Großrazzia

Berliner Buntmetalldiebe gehen Polizei ins Netz

Die Bundespolizei hat eine bosnische Bande von Buntmetalldieben zerschlagen. Als Hauptverdächtiger gilt ein Mann aus Berlin-Rudow. Zur Führungsriege sollen seine beiden erwachsenen Söhne gehören.

Foto: Steffen Pletl

Nach mehr als zwölf Monaten intensiver Ermittlungen haben Beamte der Bundespolizei am Mittwochmorgen eine kriminelle Organisation zerschlagen, die mit dem Diebstahl von Kupferkabeln einen Schaden von mehr als 500.000 Euro angerichtet haben soll. In Berlin, Rostock und Karlsruhe wurden sieben Haftbefehle vollstreckt, bei dem Zugriff waren auch Spezialkräfte aus dem brandenburgischen Blumberg im Einsatz. Der Diebstahl von Buntmetall hatte immer wieder zu Ausfällen von Bahnverbindungen geführt, weil unterschiedliche Tätergruppen auch in Anlagen von aktiven Zugstrecken Beute gemacht hatten.

Laut Bundespolizeisprecher Sven Drese (35) ist der Auslöser für die Untersuchungen ein Einbruch in ein Bahnstromwerk in Rostock-Dalwitzhof gewesen. „Dort wurden vor einem Jahr Kabel im Wert von 50.000 Euro gestohlen. Weil in der Folge vergleichbare Taten stattfanden, wurde eine Ermittlungsgruppe gegründet.“ Dieser Sonderkommission gelang es in den folgenden Monaten, die Strukturen der aus Bosnien stammenden Bande zu beleuchten. Schließlich ergab sich, dass der Haupttäter ein 51 Jahre alter Mann ist, der seinen Wohnsitz in Berlin-Rudow hat. Zur Führungsriege sollen zudem seine beiden erwachsenen Söhne gehören.

Steuerfahndung ist eingebunden

Den Erkenntnissen der Bundespolizei nach sollen die Beschuldigten teilweise selbst Kupferkabel gestohlen, aber auch über Scheinfirmen Aufträge zum Diebstahl erteilt haben. Auf ihrem Firmensitz – einem Schrottplatz bei Rostock – wurde das Material dann verarbeitet und verkauft. Nach Auskunft eines Beamten wurden am Mittwochmorgen auf diesem Gelände mehrere Tonnen Kabel entdeckt, die im Erdreich versteckt waren, um später verarbeitet zu werden. „Die Tätergruppe soll auch mit gefälschten Berichten und Quittungen über die Ausfuhr des Metalls vom Staat die Umsatzsteuer zurückerstattet bekommen haben. Deswegen ist die Steuerfahndung in die Untersuchung eingebunden“, so Sven Drese.

Zeitgleich schlugen Bundespolizeieinheiten landesweit zu. So wurden fünf Haftbefehle im Raum Rostock vollstreckt, einer in Karlsruhe und einer am Flurweg in Rudow. Im Wohnhaus des mutmaßlichen Haupttäters wurde dessen Sohn mit seiner Familie angetroffen. Als der 25 Jahre alte Beschuldigte die schwer bewaffneten Polizisten sah, gab er auf und ließ die Angehörigen der Beweis- und Festnahmeeinheiten in das Haus.

Im Vorfeld waren die Beamten besonders vorsichtig vorgegangen. „Die Angehörigen dieses Clans haben aktiv Gegenobservation betrieben und sich bei jeder Autofahrt durch mehrere Richtungswechsel versichert, dass ihnen niemand folgt. Zudem haben sie eine Menge Zuträger, die auf die Wohnhäuser aufpassen und sofort mit dem Handy Alarm schlagen, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt“, berichtet Sven Drese. Am Mittwochmorgen haben diese Sicherheitsvorkehrungen keine Wirkung gehabt.

Nach der Verhaftung des 25 Jahre alten Beschuldigten wurde das Haus intensiv durchsucht. Die Beamten beschlagnahmten Papiere, Computer und Mobiltelefone. Ferner wurden zur Begleichung der angenommenen Steuerschuld ein riesiger Plasmafernseher und ein Audi A6 beschlagnahmt. Am frühen Nachmittag teilte die Bundespolizei auf Anfrage mit, dass alle Gesuchten im Alter von 25 bis 51 Jahren gestellt werden konnten, sie wurden noch am selben Tag auf dem Luft- und Landweg zur Kriminalpolizei nach Rostock gebracht, wo die Vernehmungen durchgeführt wurden. Die Einheiten hatten sich bis ins kleine Detail auf den Einsatz vorbereitet. „Wir wussten, dass sich kleine Kinder in dem Haus befanden. Deswegen haben wir eine Psychologin mitgebracht“, so ein Einsatzbeamter. Als die Frau des Verhafteten einen Weinkrampf bekam und zusammenbrach, war eine Rettungssanitäterbesatzung zur Stelle.

Bisherige Ermittlungen ergaben, dass die Bande Kabelmaterial im dreistelligen Tonnenbereich erbeutet hat. Der finanzielle Schaden übersteigt die 500.000-Euro-Grenze. Laut Sven Drese stellt der Diebstahl von Kupferkabeln zunehmend ein Problem dar. „Es wird auch in Anlagen eingebrochen, die im täglichen Schienenverkehr wichtig sind. Es gibt dadurch Ausfälle im Zugverkehr und Unterbrechungen in der Kommunikation.“

Allein am Mittwoch meldete die Brandenburger Polizei drei neue Fälle. So hatten Unbekannte in der Nacht zum Dienstag drei Kupferfallrohre eines Hotels an der Puschkinstraße in Luckenwalde entwendet. Zur selben Zeit gelang es ebenfalls Unbekannten, auf einer Länge von 900 Metern insgesamt 1800 Meter Telefonoberleitungskabel in Klein Schulzendorf von den Masten zu demontieren. Der Schaden wird auf 20.000 Euro geschätzt. In Dahlewitz erbeuteten andere Täter insgesamt 56 Meter sogenannte Kupfererdungen. Schaden: 5000 Euro. Vor wenigen Monaten hatten schwer bewaffnete Einsatzkräfte der Bundespolizei in einem Wohngebiet im brandenburgischen Diedersdorf zwei einschlägig bekannte Täter zunächst beobachtet und nachts in der Siedlung an der Flucht gehindert.