter ist kompliziert, selbst für eine Akademikerin. Drei Monate hat sie allein gebraucht, bis sie sich in System, Rechtsgrundlage und Begriffe eingearbeitet hatte: Förderung beruflicher Weiterbildung, Eingliederungszuschuss, Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung, FBW, EGZ, AGH-MAE. Diese Abkürzungen muss man erst mal beherrschen. Das Sozialgesetzbuch II, das die Grundsicherung für Arbeitssuchende regelt, hat elf Kapitel mit 77 Paragrafen. Frau Berthold kennt sich da jetzt aus. Früher hat sie was ganz anderes gemacht, auch öffentlicher Dienst, bei einer Krankenkasse. „War auch gut, aber der Job hat mich mehr gereizt.“ Sie macht nicht viele Worte.

Sechs oder sieben feste Termine vergibt sie pro Tag, außer mittwochs, da arbeitet sie den Papierkram ab, Briefe, Anträge, so was. Hinzu kommen immer noch die spontanen Besucher, die sie zwischen den Terminen hereinlässt. Die brauchen dann etwa die Erlaubnis, eine Woche in den Urlaub fahren zu dürfen oder eine Unterschrift für einen Sprachkurs. Manche ihrer Kunden betreut Frau Berthold schon, seit sie hier anfing. Langzeitarbeitslose, Ungelernte mit Alkoholproblem, Alte, die wohl nie wieder einen Job finden werden. Frau Berthold sagt: „Im nächsten halben Jahr kriege ich die nicht unter.“ In dem Satz liegt keine Ironie, weiter will sie bloß nicht denken. Es wirkt, als wolle sie weder ihren Kunden noch sich selbst die Hoffnung nehmen.

Frau Berthold hat sich ihre 15 Quadratmeter hübsch eingerichtet. Überall stehen Zimmerpflanzen, eine Palme lehnt an der Wand, als wäre sie müde von den ständigen Gesprächen über Arbeit und Geld. An der Tür hängt ein Poster von Goethes Wohnhaus in Weimar, es zeigt den Blick vom Sammlungszimmer fünf Räume weit bis zum Urbinozimmer. „Macht das Büro etwas größer“, sagt sie. Die Wände sind voll von Bildern, van Gogh, Manet, Postkarten von Freunden. Auf einem Kaffeebecher steht: „Ich bin stolz, ein 100% qualifizierter, flexibler, motivierter Angestellter zu sein“. Der war ein Geschenk.

Es gebe solche und solche, sagt Frau Berthold. Die meisten wollen ja arbeiten, fordern Unterstützung ein. Aber bei manchen denkt sie auch: Der hat das Geld nicht verdient. Er nutzt das System aus. Bei ihr am Tisch saß mal ein Mann, der hat ihr ins Gesicht gesagt, dass er sich krankschreiben lässt, wenn sie ihn zu einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme einteilt. „Da wird man auch mal wütend“, sagt Frau Berthold. Gegen eine Krankschreibung ist sie machtlos. Wenn aber jemand seine Pflichten unentschuldigt verletzt, darf sie sanktionieren. Beim ersten Mal kann sie 30 Prozent der Leistungen kürzen, beim zweiten weitere 30, am Schluss alles. Für drei Monate. Bevor sie das tut, forscht sie erst mal nach, warum der Pflicht nicht nachgekommen wurde. Sie weiß, dass an ihren Entscheidungen irgendwie ja auch immer Leben hängen.

Sprachprobleme, Sucht, Schulden

Es klopft. Ein Mann mit langen schwarzen Haaren kommt herein, um seinen Hals hängen Ketten, an den Fingern schwere Ringe, Armreifen. Wenn er läuft, scheppert es, als trage er eine Rüstung. Eine Sozialarbeiterin begleitet ihn. Björn Vester*, 30, ist depressiv, sagt sie, schon seit Jahren, aber eingestanden hat er es sich erst vor kurzem. Er sagt erst mal nichts, nickt bloß. Später wird er erzählen, dass er die Auflagen ja erfüllen wollte, fünf Bewerbungen pro Monat, Passbilder machen, aber er habe sich einfach nicht aufraffen können. Frau Bertholds Telefon klingelt, sie drückt es weg. Das ist jetzt wichtiger hier. Sie stellt ihm einige Fragen, wie es weitergehen soll, was er sich wünscht. Vester rührt sich nicht. Wenn er überhaupt antwortet, dann so leise, dass Frau Berthold ihn kaum versteht. Sie sagt: „Das Wichtigste ist, dass Sie wieder gesund werden.“ Sie könnte ihm jetzt einen Teil seiner Leistungen streichen, er hat sich ja nicht an die Vereinbarungen gehalten. Das macht sie aber nicht. Sie erklärt ihm, dass sie ihn zu einem Fall-Manager überstellt. Das sind Mitarbeiter, die etwas mehr Zeit haben. Sie kümmern sich um die Härtefälle. Um Menschen „mit multiplen Hemmnissen“, wie man sie im Jobcenter nennt. Langzeitarbeitslosigkeit, Sprachprobleme, Krankheit, Sucht, Schulden. Wenn mehrere dieser Hemmnisfaktoren auf eine Person zutreffen, ist Frau Berthold nicht mehr zuständig. Vester wirkt, als ginge ihn das Gespräch nichts an. Als spreche Frau Berthold über einen Fremden.

Frau Bertholds Kunden kommen aus der ganzen Welt, Deutschland, Türkei, Russland, Indien, Südamerika. Die Abwechslung mache ihren Job besonders schön, sagt sie. Manchmal sei das aber auch schwierig, gerade wenn die Kunden überhaupt kein Deutsch verstehen. „Dann muss ich sie auch mal wegschicken und bitten, beim nächsten Mal jemanden mitzubringen, der übersetzen kann.“ Sie spricht Englisch und Französisch, das hilft ihr selten, das bisschen Russisch, was sie versteht, kann sie häufiger gebrauchen.

Manche ihrer Kunden hat Frau Berthold noch nie gesehen. Sie malt sich dann in ihrem Kopf Bilder von ihnen. Wenn man den Namen kennt und das Alter, sagt sie, dann entstehen Gesichter. Einmal kam einer, der war schon drei Jahre in ihrer Kartei. Er hatte bestimmt zehn Einladungen verstreichen lassen. Als er wirklich in der Tür stand, sagte sie: „Ach, mit Ihnen hätte ich ja gar nicht gerechnet!“ Frau Berthold kichert. Schnell hält sie sich die Hand vor den Mund. Kichern, das gehört für sie nicht hier her. Sie legt neues Druckerpapier nach, ein paar Kunden kommen ja noch, 100 Blatt verbraucht sie pro Tag.

Wenn Frau Berthold ihr Büro um 17 Uhr wieder abschließt, wenn sie den langen Flur mit dem blauen Teppich entlangläuft, der die Geräusche ihrer Schritte schluckt, wenn sie dann das Haus verlässt, dem Wachmann zunickt und zurück nach Brandenburg fährt, dann nimmt sie manchmal eine Geschichte mit auf ihre Reise. Jeden Tag ein Dutzend Menschen mit einem Dutzend an Problemen, damit komme sie schon zurecht, sagt sie, aber einfach an der Bürotür abgeben könne man die Gedanken nicht. Zum Beispiel die Gedanken an Familie Voigt*. „Der Mann ist schwer krank, die Frau hat nie eine Ausbildung gemacht. Sie haben drei Kinder, die sind alle behindert. Solche Geschichten vergisst man nicht.“ Sie schweigt kurz. In diesem Fall gehe es jetzt einzig und allein darum, die Frau wieder in Lohn und Brot zu bringen. Irgendwie. Frau Bertholds Gesichtsausdruck sagt: Aber wie soll ich das bloß schaffen? Klar, das sei ein extremer Fall, aber ihr Job sei eben immer auch ein Stück Sozialarbeit. Das Wichtigste sei daher, zuhören zu können. „Vielen wird erst in meinem Büro klar, wie schlimm ihre Situation ist. Die fangen dann hier plötzlich an zu weinen.“

Drinnen ist es jetzt still, auch Frau Bertholds Kollegen haben das Jobcenter verlassen, Kunden dürfen nachmittags eh nicht rein. Am Eingang steht ein Wachmann. Er schaut auf den Spielplatz und hört die Kinder kreischen. Er lacht.

* Namen von der Redaktion geändert